Unomedia

   Der Schlag kam völlig  überraschend. Albert fühlte, wie ihm der Kopf nach hinten gerissen wurde, und der Schmerz durchfuhr ihn echt.

   Gefühlvoll tänzelte er zurück und duckte sich ab, bevor er den nächsten Treffer einstecken mußte. Noch einmal wich er einen Schritt zurück, dann brachte ihm der Tastendruck den Blaster aus der Palette der Waffen schußbereit in die Hand. Aber das Laden kostete Zeit und Konzentration., und ehe er den Energiewerfer hochreißen konnte, war das Monster schon wieder auf Schlagweite heran. Der Treffer, den er jetzt kassierte, war schmerzhafter als alles vorher, und Alberts Energie rutschte gefährlich an den roten Bereich.

   Aber jetzt sprach sein Blaster mit der Sprache der Mythen. Es war ein dumpfes, nur kurzes Geräusch, mit dem die Strahlen in den Körper des fetten Monsters eindrangen, und es verursachte Albert ein orgiastisches Gefühl der Macht, zu sehen wie sich die Formen des stinkenden Untiers erst aufblähten, sich dann in wabernde Fetzen auflösten und in einer plasmatischen Wolke verdampften.

   Der Tod des Monsters hatte neue Kräfte in ihm geweckt. Vorsichtig ging er weiter, versuchte erneut in das Labyrinth einzudringen, in dem er schon einmal gescheitert war. Nur wenige Meter weiter stand er vor der Dreifachgabelung. Der mittlere Weg hatte ihn vor drei Wochen in den sicheren Tod geführt: Ein Abgrund hatte sich plötzlich vor ihm aufgetan, an dessen Boden sich ungezählte stählerne Spitzen drohend nach oben reckten. Hinter ihm hatte sich im gleichen Augenblick ein undurchdringliches Gitter von der Decke gesenkt und den Rückweg unüberwindlich abgeschnitten.

   Nein! Dieser Weg führte in das Nichts.

   Wohin aber dann?

   Oder zurück und einen ganz anderen Weg versuchen?

   Albert kontrollierte seine Waffen, seine Energie, seinen Besitz, machte gründlich Inventur. Er fühlte sich bestens gewappnet. Auf dem Tisch neben ihm stand die Cola-Dose. Schnell nahm er noch einen Schluck, tankte zusätzliche Energie, dann trat er den entscheidenden, kaum mehr rückgängig zu machenden, Schritt in den Gang zur Linken.

   Und sofort sah die Umgebung anders aus, nicht mehr statisch, unveränderlich, nein, in- und durcheinanderfließend bot sie sich ihm dar. Die Farben wechselten, die Räume dehnten und engten sich und aus den Lautsprechern tönten sphärische, überirdische Klänge.

   War er auf dem richtigen Weg?

   Er ging einen weiteren Schritt und vorsichtig noch einen, und dann sah er das Ungeheuer, furchterregend und groß, alles andere überdeckend, Ausgeburt abgründiger Phantasie. Es hatte ein Mickeymausheft in der einen und einen Plasmawerfer in der anderen Hand und schwebte gut einen Meter über dem nun grün schlierenden Boden.

   Nur nicht berühren, dachte Albert und wollte sich vorsichtig, in der Hoffnung, ungesehen geblieben zu sein, zurückziehen.

   Da hörte er ein leises „Klick“, und es wurde schwarz um ihn. Und still. Sogar das kaum hörbare Surren des Kühlgebläses verstummte.

   „Scheiße!“ schrie Albert und erschrak vor seiner eigenen Stimme, die in der Stille und Dunkelheit unwirklich und fremd klang. Bereits das vierte Mal in dieser Nacht fiel der Strom aus. Sonst war das vielleicht ein- oder zweimal passiert, gut, daran konnte man sich gewöhnen. Aber viermal ...

   Albert stand auf und stieß dabei die Cola um, fluchte, denn auf dem Tisch wußte er den Plan des Labyrinths aus dem Level 9. Vorsicht, nicht noch mehr Unheil anrichten!

   Behutsam tastete er sich zum Ausgang, stolperte trotzdem über den Stuhl, erreichte dann aber die Klinke wohlbehalten. Langsam öffnete er die Tür, bereit, sich jeden Augenblick verteidigen zu müssen. Aber er kam ohne Zwischenfall die Treppe hinunter.

   Die Straße zog sich schnurgerade durch die Stadt, von West nach Ost, und der Wind, der kalt und naß durch diese Häuserschlucht heulte, wirbelte schmutzige Papierfetzen, graues Laub und anderen übelriechenden Unrat vor sich her. Die Höhlen der Fenster starrten schwarz und leer auf die Straße hinunter.

   Albert zog die dünne Jacke fester um die Schultern und drückte sich eng an den Wänden entlang. Wenige Meter voraus sah er einen kargen Lichtschimmer aus einer Öffnung, und er hörte Stimmen. Nur noch schwach erinnerte er sich, daß früher dort eine Kneipe gewesen war. Vielleicht könnte er einen heißen Kaffee bekommen und bei Kerzenschein das Ende der Stromsperre abwarten? Er stieß sich mit der Schulter von der Wand ab, nahm Schwung, um die Straße schnell überqueren zu können. Da retteten ihn seine computergeschulten Reflexe und der Sprung zurück auf den Fußweg das Leben, denn den schwarzen Wagen ohne Licht hatte er nicht heranrasen sehen, im Geheul des Sturmes nicht hören können. Wenn er jetzt den Blaster hiergehabt hätte ... Spielerisch richtete Albert den ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand auf den entschwindenden Schatten des Autos und zog den fiktiven Abzug dreimal durch.

   Nun sicherte er erste nach allen Seiten, bevor er einen neuen Versuch wagte, die Straße zu überqueren.

   Die Tür zu Kneipe stieß er mit dem Fuß auf, verharrte kurz, dann duckte er sich und war mit wenigen Schritten mitten im Raum. Das Stimmengewirr verstummte nur einen kurzen Moment, die Kerzen auf den Tischen flackerten im Luftzug und einer, der dicht neben der Tür saß, warf sie krachend ins Schloß. Ansonsten nahm niemand der Leute Notiz von Albert, nicht einmal das Mädchen an der Theke, der das fettige Haar strähnig ins bleiche Gesicht hing.

   Er setzte sich an den einzigen freien Tisch, dorthin, wo er sichere Rückendeckung vermutete und wartete. Keiner beachtete ihn. Es war, als wäre er nie hereingekommen, als gäbe es ihn nicht.

   „Ich möchte einen Kaffee“, rief er, aber der wieder erstarkte Lärm schluckte seine Stimme weit vor der Theke.

   Er stand auf und ging ein paar Schritte auf das Mädchen hinter dem Tresen zu. Das ausgestreckte Bein sah er zu spät. Und so gut waren seine Reflexe auch wieder nicht trainiert, daß er noch hätte reagieren können. Noch während er stürzte, schrie er wütend auf. Oh, kostete das Punkte!

   Das Stimmengewirr hatte in einem schrillen Lachen kulminiert, dann lag Albert unbeachtet, wie er gesessen hatte.

   Mühsam erhob er sich, klopfte mit eine mehr symbolischen Bewegung seine Hosenbeine sauber und schob sich vorsichtig, nach allen Seiten sichernd, zum Ausgang. Er hatte ihn fast erreicht. Eine eisenharte Hand hielt ihn am Ärmel fest.

   „Du bist wohl neu im Viertel?“ wollte der Kerl wissen.

   Aber Albert riß sich los, und mit einer katzengleichen Bewegung war er draußen.

   Im letzten Moment, da er die Tür hinter sich zuschlug, sah er das Licht gleißend hell in den Schankraum springen. Die Energie war wieder zugeschaltet worden. Pfeif auf den Kaffee. Jetzt wollte Albert nur noch zurück.

   Diesmal paßte er über die Straße besser auf. Trotzdem schien sich ein Motorradfahrer auf einer Harley, der gerade vorbeigerast war, einen Spaß daraus zu machen, ihn jagen zu wollen.  Ein Sprung in einen Hauseingang rettete ihn.

   Nein, so schnell würde er sein Zimmer nicht wieder verlassen.

   Aber wo war sein Haus? War er etwa schon vorbeigerannt?

   Der Sturm hatte an Stärke und Wucht zugenommen. Irgendwo schepperte eine schon total verbeulte Tonne gegen einen abgestorbenen Straßenbaum, schlugen eiserne Fensterläden gegen rissige Hauswände. Albert stolperte gegen einen feuchtschweren Abfallhaufen, und ein paar fette Ratten huschten quiekend davon.

   Wo war sein Haus? Er mußte längst da sein! Fern, weit am Ende der Straße, sah er die Lichter eines langsamfahrenden Autos.

   Langsamfahrend? Mit Licht? Das konnte nur Polizei sein. Wenn er doch jetzt ausschalten könnte! Einfach den Schalter umlegen und dann neu starten! Dieses Auto war gewiß das letzte, was er sehen wollte.

   Wo war der verfluchte Hauseingang?!

   Das Polizeifahrzeug kam näher. Es war schwer gepanzerter Wagen mit vielen Auf- und Anbauten, gefährlich, futuristisch aussehend. Garantiert hatten sie ihn längst auf ihren Schirmen.

   Da erkannte Albert seine Haustür, erkannte sie an der nach oben gebogenen Klinke und dem herausgerissenen Schloß. Dann sah er auch im grell peitschenden Licht der Polizeischeinwerfer die Nummer 2374, und er warf sich gegen die Tür, die krachend nachgab. Die Dunkelheit nahm ihn schützend auf und einen kurzen Moment lang hatte er das aus ferner Kindheit bekannte Gefühl, die Decke über den Kopf gezogen zu haben, während sein Vater ihn riemenschwingend suchte.

   Warum hatte er auch auf die Straße gehen müssen? Was hatte er sich von einem schalen Kaffee in einer dreckigen Kneipe erhofft? Ganoven, Ratten, Unrat Schlampen und Polizisten; was wollte er denn anderes finden, vor allem dann, wenn der Strom abgeschaltet war, wo doch jeder wußte, zu welchem Zweck er abgeschaltet wurde?

   Albert taumelte die Treppe hinauf, zählte die Stufen, die Absätze, öffnete seine Tür. Er machte kein Licht, denn das Zimmer lag im anheimelnden Schimmer des Bildschirmes.

   Zwei schnelle Schritte, zielsicheres Huschen der Finger über die Tastatur, und das Tacken des Laufwerkes sandte die Botschaft des wirklichen Lebens.

   Der Plan des Labyrinths war colabraun aber lesbar. Albert nahm den Joystick fest in die Hand. Dieser Teil des Weges war nur Routine, weil hundertmal gegangen. Jetzt werden wir es packen. Hier lauerte das Monster, aber diesmal hatte er den Blaster schon vorher geladen in der Hand, mußte keinen Schlag einstecken, keine Energie verlieren. Der Schuß löste diesen Computeralptraum im Handumdrehen in eine rötlich flimmernde, schnell verdampfende Wolke auf.

   Die Dreifachgabelung. Die Mitte brachte den Tod, der linke Weg führte ihn dem Ungeheuer in die Arme, blieb rechts als letzte Hoffnung, einzige Alternative.

   Noch einmal Inventur. Albert holte tief Luft. Was sollte ihm geschehen? Er hatte noch immer drei Leben in diesem Kampf, genügend Energie, das gesamte Waffenarsenal, Zaubersprüche und den goldenen Schlüssel. Und er hatte an die neunzig Prozent geschafft. In dieser denkwürdigen Nacht würde er sein Ziel erreichen!

   Er tat den Schritt nach rechts und fand sich in einer düsteren, fensterlosen Kammer wieder. Ein Tisch stand darin, darauf ein Computer. Auf dem Bildschirm waren die Worte zu lesen: „Ob Uno- oder Multimedia: Das Universum ist unendlich aber begrenzt...“

Albert ließ sich auf den Stuhl fallen und starrte auf den Bildschirm. Was sollte diese Nachricht? Welche verschlüsselte Botschaft versteckte sich dahinter? Hatte er den Code? Aber aufpassen, bei diesem Programm hatte er schon wahnwitzige Dinge erlebt. Nur nicht hinters Licht führen lassen.

   Langsam zog er seine Niederschriften heran, die - außer dem ausführlichen Plan des großen Labyrinths - alle seine Notizen über „Unomedia“ enthielten. Wo fand er den entscheidenden Hinweis?

   Hier stand etwas über Computer: In einer Truhe, gleich nach Betreten des Verlieses im „Turm der ehernen Elfen“, hatte er eine Formel gefunden. Damals wußte er nichts mit ihr anzufangen. Er hatte sie aber vorsorglich notiert. Jetzt aber ...

   In diesem Moment krachte die Tür in ihrer ganzen Länge splitternd nach innen und zwei, im trüben Gegenlicht der Treppenhausbeleuchtung übernatürlich große Gestalten stürzten mit ihr ins Zimmer, standen sofort wieder auf den Füßen. In den Händen hielten sie einen Knüppel, wie in Albert in noch keinem Adventure gesehen hatte. Er war ähnlich einer Flamme geformt, lief nicht in einer Spitze aus, sondern wurde immer breiter, floureszierte. Plötzlich richtete der eine der Eindringlinge einen Handscheinwerfer auf ihn. Gleißende Helligkeit traf Albert mit der Wucht eines Kanonenschlages, so daß er schützend die Arme vor die Augen riß.

   Ihm mußte etwas einfallen. Sofort!

   Er versuchte sich zu erinnern, welche Waffen ihm noch zur Verfügung standen, aber allein die entsetzliche Nähe der beiden Gestalten ließ seine Energie schwinden.

   „Mitkommen!“ schrie der eine und hob den Knüppel.

   Die Drohung ließ Alberts Energievorrat in den Roten Bereich rutschen. Er hatte Angst. Erstmals bei diesem dämlichen Spiel hatte er eine Angst, die ihm an die Substanz ging: Todesangst.

   Mit dem Joy versuchte er, sich aus der Gefahrenzone zu schieben. Vergebens. Es gelang ihm nicht mehr, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

   Er spürte harte Finger um seinen Arm, fühlte sich hochgerissen. Erkannte er da eine Uniform? Aber alles was so undeutlich, schemenhaft.

   Als sie ihn losließen, beugte er sich sofort wieder über die Konsole. Es mußte noch eine Lösung geben. Er wollte nicht wieder von vorn anfangen müssen. Nicht in dieser Nacht, da der Strom schon viermal abgeschaltet worden war.

   Wieder griffen die Hände nach ihm, aber Albert nahm nur noch das grelle Licht des Scheinwerfers wahr. Es tat seinen von Elektronenstrahldämmer lichtentwöhnten Augen weh, und er schlug verzweifelt mit den geballten Fäusten nach der Lampe, den Gestalten, die sie hielten, ihn störten.

   Da raste der  geflammte Knüppel auf ihn zu!

   Albert fühlte einen letzten Moment, wie die Flamme seinen Kopf berührte, und er spürte im gleichen Augenblick einen furchtbaren Schlag, der durch alle Nervenbahnen gleichzeitig seinen Körper explodieren ließ. Albert stürzte zu Boden, schlug mit dem Gesicht auf eine der leeren Cola-Dosen und blieb liegen. Aus Mund, Nase und Ohren rann Blut, echtes rotes, feuchtes Menschenblut, das schnell gerann.

   „Schalt’ aus“, sagte der Eine und zeigte mit dem Flammenstab auf den Computer.

   Aber der Andere riß nur den Stecker aus der Dose. Dann stiegen die beiden Polizisten die Treppe hinunter, ohne sich umzublicken. Der Strom ging weg. Zum fünften Mal in dieser Nacht.

   Der Schlag kam völlig  überraschend. Albert fühlte, wie ihm der Kopf nach hinten gerissen wurde, und der Schmerz durchfuhr ihn echt.

   Gefühlvoll tänzelte er zurück und duckte sich ab, bevor er den nächsten Treffer einstecken mußte. Noch einmal wich er einen Schritt zurück, dann brachte ihm der Tastendruck den Blaster aus der Palette der Waffen schußbereit in die Hand. Aber das Laden kostete Zeit und Konzentration., und ehe er den Energiewerfer hochreißen konnte, war das Monster schon wieder auf Schlagweite heran. Der Treffer, den er jetzt kassierte, war schmerzhafter als alles vorher, und Alberts Energie rutschte gefährlich an den roten Bereich.

   Aber jetzt sprach sein Blaster mit der Sprache der Mythen. Es war ein dumpfes, nur kurzes Geräusch, mit dem die Strahlen in den Körper des fetten Monsters eindrangen, und es verursachte Albert ein orgiastisches Gefühl der Macht, zu sehen wie sich die Formen des stinkenden Untiers erst aufblähten, sich dann in wabernde Fetzen auflösten und in einer plasmatischen Wolke verdampften.

   Der Tod des Monsters hatte neue Kräfte in ihm geweckt. Vorsichtig ging er weiter, versuchte erneut in das Labyrinth einzudringen, in dem er schon einmal gescheitert war. Nur wenige Meter weiter stand er vor der Dreifachgabelung. Der mittlere Weg hatte ihn vor drei Wochen in den sicheren Tod geführt: Ein Abgrund hatte sich plötzlich vor ihm aufgetan, an dessen Boden sich ungezählte stählerne Spitzen drohend nach oben reckten. Hinter ihm hatte sich im gleichen Augenblick ein undurchdringliches Gitter von der Decke gesenkt und den Rückweg unüberwindlich abgeschnitten.

   Nein! Dieser Weg führte in das Nichts.

   Wohin aber dann?

   Oder zurück und einen ganz anderen Weg versuchen?

   Albert kontrollierte seine Waffen, seine Energie, seinen Besitz, machte gründlich Inventur. Er fühlte sich bestens gewappnet. Auf dem Tisch neben ihm stand die Cola-Dose. Schnell nahm er noch einen Schluck, tankte zusätzliche Energie, dann trat er den entscheidenden, kaum mehr rückgängig zu machenden, Schritt in den Gang zur Linken.

   Und sofort sah die Umgebung anders aus, nicht mehr statisch, unveränderlich, nein, in- und durcheinanderfließend bot sie sich ihm dar. Die Farben wechselten, die Räume dehnten und engten sich und aus den Lautsprechern tönten sphärische, überirdische Klänge.

   War er auf dem richtigen Weg?

   Er ging einen weiteren Schritt und vorsichtig noch einen, und dann sah er das Ungeheuer, furchterregend und groß, alles andere überdeckend, Ausgeburt abgründiger Phantasie. Es hatte ein Mickeymausheft in der einen und einen Plasmawerfer in der anderen Hand und schwebte gut einen Meter über dem nun grün schlierenden Boden.

   Nur nicht berühren, dachte Albert und wollte sich vorsichtig, in der Hoffnung, ungesehen geblieben zu sein, zurückziehen.

   Da hörte er ein leises „Klick“, und es wurde schwarz um ihn. Und still. Sogar das kaum hörbare Surren des Kühlgebläses verstummte.

   „Scheiße!“ schrie Albert und erschrak vor seiner eigenen Stimme, die in der Stille und Dunkelheit unwirklich und fremd klang. Bereits das vierte Mal in dieser Nacht fiel der Strom aus. Sonst war das vielleicht ein- oder zweimal passiert, gut, daran konnte man sich gewöhnen. Aber viermal ...

   Albert stand auf und stieß dabei die Cola um, fluchte, denn auf dem Tisch wußte er den Plan des Labyrinths aus dem Level 9. Vorsicht, nicht noch mehr Unheil anrichten!

   Behutsam tastete er sich zum Ausgang, stolperte trotzdem über den Stuhl, erreichte dann aber die Klinke wohlbehalten. Langsam öffnete er die Tür, bereit, sich jeden Augenblick verteidigen zu müssen. Aber er kam ohne Zwischenfall die Treppe hinunter.

   Die Straße zog sich schnurgerade durch die Stadt, von West nach Ost, und der Wind, der kalt und naß durch diese Häuserschlucht heulte, wirbelte schmutzige Papierfetzen, graues Laub und anderen übelriechenden Unrat vor sich her. Die Höhlen der Fenster starrten schwarz und leer auf die Straße hinunter.

   Albert zog die dünne Jacke fester um die Schultern und drückte sich eng an den Wänden entlang. Wenige Meter voraus sah er einen kargen Lichtschimmer aus einer Öffnung, und er hörte Stimmen. Nur noch schwach erinnerte er sich, daß früher dort eine Kneipe gewesen war. Vielleicht könnte er einen heißen Kaffee bekommen und bei Kerzenschein das Ende der Stromsperre abwarten? Er stieß sich mit der Schulter von der Wand ab, nahm Schwung, um die Straße schnell überqueren zu können. Da retteten ihn seine computergeschulten Reflexe und der Sprung zurück auf den Fußweg das Leben, denn den schwarzen Wagen ohne Licht hatte er nicht heranrasen sehen, im Geheul des Sturmes nicht hören können. Wenn er jetzt den Blaster hiergehabt hätte ... Spielerisch richtete Albert den ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand auf den entschwindenden Schatten des Autos und zog den fiktiven Abzug dreimal durch.

   Nun sicherte er erste nach allen Seiten, bevor er einen neuen Versuch wagte, die Straße zu überqueren.

   Die Tür zu Kneipe stieß er mit dem Fuß auf, verharrte kurz, dann duckte er sich und war mit wenigen Schritten mitten im Raum. Das Stimmengewirr verstummte nur einen kurzen Moment, die Kerzen auf den Tischen flackerten im Luftzug und einer, der dicht neben der Tür saß, warf sie krachend ins Schloß. Ansonsten nahm niemand der Leute Notiz von Albert, nicht einmal das Mädchen an der Theke, der das fettige Haar strähnig ins bleiche Gesicht hing.

   Er setzte sich an den einzigen freien Tisch, dorthin, wo er sichere Rückendeckung vermutete und wartete. Keiner beachtete ihn. Es war, als wäre er nie hereingekommen, als gäbe es ihn nicht.

   „Ich möchte einen Kaffee“, rief er, aber der wieder erstarkte Lärm schluckte seine Stimme weit vor der Theke.

   Er stand auf und ging ein paar Schritte auf das Mädchen hinter dem Tresen zu. Das ausgestreckte Bein sah er zu spät. Und so gut waren seine Reflexe auch wieder nicht trainiert, daß er noch hätte reagieren können. Noch während er stürzte, schrie er wütend auf. Oh, kostete das Punkte!

   Das Stimmengewirr hatte in einem schrillen Lachen kulminiert, dann lag Albert unbeachtet, wie er gesessen hatte.

   Mühsam erhob er sich, klopfte mit eine mehr symbolischen Bewegung seine Hosenbeine sauber und schob sich vorsichtig, nach allen Seiten sichernd, zum Ausgang. Er hatte ihn fast erreicht. Eine eisenharte Hand hielt ihn am Ärmel fest.

   „Du bist wohl neu im Viertel?“ wollte der Kerl wissen.

   Aber Albert riß sich los, und mit einer katzengleichen Bewegung war er draußen.

   Im letzten Moment, da er die Tür hinter sich zuschlug, sah er das Licht gleißend hell in den Schankraum springen. Die Energie war wieder zugeschaltet worden. Pfeif auf den Kaffee. Jetzt wollte Albert nur noch zurück.

   Diesmal paßte er über die Straße besser auf. Trotzdem schien sich ein Motorradfahrer auf einer Harley, der gerade vorbeigerast war, einen Spaß daraus zu machen, ihn jagen zu wollen.  Ein Sprung in einen Hauseingang rettete ihn.

   Nein, so schnell würde er sein Zimmer nicht wieder verlassen.

   Aber wo war sein Haus? War er etwa schon vorbeigerannt?

   Der Sturm hatte an Stärke und Wucht zugenommen. Irgendwo schepperte eine schon total verbeulte Tonne gegen einen abgestorbenen Straßenbaum, schlugen eiserne Fensterläden gegen rissige Hauswände. Albert stolperte gegen einen feuchtschweren Abfallhaufen, und ein paar fette Ratten huschten quiekend davon.

   Wo war sein Haus? Er mußte längst da sein! Fern, weit am Ende der Straße, sah er die Lichter eines langsamfahrenden Autos.

   Langsamfahrend? Mit Licht? Das konnte nur Polizei sein. Wenn er doch jetzt ausschalten könnte! Einfach den Schalter umlegen und dann neu starten! Dieses Auto war gewiß das letzte, was er sehen wollte.

   Wo war der verfluchte Hauseingang?!

   Das Polizeifahrzeug kam näher. Es war schwer gepanzerter Wagen mit vielen Auf- und Anbauten, gefährlich, futuristisch aussehend. Garantiert hatten sie ihn längst auf ihren Schirmen.

   Da erkannte Albert seine Haustür, erkannte sie an der nach oben gebogenen Klinke und dem herausgerissenen Schloß. Dann sah er auch im grell peitschenden Licht der Polizeischeinwerfer die Nummer 2374, und er warf sich gegen die Tür, die krachend nachgab. Die Dunkelheit nahm ihn schützend auf und einen kurzen Moment lang hatte er das aus ferner Kindheit bekannte Gefühl, die Decke über den Kopf gezogen zu haben, während sein Vater ihn riemenschwingend suchte.

   Warum hatte er auch auf die Straße gehen müssen? Was hatte er sich von einem schalen Kaffee in einer dreckigen Kneipe erhofft? Ganoven, Ratten, Unrat Schlampen und Polizisten; was wollte er denn anderes finden, vor allem dann, wenn der Strom abgeschaltet war, wo doch jeder wußte, zu welchem Zweck er abgeschaltet wurde?

   Albert taumelte die Treppe hinauf, zählte die Stufen, die Absätze, öffnete seine Tür. Er machte kein Licht, denn das Zimmer lag im anheimelnden Schimmer des Bildschirmes.

   Zwei schnelle Schritte, zielsicheres Huschen der Finger über die Tastatur, und das Tacken des Laufwerkes sandte die Botschaft des wirklichen Lebens.

   Der Plan des Labyrinths war colabraun aber lesbar. Albert nahm den Joystick fest in die Hand. Dieser Teil des Weges war nur Routine, weil hundertmal gegangen. Jetzt werden wir es packen. Hier lauerte das Monster, aber diesmal hatte er den Blaster schon vorher geladen in der Hand, mußte keinen Schlag einstecken, keine Energie verlieren. Der Schuß löste diesen Computeralptraum im Handumdrehen in eine rötlich flimmernde, schnell verdampfende Wolke auf.

   Die Dreifachgabelung. Die Mitte brachte den Tod, der linke Weg führte ihn dem Ungeheuer in die Arme, blieb rechts als letzte Hoffnung, einzige Alternative.

   Noch einmal Inventur. Albert holte tief Luft. Was sollte ihm geschehen? Er hatte noch immer drei Leben in diesem Kampf, genügend Energie, das gesamte Waffenarsenal, Zaubersprüche und den goldenen Schlüssel. Und er hatte an die neunzig Prozent geschafft. In dieser denkwürdigen Nacht würde er sein Ziel erreichen!

   Er tat den Schritt nach rechts und fand sich in einer düsteren, fensterlosen Kammer wieder. Ein Tisch stand darin, darauf ein Computer. Auf dem Bildschirm waren die Worte zu lesen: „Ob Uno- oder Multimedia: Das Universum ist unendlich aber begrenzt...“

Albert ließ sich auf den Stuhl fallen und starrte auf den Bildschirm. Was sollte diese Nachricht? Welche verschlüsselte Botschaft versteckte sich dahinter? Hatte er den Code? Aber aufpassen, bei diesem Programm hatte er schon wahnwitzige Dinge erlebt. Nur nicht hinters Licht führen lassen.

   Langsam zog er seine Niederschriften heran, die - außer dem ausführlichen Plan des großen Labyrinths - alle seine Notizen über „Unomedia“ enthielten. Wo fand er den entscheidenden Hinweis?

   Hier stand etwas über Computer: In einer Truhe, gleich nach Betreten des Verlieses im „Turm der ehernen Elfen“, hatte er eine Formel gefunden. Damals wußte er nichts mit ihr anzufangen. Er hatte sie aber vorsorglich notiert. Jetzt aber ...

   In diesem Moment krachte die Tür in ihrer ganzen Länge splitternd nach innen und zwei, im trüben Gegenlicht der Treppenhausbeleuchtung übernatürlich große Gestalten stürzten mit ihr ins Zimmer, standen sofort wieder auf den Füßen. In den Händen hielten sie einen Knüppel, wie in Albert in noch keinem Adventure gesehen hatte. Er war ähnlich einer Flamme geformt, lief nicht in einer Spitze aus, sondern wurde immer breiter, floureszierte. Plötzlich richtete der eine der Eindringlinge einen Handscheinwerfer auf ihn. Gleißende Helligkeit traf Albert mit der Wucht eines Kanonenschlages, so daß er schützend die Arme vor die Augen riß.

   Ihm mußte etwas einfallen. Sofort!

   Er versuchte sich zu erinnern, welche Waffen ihm noch zur Verfügung standen, aber allein die entsetzliche Nähe der beiden Gestalten ließ seine Energie schwinden.

   „Mitkommen!“ schrie der eine und hob den Knüppel.

   Die Drohung ließ Alberts Energievorrat in den Roten Bereich rutschen. Er hatte Angst. Erstmals bei diesem dämlichen Spiel hatte er eine Angst, die ihm an die Substanz ging: Todesangst.

   Mit dem Joy versuchte er, sich aus der Gefahrenzone zu schieben. Vergebens. Es gelang ihm nicht mehr, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

   Er spürte harte Finger um seinen Arm, fühlte sich hochgerissen. Erkannte er da eine Uniform? Aber alles was so undeutlich, schemenhaft.

   Als sie ihn losließen, beugte er sich sofort wieder über die Konsole. Es mußte noch eine Lösung geben. Er wollte nicht wieder von vorn anfangen müssen. Nicht in dieser Nacht, da der Strom schon viermal abgeschaltet worden war.

   Wieder griffen die Hände nach ihm, aber Albert nahm nur noch das grelle Licht des Scheinwerfers wahr. Es tat seinen von Elektronenstrahldämmer lichtentwöhnten Augen weh, und er schlug verzweifelt mit den geballten Fäusten nach der Lampe, den Gestalten, die sie hielten, ihn störten.

   Da raste der  geflammte Knüppel auf ihn zu!

   Albert fühlte einen letzten Moment, wie die Flamme seinen Kopf berührte, und er spürte im gleichen Augenblick einen furchtbaren Schlag, der durch alle Nervenbahnen gleichzeitig seinen Körper explodieren ließ. Albert stürzte zu Boden, schlug mit dem Gesicht auf eine der leeren Cola-Dosen und blieb liegen. Aus Mund, Nase und Ohren rann Blut, echtes rotes, feuchtes Menschenblut, das schnell gerann.

   „Schalt’ aus“, sagte der Eine und zeigte mit dem Flammenstab auf den Computer.

   Aber der Andere riß nur den Stecker aus der Dose. Dann stiegen die beiden Polizisten die Treppe hinunter, ohne sich umzublicken. Der Strom ging weg. Zum fünften Mal in dieser Nacht.