Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und

naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V.

1. Vorsitzender: Wolfgang Asselborn, Konrad-Adenauer-Allee 26, 66740 Saarlouis

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e-Mail: Asselborn@t-online.de

Saarlouis, im Januar 1997

Fachübergreifendes Arbeiten im

mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht

In den letzten Jahren wurde auf Tagungen des Fördervereins MNU, dazwischen auch in Arbeitsgruppen und in Gremien und nicht zuletzt in der Zeitschrift Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht eine intensive Diskussion über fachübergreifendes, fächerverbindendes Arbeiten in der Schule geführt. Höhepunkte der Beschäftigung mit dieser wichtigen Frage waren ein Vortrag von H. Lochhaas bei der Bundesfachleitertagung Physik 1995 in Kassel und die anschließende Diskussion im Kreis der Fachleiter sowie die Podiumsdiskussion zu diesem Thema bei der Hauptversammlung in Düsseldorf 1996. Parallel dazu erstellte eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des Vorstandes und des Hauptausschusses1) das folgende Positionspapier.

Mathematisch-naturwissenschaftlicher Unterricht trägt zur Orientierung in unserer naturwissenschaftlich-technisch geprägten Welt bei und befähigt zur verantwortlichen Teilhabe an der Gestaltung dieser Welt. Der Deutsche Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V. (Förderverein MNU) sieht eine seiner vorrangigen Aufgaben in der Weiterentwicklung des Unterrichts in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik (unter Einschluß der Astronomie) sowie Informatik. Die Gestaltung des Unterrichts in diesen Fächern muß den Erfordernissen der sich wandelnden Welt angepaßt werden. Dabei spielen die Lernvoraussetzungen der Schüler/innen eine besondere Rolle. Diese haben sich deutlich verändert: Für die Lernenden ist Sachwissen heute insbesondere durch die Informationsmedien und zunehmend auch durch die Kommunikationsmedien in ungleich größerem Umfang als früher verfügbar. In der medialen Vermittlung spiegelt sich wider, wie komplex und vielfältig vernetzt lebensweltliche Problemstellungen sind. Die Schüler/innen bringen ein großteils ungeordnetes, oft lückeshaftes Wissen in den Unterricht mit ein. Damit wandelt sich die Aufgabe von Schule und Unterricht: Integration und Strukturierung von weitgehend außerhalb der Schule gewonnenen Wissensbestände werden zu einer wichtigen Aufgabe des Unterrichts.

In der bildungspolitischen Diskussion finden diese Überlegungen ihren Niederschlag in der Forderung nach einer verstärkten Berücksichtigung fachübergreifenden Unterrichts.

Nach Auffassung des Fördervereins MNU kann die Bewältigung der Aufgabe, das unsystematische Vorwissen der Schülerinnen und Schüler zu integrieren und zu strukturieren, nur vom Fachunterricht aus geleistet werden, indem dieser es den Lernenden ermöglicht, die dazu erforderlichen Methoden und das fachliche Grundwissen zu erwerben. Der Fachunterricht gewährleistet anspruchsvolle Erarbeitung naturwissenschaftlicher Sachverhalte und ist Voraussetzung fachüberschreitenden Lernens. Ohne das Fach als Referenzsystem ist fachüberschreitendes Lernen nicht möglich.

Das Potential disziplinären Fachwissens zur Erschließung komplexer Problemstellungen aus Natur und Technik kommt jedoch erst dann zur Wirkung, wenn die fachspezifischen Lerngegenstände in fachübergreifende Zusammenhänge gestellt werden. Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht darf sich nicht darauf beschränken, nur Wissen um bestimmte Fakten und Vorgehensweisen bei der Lösung von Aufgabenstellungen zu vermitteln. Es gehört zu seiner Bildungsaufgabe, fachspezifisches Wissen mit anderen Disziplinen zu verknüpfen und



die Bedeutung der bearbeiteten Themenstellung für das Lebensumfeld der Schülerinnen und Schüler mit zum Unterrichtsgegenstand zu machen.

Der Fachunterricht muß dafür in zweifacher Hinsicht geöffnet werden:

Diese Aufgaben sind vom Fachunterricht aus zu leisten. Für die Entfaltung fachübergreifenden Arbeitens im und vom Fachunterricht aus ergeben sich folgende Stufungen:

  1. Lehrerinnen und Lehrer müssen bei ihrer Unterrichtsplanung berücksichtigen, wie und was die Schülerinnen und Schüler im Unterricht anderer Fächer lernen.
  2. Im Fachunterricht werden Aspekte anderer disziplinärer Sichtweisen auf den Unterrichtsgegenstand aufgegriffen und die notwendige Vernetzung von Wissensbeständen für das Verstehen komplexer Problemfelder angesprochen.
  3. Die Lehrkräfte mehrerer Fächer stimmen die Planung ihres Unterrichts bei geeigneten Themen aufeinander ab.
  4. Gemeinsame Planung einer thematisch bestimmten Unterrichtssequenz durch mehrere Lehrerinnen und Lehrer führt bis hin zu veränderten Organisations- und Arbeitsformen, wie Studien- und Projektphasen mit fachübergreifenden Themen und Fragestellungen.

Diese Stufung beschreibt das vom Fachunterricht aus begründete fachübergreifende Arbeiten in der Schule von einem einfach zu realisierenden Einstieg bis hin zu organisatorisch aufwendigeren Formen der Koordination und Kooperation innerhalb eines Kollegiums. Die beiden ersten Stufen sind für viele Lehrerinnen und Lehrer selbstverständlich bereits erfüllte Forderungen an guten Fachunterricht. Der Förderverein MNU hält es für erforderlich und möglich, auch die weitergehenden Formen fachübergreifenden Arbeitens exemplarisch in sinnvollem Zusammenhang mit grundlegendem Fachunterricht zu realisieren.

Dabei setzen allerdings organisatorische Rahmenbedingungen, die von Schulart und Jahrgangsstufe abhängen, deutliche Grenzen:

Erstens erfordert die Vorbereitung eines umfangreichen fachübergreifenden Vorhabens einen beträchtlichen Planungsaufwand und ist mit einer hohen zeitlichen Belastung der Lehrkräfte verbunden.

Zweitens fordert fachübergreifender Unterricht neben Planungskompetenz von den Lehrkräften ein hohes Maß an Fach- und Methodenkompetenz. In Hinblick auf die eng begrenzte Unterrichtszeit für mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht ist fachübergreifender Unterricht nur mit diesem Anspruch begründbar und sinnvoll. Der Förderverein MNU wendet sich daher entschieden gegen alle Versuche, die Idee des fachübergreifenden Unterrichts zur Begründung von fachfremdem Lehrereinsatz oder zum Ersatz der Einzelfächer durch ein integriertes Fach Naturwissenschaft zu mißbrauchen: Wirksame fachübergreifende Arbeit an komplexen Fragestellungen ist nur mit dem Grundlagenwissen und den spezifischen Methoden der naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen möglich, denn der Generalist ohne disziplinäres Wissen und ohne fachliche Kompetenzen kann nicht Bildungsziel von Schule sein.

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1) Besonderer Dank für Diskussions- und Formulierungsbeiträge gilt Frau StD Dr. I. Heber sowie den Herren

StD Dr. R. Franik, PD Dr. H. Schecker, OStD G. Starke, LRSD Dr. H. Wambach und W. OStD Wegner