Mathematische und naturwissenschaftliche Bildung an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert
Diese Erklärung wurde von folgenden Verbänden verabschiedet:
Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und
naturwissenschaftlichen Unterrichts
(MNU)
Mathematisch-naturwissenschaftlicher Fakultätentag
(MNFT)
Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte
(GDNÄ)
Deutsche Mathematiker-Vereinigung
(DMV)
Verband Deutscher Biologen
(VDBiol)
Gesellschaft Deutscher Chemiker
(GDCh)
Deutsche Physikalische Gesellschaft
(DPG)
Arbeitsgemeinschaft Fachdidaktik der Naturwissenschaften und der
Mathematik
(AFNM)
Gesellschaft für Didaktik der Mathematik
(GDM)
Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik
(GDCP)
Zusammenfassung
Die 3. Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie (TIMSS) brachte es an den Tag: Die Leistungen deutscher Schüler in Mathematik und in den Naturwissenschaften sind schlechter, als die Öffentlichkeit es erwartet, und sie reichen offensichtlich nicht aus, um unsere Jugend in die Lage zu versetzen, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Die Ursachen liegen zum einen im Unterricht selbst, zum anderen in einem Mangel an Akzeptanz, Wertschätzung und Sichtbarkeit von Mathematik und Naturwissenschaften sowie von Bildung überhaupt innerhalb und außerhalb der Schule.
Die mathematische und naturwissenschaftliche Bildung ist ein essentieller Bestandteil der Allgemeinbildung; sie dient der Persönlichkeitsentwicklung durch Vermittlung von Methodenkompetenz, Sachwissen und Haltungen und sie ermöglicht ein grundlegendes fachliches Verständnis für Fragen der Technik und bietet somit die Basis für eine verantwortungsvolle Teilnahme an der gesellschaftlichen Diskussion um Möglichkeiten und Grenzen der technischen Entwicklung. Jedes der Fächer Mathematik, Physik, Chemie und Biologie liefert dazu einen spezifischen Beitrag an disziplinärem Fachwissen. Nur auf der verläßlichen Basis von Fachunterricht trägt fachübergreifendes Lernen dazu bei, Problemstellungen aus Natur und Technik in ihrer Komplexität und Verflechtung begreifbar zu machen. Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht kann seinen Bildungsaufgaben nur dann gerecht werden, wenn folgende Rahmenbedingungen erfüllt sind:
Die unterzeichnenden Fachverbände sehen den nachhaltigen Erfolg des Unterrichts in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern nur dann gewährleistet, wenn sowohl Qualität als auch Quantität des Unterrichts den Grundpositionen entsprechen, die in der beiliegenden Stellungnahme dargestellt sind. Dazu gehört auch und besonders die Förderung der fachdidaktischen Forschung sowie eine ergebnisoffene, wissenschaftlich begleitete empirische Erprobung neuer Unterrichtsansätze.
Die im Frühjahr 1997 veröffentlichten Ergebnisse der 3. Internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie (TIMSS) zeigen, daß es um die mathematische und naturwissenschaftliche Schulbildung in Deutschland im internationalen Vergleich nicht gut bestellt ist. Um eine Neubesinnung in die Wege zu leiten, legen die unterzeichnenden wissenschaftlichen Gesellschaften und Verbände folgende Grundpositionen dar.
1 Bedeutung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Bildung
1.1 Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft
Um für uns und unsere Kinder die drängenden Probleme der Zukunft (z.B.
Ernährung und Gesundheit, Bevölkerungsentwicklung und ihre Folgen, Energieversorgung,
Gestaltung der Lebensbedingungen der Menschen in der Natur) zu lösen, benötigen wir auf
allen Gebieten in unserer Gesellschaft mehr statt weniger Wissenschaft. Im mathematischen
und naturwissenschaftlichen Bereich müssen Grundkenntnisse verfügbar sein, die es jedem
ermöglichen, bei Bedarf weiteres Fachwissen zu erwerben und mit ihm umzugehen.
Eng verknüpft mit einer soliden mathematischen und naturwissenschaftlichen Bildung sind
Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz technischer Entwicklungen: Erst auf der Basis
eines grundlegenden fachlichen Verständnisses kann die Diskussion um Möglichkeiten und
Grenzen technischen Fortschritts verfolgt und verantwortungsvoll mitgestaltet werden.
Mangelnde Bildung in diesem Bereich korrespondiert häufig mit irrationalen Ängsten und
pauschaler Ablehnung von Technik. Deshalb trägt der mathematische und
naturwissenschaftliche Unterricht ganz wesentlich zur Weiterentwicklung und Intensivierung
demokratischer Meinungsbildungsprozesse der Bürgerinnen und Bürger bei. Mathematik und
Naturwissenschaften sind seit ihrer Entstehung international ausgerichtet. Dies ergibt
sich zwangsläufig auch daraus, daß Gegenstand und Methode der Forschung weltweit
übereinstimmen. Die ernsthafte Beschäftigung mit Mathematik und Naturwissenschaften
dient damit zugleich der Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit und
Verständigung.
1.2 Beitrag für Beruf und Studium
Alle Bürgerinnen und Bürger müssen einen Einblick in die Ziele,
Methoden und Ergebnisse wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung einschließlich ihrer
Grenzen erhalten. Der Stellenwert von Mathematik und Naturwissenschaften als Kulturgut und
die Bedeutung der zwar spezifischen, aber vielfältig nutzbaren Methoden dieser
wissenschaftlichen Disziplinen für andere Wissensbereiche müssen erkennbar werden. Nicht
zuletzt erfordert der kritische Umgang mit modernen Unterhaltungs-, Kommunikations- und
Arbeitsmedien ein Mindestmaß an naturwissenschaftlichem und technischem Verständnis.
Mathematische und naturwissenschaftliche Bildung in der Schule muß deshalb zwei
Zielrichtungen im Auge behalten: In erster Linie muß sie sich an den Bedürfnissen
derjenigen jungen Menschen orientieren, die sich für einen Beruf oder ein Studium
außerhalb des mathematischen und naturwissenschaftlichen Gebietes entscheiden,
andererseits muß sie auch eine sichere Basis für alle diejenigen bereitstellen, die nach
der Schule ein mathematisches, naturwissenschaftliches oder technisches Studium oder
Berufsfeld wählen. Beide Ziele können nur erreicht werden, wenn während der gesamten
Schulzeit ein guter, international anerkannter Standard in Mathematik und den
naturwissenschaftlichen Fächern erreicht und gehalten wird.
1.3 Beitrag zur Allgemeinbildung
Die Entwicklung unserer europäischen Kultur, unserer Lebensweise und Lebensqualität, aber auch unser Wohlstand beruhen zu wesentlichen Teilen auf Erkenntnissen in der Mathematik und den Naturwissenschaften als Grundlage von Technik, Medizin und Landwirtschaft. Diese Entwicklung von Mathematik und Naturwissenschaften hat auch viele Bereiche der Geistes-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften geprägt. Damit ist die mathematische und naturwissenschaftliche Bildung ein historisch tief verwurzelter, essentieller Bestandteil der Allgemeinbildung. Sie dient der Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler, indem sie Haltungen, Methodenkompetenz und Sachwissen in ein individuelles und gesellschaftliches Verantwortungsgefüge stellt. Die naturwissenschaftlichen Fächer regen in der Schule zur aktiven Beschäftigung mit der geistigen und materiellen Umgebung an und führen zusammen mit der Mathematik zu ihrer gedanklichen Durchdringung und Strukturierung. Mit seinem Blick auf die Vernetzung naturwissenschaftlicher, technischer, ökologischer, ökonomischer und demografischer Zusammenhänge leistet der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung eines grundlegenden Verständnisses aktueller und langfristiger Probleme. Die Mathematik und die Naturwissenschaften schaffen damit auch Grundlagen für eine rationale Diskussion von Werte-Entscheidungen.
Insgesamt leistet der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht unverzichtbare Beiträge zu folgenden untereinander vernetzten Kompetenzen, die zusammen eine Zielvorstellung von Bildung umschreiben, die für alle Schülerinnen und Schüler anzustreben ist, individuell sicherlich aber nur in differenzierter Ausprägung erreicht werden kann:
2 Der spezielle Beitrag der einzelnen Fächer zur mathematischen und naturwissenschaftlichen Bildung
2.1 Mathematikunterricht
Mathematische Bildung muß integraler Bestandteil der schulischen
Ausbildung sein, wobei sowohl die Vermittlung hinreichender Kenntnisse mathematischer
Methoden wie auch die Darstellung des spezifischen Beitrags der Mathematik zum
Weltverständnis erforderlich sind. Mathematik in der Schule kann sich an drei Aspekten
orientieren:
Im Unterricht müssen diese Aspekte ausgewogen zur Geltung kommen, auch wenn alters-
und schulformgemäß Schwerpunkte gesetzt werden müssen. Dies kann an den wesentlichen
Inhalten des mathematischen Grundwissens erfolgen, indem die Freiheit des mathematischen
Denkens, die Begeisterung für überraschende Schlußfolgerungen und Problemlösungen, die
Suche nach geeigneten Modellen und Begriffen sowie das Ringen um die passende Formulierung
erlebbar gemacht werden. Dies setzt aber eine entsprechende, fachdidaktisch und
unterrichtsmethodisch zu reflektierende Unterrichtskultur voraus. Denn ein aspektereiches
Bild von Mathematik kann nur in einem durch den Lehrer sorgfältig und bewußt gestalteten
schulischen Umfeld entstehen. Inhaltlich gehören zum mathematischen Grundwissen solide
Kenntnisse in Arithmetik, Algebra, Geometrie und Stochastik; in der Oberstufe kommt die
Infinitesimalrechnung hinzu. Das Arbeiten an diesen Stoffen soll exemplarisch
mathematische Methoden sowie mathematisches Formulieren und Beweisen einüben. Dazu
gehören heute der selbstverständliche Einsatz von elektronischen Hilfsmitteln wie
größeren Rechnern oder Taschencomputern. Damit erhalten auch die Probleme des Rechnens
und der Numerik einen vollständig neuen Stellenwert in der Schulmathematik. Insbesondere
hat der Begriff des Experiments in der Mathematik durch den Computer erheblich an
Bedeutung gewonnen. 2.2 Biologieunterricht Biologieunterricht fördert das Kennenlernen ausgewählter Tier- und
Pflanzenarten und die Einsicht in die Einbindung des Menschen in die Natur. Er motiviert
Freude am Umgang mit Lebewesen und die Bereitschaft zum schonenden Umgang mit der Natur.
Er legt die methodischen Grundlagen zum Beobachten und Vergleichen, zur Hypothesenbildung
und zum Experimentieren sowie zur Modellbildung in der Biologie. Inhaltlich gewinnt in der
Mittelstufe das Erfassen allgemeinbiologischer Zusammenhänge auf verschiedenen Ebenen an
Gewicht: auf den Ebenen der Organismen, der Zellen und Biomoleküle, sowie auf den Ebenen
der Populationen, der Lebensgemeinschaften und der Biosphäre. Damit wird die notwendige
Fähigkeit zum abstrakten, systemischen und vernetzten Denken gefördert. Gleichzeitig
stellt der Biologieunterricht inhaltliche Bezüge bei der Bewältigung von
fachübergreifenden Aufgaben wie Umwelterziehung, Gesundheitserziehung, Familien- und
Sexualerziehung her. 2.3 Chemieunterricht Chemieunterricht verfolgt das integrative Zusammenwirken von drei
Arbeitsfeldern: Stoffe und deren Umwandlungen in der unbelebten und belebten Natur werden dabei als
Phänomene im Erfahrungsbereich der Lernenden beobachtet und experimentell erschlossen Im
Anfangsunterricht werden .Phänomene und Beobachtungen zunächst im Kontinuumsbereich,
dann im weiteren Verlauf des Unterrichts durch Hypothesen und Modelle auf der
Diskontinuumsebene gedeutet und durch naturwissenschaftliche Gesetze und Theorien
erklärt. Die Vielfalt der stofflichen Beobachtungen wird systematisiert und
fachlich-terminologisch beschrieben. In der gymnasialen Oberstufe, die auch der allgemeinen Studienvorbereitung dient,
werden komplexere Themen und längere Problemketten bearbeitet und dabei die stofflichen
Rahmenbedingungen des Einzelnen wie unserer gesamten Gesellschaft in lokalen und globalen
Dimensionen thematisiert. So wird deutlich, daß bei der Umsetzung chemischer Kenntnisse
in technische Prozesse und industrielle Zusammenhänge Entscheidungen nicht nur von
chemischen und technischen, sondern auch von ökonomischen, ökologischen und sozialen
Erkenntnissen und ihrer Bewertung abhängen und folglich in einer komplexen Situation
getroffen werden müssen. Ein so verstandenes komplexes und vernetztes Lernen bedarf der
besonderen Berücksichtigung von Schülervorstellungen und der intensiven Kommunikation
zum Austausch dieser Vorstellungen und Wertungen. Er dient damit der Entwicklung
grundlegender Kompetenzen. 2.4 Physikunterricht Die charakteristische Methode der wissenschaftlichen
Erkenntnisgewinnung in der Physik war und ist beispielgebend für Forschungsmethodiken in
anderen Bereichen der Naturwissenschaften, der Geisteswissenschaften bis hin zu den
Sozialwissenschaften. Diesen fachmethodischen Weg von der Beobachtung über die
Modellbildung bis hin zur mathematischen Fassung der Naturgesetze und deren Überprüfung
sollen die Schüler im Unterricht nachvollziehen können. Der Weg von den Anfängen der
Naturwissenschaften bis zu unserem modernen physikalischen Weltbild war eine große
kulturelle Leistung der Menschheit. Auf diesem Weg hat sich in der Physik zwangsläufig
ein eindeutiges Begiffssystem mit physikalischen Größen und international festgelegten
Einheiten herausgebildet. Der einführende Physikunterricht soll einen allgemeinen naturwissenschaftlichen
Bildungsprozeß darstellen. Dies setzt einen kontinuierlichen, frühzeitig beginnenden
Physikunterricht voraus. Viele Themen der Physik bieten sich an, in fachübergreifenden Fragestellungen
aufgegriffen zu werden, z.B. physikalische Gesetze der Akustik in der Musik, optische und
elektrische Gesetze in der Biologie, Gesetze der Atomphysik in der Chemie oder
erkenntnistheoretische Fragestellungen in der Religion oder Philosophie. Wie im folgenden
Absatz dargelegt, wird dabei hohe Sachkompetenz in den einzelnen naturwissenschaftlichen
Fächern vorausgesetzt. 2.5 Fachübergreifendes und fächerverbindendes Arbeiten im
mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht Mathematischer und naturwissenschaftlicher Unterricht wird in
Unterrichtsfächern erteilt, die sich an die wissenschaftlichen Disziplinen Mathematik,
Biologie, Chemie, Physik anlehnen und deshalb auch deren fachspezifische Methoden
vermitteln. Das disziplinäre Fachwissen ist die verläßliche Basis, auf der aufbauend
fachübergreifendes Lernen dazu beiträgt, Problemstellungen aus Natur und Technik in
ihrer Komplexität und Verflechtung begreifbar zu machen. Der mathematische und
naturwissenschaftliche Unterricht wird damit seiner Bildungsaufgabe gerecht,
fachspezifisches Wissen mit Perspektiven anderer Disziplinen zu verknüpfen. So wird auch
eine allgemeine Umwelt- und Gesundheitskompetenz ermöglicht. 3 Entwicklung einer nachhaltigen Unterrichtskultur Lernen und Lehren in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen
Fächern kann nur dann nachhaltig erfolgreich werden, wenn es auf den Grundsätzen der
Selbsttätigkeit und des aktiven Aneignens sowie auf einer dies fördernden
Unterrichtsgestaltung aufbaut. Lernen und Verstehen spielen sich dabei in einem komplexen
Feld ab, das mathematische, biologische, chemische oder physikalische Gegenstände ebenso
umfaßt wie reale Kontexte, individuelle kognitive Strategien und darauf bezogene
Grundvorstellungen. Daneben gehören zur Unterrichtsgestaltung :
Das im letzten Punkt genannte Vernetzen enthält dabei sowohl das Herstellen
innerfachlicher Beziehungen wie auch die Anbindung mathematischer bzw.
naturwissenschaftlicher Themen an Alltags- und Umwelterfahrungen; dieses
fachübergreifende Lernen hat auf allen Schulstufen seinen sinnvollen Platz. 4 Rahmenbedingungen für den mathematischen und
naturwissenschaftlichen Unterrichts in der Schule Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht kann seinen
vielfältigen Bildungsaufgaben nur gerecht werden, wenn folgende Rahmenbedingungen
erfüllt sind:
Im naturwissenschaftlichen Unterricht müssen die organisatorischen Bedingungen für
eine methodisch und sicherheitstechnisch verantwortbare Durchführung von
Schülerexperimenten geschaffen bzw. in Hinblick auf die heute üblichen großen
Klassenfrequenzen neu bedacht werden. Nach den Befunden von TIMSS gehören die deutschen Lehrer im internationalen Vergleich
zu den ältesten. Die Kultusverwaltungen müssen unbedingt dafür Sorge tragen, daß eine
angemessene Altersstruktur der Fachlehrer wieder hergestellt wird. Daher ist heute die
verstärkte Neu-Einstellung junger Kolleginnen und Kollegen unbedingt notwendig. Nur so
kann dem kommenden "Schülerberg" und dem absehbaren Fachlehrer-Mangel Rechnung
getragen und das unverbrauchte Engagement sowie das Innovationspotential der jungen
Kolleginnen und Kollegen für die Schule nutzbar gemacht werden. Die Schulen müssen mit sicherheitsgerechten Fachräumen sowie ausreichend mit Geräten
für Demonstrations- wie für Schülerexperimente ausgestattet werden. Neben der
Erstausstattung muß auch die laufende Ergänzung finanziert werden, die durch
Innovationen, aber auch durch Verschleiß und Verbrauch notwendig wird. Es muß
sichergestellt sein, daß die notwendigen Sachmittel zweckgebunden zur Verfügung stehen.
Eine Unterrichtsstunde, die an Personalkosten größenordnungsmäßig mit etwa 100 DM zu
Buche schlägt, darf n ihrem Erfolg nicht daran scheitern, daß einige wenige Mark an
Sachmitteln fehlen. Für den laufenden Bedarf des mathematischen und
naturwissenschaftlichen Unterrichts sind Sachmittel in der Größenordnung von 5 % der
Personalkosten notwendig. 5 Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung Die zweiphasige Lehrerausbildung hat sich im Prinzip bewährt.
Allerdings muß unbedingt eine engere Verzahnung der beiden Phasen erreicht werden. Die
Ausbildung soll auch weiterhin gleichgewichtig in zwei Fächern erfolgen. Dabei soll wegen
der Notwendigkeit fachübergreifenden Arbeitens der Kombination zweier Naturwissenschaften
oder einer Naturwissenschaft mit Mathematik unbedingt der Vorrang gegeben werden. Die erste Phase der Lehrerausbildung muß für alle Lehrämter an einer
wissenschaftlichen Hochschule stattfinden, damit die künftigen Lehrerinnen und Lehrer die
für ihre spätere Tätigkeit notwendige wissenschaftliche Qualifikation erhalten. Zu
dieser wissenschaftlichen Qualifikation gehören die fachwissenschaftliche, die
fachdidaktische und die erziehungswissenschaftliche Komponente. In der zweiten Phase der Lehrerausbildung sollen die künftigen Lehrer dazu
befähigt werden, den gewählten Beruf eigenständig und verantwortlich ausüben zu
können. Dazu gehören die Entwicklung des Rollenverständnisses als Lehrer und das
Kennenlernen der Struktur von Schule. Dies bedarf einer eingehenden Reflexion und
Einübung der entscheidenden Tätigkeitsfelder im Lehrerberuf: Unterrichten, Erziehen,
Beurteilen, Beraten sowie allgemein die Mitwirkung am Leben einer Schule. Aufgabe der
Studienseminare ist dabei sowohl die Vermittlung der notwendigen
"handwerklichen" Fertigkeiten als auch die qualifizierte Unterstützung zur
Entwicklung selbständigen Handelns in den genannten Tätigkeitsfeldern. Eine ganz
wesentliche Rolle spielt dabei die Entfaltung und Stärkung der experimentellen Kompetenz
des angehenden Lehrers. Hinzu kommt die Fähigkeit, die immer komplexer und für Laien
unverständlicher, gleichwohl aber wichtiger werdenden Erkenntnisse seiner Fächer für
den Unterricht aufzuarbeiten und so den Lernenden zugänglich zu machen. In der Lehrerausbildung müssen auch die Grundlagen für die Fähigkeit und
Bereitschaft zu ständiger pädagogischer, didaktischer und fachwissenschaftlicher Fortbildung
angelegt werden. Nur durch regelmäßige Fortbildung ist es möglich, daß der Lehrer
kompetenter Gesprächspartner seiner Schüler bleibt. Neben der zu intensivierenden Arbeit
der Lehrerfortbildungseinrichtungen i n den Ländern müssen auch die Ressourcen der
Hochschulen, der Studienseminare und die Fortbildungsangebote freier Träger besser
koordiniert und stärker als bisher genutzt werden. Die dort in manchen Bereichen bereits
laufenden Einzelveranstaltungen müssen durch Vorlesungsreihen, Workshops, Seminare,
Praktika o.ä. für Lehrkräfte ergänzt werden. Bonn, im Mai 1998 Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen
Unterrichts (MNU) Mathematisch-naturwissenschaftlicher Fakultätentag (MNFT) Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) Verband Deutscher Biologen (VDBiol) Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) Arbeitsgemeinschaft Fachdidaktik der Naturwissenschaften und der Mathematik (AFNM) Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) Gesellschaft für Didaktik der Chemie und der Physik (GDCP)
Mathematik ist traditionell die Sprache von Naturwissenschaft und Technik, inzwischen ist
sie aber auch in viele andere Disziplinen (Psychologie, Wirtschaftswissenschaften, Medizin
usw.) eingedrungen. Die Verfügbarkeit von Computern hat die Anwendungsmöglichkeiten der
Mathematik und ihrer Methoden in unserer Zeit enorm erweitert. In einer
hochtechnologisierten Welt ist die Mathematik selbst eine zukunftsträchtige
Schlüsseltechnologie. Als Grundlage für Technologie sind die Basisqualifikationen der
Mathematik frühzeitig zu erwerben.
Mathematische Begriffe und Methoden entwickelten sich historisch an Fragestellungen und
Problemen, die auch an gesellschaftliche und praktische Bedingungen gebunden sind.
Mathematik ist also kein abgeschlossener Wissenskanon. Sie ist lebendiges und
phantasievolles Handeln, das auf menschlicher Kreativität beruht. Dieses greift zurück
auf den Wunsch nach ästhetischer Darstellung, auf das freie Spiel, aber auch auf den
Willen zu Diskurs und Begründung.
In höheren Klassenstufen wird durch die intensive Beschäftigung mit den Grundlagen und
neueren Entwicklungen der Genetik und Entwicklungsbiologie, der Stoffwechselphysiologie
und Ökologie sowie der Verhaltensbiologie und Evolutionsbiologie eine theoretische
Vertiefung auf der Grundlage fachspezifischer Denk- und Arbeitsweisen angestrebt. Die
Behandlung der zunehmenden Anwendungsmöglichkeiten der Gentechnik und allgemein der
Biotechnologie erfordern solides Wissen aus verschiedenen Fächern und ethische Reflexion.
Dabei geht es darum, das Spannungsfeld zwischen den neuen Erkenntnissen der
Biowissenschaften, den Anwendungsmöglichkeiten in Medizin, Landwirtschaft, Ernährung,
Wirtschaft und Technik sowie den ethisch-moralischen Grundsätzen menschlichen Handelns
aufzuzeigen.
Die Lernenden erweitern ihre Kenntnisse über Stoff- und Energieströme sowie Kreisläufe
und Gleichgewichte in Natur, Alltag und Technik und vertiefen so ihr Wissen über die
wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen chemischen Erkenntnissen, deren technischer
Anwendung und möglichen Folgen. Sie erkennen, daß die Menschen durch Anwendung der
Wissenschaft Chemie und über die chemische Industrie ihre Lebensqualität wesentlich
mitbestimmen. Sie erwerben die Fähigkeit, chemische Zusammenhänge sowie Absichten und
Folgen menschlichen Handelns besser zu verstehen und kritisch zu werten sowie
Schlußfolgerungen für verantwortungsbewußtes Handeln herzuleiten. Durch eigenes
Experimentieren werden die Lernenden zugleich selbst zu sicherheitsgerechtem und
verantwortungsbewußtem Umgang mit Stoffen angeleitet.
Unter Beachtung der fachmethodischen Erkenntnisgewinnung werden im einführenden
Physikunterricht grundlegende Erkenntnisse aus den mechanischen, optischen, elektrischen
und thermischen Phänomenbereichen vermittelt. Wichtige Aspekte dieses einführenden
Unterrichts sind:
In einem weiterführenden Physikunterricht sollten die Schüler auch in die grundlegenden
Vorstellungen der modernen Physik eingeführt werden. Die Quantentheorie und die
Relativitätstheorie, zusammen mit der Kosmologie, gehören unabweisbar zu einem modernen
naturwissenschaftlichen Weltbild. Unsere heutige Zivilisation, die weitgehend von der
Technik geprägt und von ihr abhängig ist, war erst durch die technologische Umsetzung
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse möglich. Bezüge zu technischen Anwendungen
aufzuzeigen, gehört somit ebenfalls zu einen verantwortungsvollen Physikunterricht.
Darüber hinaus sollten aber auch exemplarisch wichtige technologische Probleme der
Gegenwart und der Zukunft und mögliche Lösungen angesprochen werden. Zu diesem Bereich
gehören beispielsweise Probleme der Energieversorgung, der Verkehrs- und
Kommunikationstechnik und Computeranwendungen.
Das ist nicht nur auf den mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich zu
beschränken, sondern sollte letzten Endes so mit weiteren Disziplinen verbunden werden,
daß das gesamte Lebensumfeld der Lernenden mit einbezogen wird. Die exemplarische
Betonung geschichtlicher Aspekte der Naturwissenschaften und der Technik macht zudem
deutlich, wie die Naturwissenschaften Weltbild und Lebensbedingungen im Laufe der
Entwicklung unserer Zivilisation geprägt haben und weiterhin prägen.
Es ist in der Sekundarstufe unverzichtbar, auch die weitergehenden Formen
fachübergreifenden Arbeitens exemplarisch in sinnvollem Zusammenhang mit grundlegendem
Fachunterricht zu realisieren. Anzustreben ist, in kleineren oder größeren
Zeitabständen fächerverbindend zu arbeiten, wodurch die charakteristischen
Denkstrukturen und Arbeitsweisen der jeweiligen Fächer besonders deutlich werden.
Fachübergreifender Unterricht fordert von den Lehrkräften neben erhöhtem Planungs- und
Koordinationsaufwand Sicherheit in den von ihnen unterrichteten Fächern und Überblick in
den Nachbarfächern sowie die Beherrschung eines breiten Repertoires f achdidaktischer und
unterrichtsmethodischer Vorgehensweisen. Deshalb können die Ziele des fachübergreifenden
Unterrichts weder durch den Einsatz fachfremder Lehrkräfte noch durch Zusammenlegung der
drei naturwissenschaftlichen Fächer zu dem Konstrukt "Naturwissenschaft"
erreicht werden.
Die Weiterentwicklung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts erfordert
somit weitere begrifflich-theoretische fachdidaktische Forschung wie auch eine offene,
kritische und wissenschaftlich begleitete empirische Erprobung neuer Unterrichtsansätze.
Daneben müssen Investitionen für die Nutzung von Multimedia und modernen
Kommunikationsmitteln bereitgestellt werden.
Im fachwissenschaftlichen Teil muß sowohl bei einer schulstufenbezogenen als auch bei
einer schulformbezogenen Ausbildung zumindest während des Grundstudiums (bis zum
Vorexamen) ein gemeinsamer Kernbestand an Vorlesungen, Übungen, Praktika und Seminaren
zwischen dem Studiengang für das Lehramt für die Sekundarstufe II bzw. dem Studiengang
für das Lehramt an Gymnasien einerseits und dem Diplomstudiengang andererseits vorhanden
sein. Durch eine solche gemeinsame fachwissenschaftliche Grundausbildung wird zumindest
für die ersten Semester ein Wechsel ohne wesentlichen Zeitverlust zwischen den Lehramts-
und Diplomstudiengängen ermöglicht. Auch ein Wechsel zwischen den Lehramtsstudiengängen
für die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II bzw. für die Realschule und das
Gymnasium sollte möglich bleiben. Im zweiten Teil des Fachstudiums wird dann sicher eine
berufsbezogenere Akzentuierung notwendig sein. Als gemeinsame Forderung für die beiden
Teile des Studiums ist insbesondere auch für den Lehramtsstudiengang zu fordern, daß
für die Studierenden jeweils relativ abgeschlossene Lehrangebote deutlich werden.
Die bisherige Erfahrung zeigt, daß für die Ausbildung der Hauptschullehrer - unabhängig
von Anspruch und Wissenschaftlichkeit der Ausbildung - eigenständige Konzeptionen
notwendig sind, bei denen erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Aspekte
gegenüber der Fachwissenschaft eine größere Rolle spielen.
Die fachdidaktische Ausbildung soll den künftigen Lehrer in die Lage versetzen, Bedeutung
und Ziele des Unterrichtsfaches zu reflektieren und zu legitimieren, wissenschaftliche
Erkenntnisse über fachbezogene Lernprozesse zu gewinnen, an der Auswahl nd der
didaktischen Rekonstruktion von Fachinhalten verantwortlich teilzuhaben und adäquate
methodische Wege zu finden, zu begründen und selbst zu gestalten. Dieser Anspruch kann
nur durch eine wissenschaftliche Vertretung der Fachdidaktik an den Hochschulen in
Forschung und Lehre sichergestellt und erhalten werden; daher ist die Einrichtung bzw. der
Erhalt solcher Professuren unabdingbar. Zugleich ist eine effektive Kooperation mit den
Studienseminaren und Schulen durch zeitlich begrenzte Abordnungen oder Lehraufträge
sicherzustellen. Sowohl in der fachwissenschaftlichen wie in der fachdidaktischen
Ausbildung müssen in Zukunft von Seiten der Hochschulen verstärkt fachübergreifende
Lehrinhalte berücksichtigt und angeboten werden, damit die Lehrer das vernetzende Denken
selbst erlernen, das sie später an die Schüler vermitteln sollen.
Zum erziehungswissenschaftlichen Teil des Studiums gehören neben den philosophischen und
soziologischen, den pädagogischen und allgemein-didaktischen Fragen insbesondere die
Vorbereitung und die Mitbetreuung der Schulpraktika. Diese dienen dem Einblick in den
Arbeitsbereich eines Lehrers, der Berufsfeldorientierung sowie der Sicherung der
Berufsentscheidung. Sie müssen von der Hochschule begleitet und mit der zweiten Phase der
Lehrerausbildung abgestimmt sein.
In der zweiten Phase der Lehrerbildung sollen auch die Team- und Kooperationsfähigkeit
gestärkt werden, um so die Zusammenarbeit im Lehrerkollegium zu stärken und das
Aufzeigen und Erarbeiten von wichtigen Querverbindungen zu anderen Fächern im Unterricht
anzulegen und weiterzuentwickeln.
Schon die Art des Wissenserwerbs und der Arbeit in der Fortbildung muß eine wegweisende
Akzentsetzung auch für bislang ungewohnte Formen der Arbeit im Unterricht aufzeigen
(siehe Ziffer 3). Zudem muß die Themenauswahl auch im Hinblick auf das deutlich
gestiegene Durchschnittsalter der Lehrerschaft und den damit einhergehenden größeren
Abstand zur ersten und zweiten Ausbildungsphase getroffen werden: Dies tangiert
gleichermaßen fachliche wie fachdidaktische und auch pädagogische Fragestellungen. Zur
Erhaltung und zur Optimierung der Berufsfähigkeit, die das Ziel der Lehrerfortbildung
darstellt, muß die Möglichkeit zur regelmäßigen Teilnahme an
Fortbildungsveranstaltungen verbessert und die Verpflichtung dazu verbindlicher als bisher
geregelt werden.
OStD W. Asselborn
Prof. Dr. Dr. G. Berg
Prof. Dr. D. Ganten
Prof. Dr. K.-H. Hoffmann
Prof. Dr. K. Daumer
Dr. E. Meyer-Galow
Prof. Dr. A. M. Bradshaw
Prof. Dr. H. Schmidt
Prof. Dr. W. Blum
Prof. Dr. L. Schön