Schlechte Noten für den Mathematikunterricht in
Deutschland - Anlaß und Chance für
Innovationen
Erklärung der Fachverbände DMV, GDM und MNU zu den Ergebnissen der internationalen Mathematikstudie TIMSS
Soeben sind die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht worden (TIMSS: Third
International Mathematics and Science Study, durchgeführt von der IEA: International
Association for Evaluation of Educational Achievement), bei der u.a. die Leistungen von
Siebt- und Achtklässlern aus 41 Ländern in Mathematik getestet worden sind. Dabei haben
die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland vergleichsweise schwach abgeschnitten, sie
liegen nur im weltweiten Durchschnitt. Werden von den 41 Ländern nur die 26 OECD-Staaten
betrachtet (in der Presse mitunter mißverständlich als "OECD-Studie"
bezeichnet), so liegt Deutschland mit Platz 16 nur in der unteren Hälfte.
Die Ergebnisse der großen westlichen Staaten (Frankreich, Kanada, England, USA)
bewegen sich ebenfalls im Mittelfeld. Vier asiatische Staaten liegen dagegen deutlich vor
allen anderen an der Spitze: Singapur, Suedkorea, Japan und Hongkong.
Wie sind die für Deutschland enttäuschenden, zum Teil alarmierenden Ergebnisse
einzuschätzen? Einige der Gründe liegen sicher außerhalb der Mathematik in der
gesamtgesellschaftlichen Sicht von Schule; so geht die öffentliche Wertschätzung für
schulisches Lernen offenbar immer mehr zurück, und damit einhergehend vermindern sich die
verbindlichen Leistungsanforderungen, was insbesondere auch für den Mathematikunterricht
negative Auswirkungen hat (und dort besonders gut aufzeigbar ist). Auf dieses
gesellschaftspolitische Problem müssen wir aufmerksam machen. Bildungsanstengungen
müssen bei uns wieder den hohen Stellenwert erhalten, wie sie ihn in den genannten
asiatischen Staaten in besonderem Masse besitzen.
Unter mathematikspezifischen Aspekten fällt auf, daß die Schülerinnen und Schüler
aus Deutschland bei reinen Routineaufgaben aus Arithmetik und Algebra meist besser
abgeschnitten haben als bei geometrischen Problemstellungen und daß sie vor allem bei
Aufgaben, in denen ein inhaltliches Eingehen auf gegebene Problemsituationen oder ein
selbständiges Anwenden von mathematischen Verfahren erforderlich waren, enttäuscht
haben. Auch bei zeitlich weiter zurückliegenden Themengebieten liegen sie eher unter dem
Durchschnitt.
All dies korrespondiert mit - aus bisherigen Untersuchungen schon bekannten - Beobachtungen, daß im Mathematikunterricht bei uns in Deutschland generell zu viel Wert gelegt wird auf das routinemäßige, manchmal gar schematische Lösen innermathematischer Standardaufgaben und daß viele Stoffe nur kurzzeitig für die nächste Klassenarbeit gelernt werden und danach rasch wieder vergessen werden können. Zu kurz kommen insbesondere das selbständige, aktive Problemlösen, das inhaltliche, nicht-standardisierte Argumentieren, das Herstellen von Verbindungen mathematischer Begriffe mit Situationen aus Alltag und Umwelt sowie ein wiederholendes und vertiefendes Wiederaufgreifen weiter zurückliegender Stoffe und deren Vernetzung. Wie Begleitstudien zeigen, ist es mit vielen dieser Punkte z.B. in Japan deutlich besser bestellt.
Wir verkennen nicht, daß es noch weitere Gründe gibt, welche zum schlechten
Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler beigetragen haben können, so etwa
das Problem, wie gut die Testfragen mit unseren Lehrplänen für die Mittelstufe
harmonisieren. Aber dies entkräftet keineswegs die vorhin aufgezählten Kritikpunkte.
Sicher können wir uns nicht ohne weiteres mit den an der Spitze liegenden asiatischen
Staaten vergleichen, denn diese haben ein anderes Bildungssystem mit ganz anderen
Leistungsanforderungen, das wir so nicht übernehmen können und wollen. Unsere
Jugendlichen werden trotzdem im späteren Berufsleben mit den Jugendlichen aus diesen
asiatischen Ländern im Wettbewerb stehen. Es bedarf deshalb besonderer Anstrengungen in
der Forschungs- und Entwicklungsarbeit zum Lernen und Lehren von Mathematik sowie einer
konsequenten Umsetzung, damit wir zu einem - für unsere Gesellschaft adäquaten -
erfolgreichen Mathematikunterricht gelangen.
Unser Mathematikunterricht muß sich verändern, Innovationen sind nötig! Mathematik
ist existentieller Bestandteil unserer Kultur. Mathematik ist u.a. auch die Sprache, in
der Wissen ausgedrückt wird, bevor es durch Computersoftware ausgedrückt werden kann;
deshalb ist etwa die Beherrschung der Übersetzung zwischen Alltagswissen und präziser
mathematischer Darstellung eine Schlüsselqualifikation, die unsere Jugendlichen weit
besser beherrschen müssen, als sie es in den Tests gezeigt haben. Wirtschaft und
Gesellschaft brauchen auf allen Stufen unseres Bildungswesens schulische Absolventen, die
im Kernfach Mathematik möglichst gut ausgebildet sind.
Einige Stichworte mögen die Richtung andeuten, in die sich der Mathematikunterricht verändern muß:
Das alles bedeutet auch eine Veränderung der Leistungsanforderungen an Schülerinnen
und Schüler. Zugleich sind verstärkte Anstrengungen in der Lehrerausbildung und
-fortbildung notwendig, um Lehrerinnen und Lehrer zu qualifizieren, solche Konzepte - auf
wissenschaftlich abgesicherter Grundlage - auch wirklich umzusetzen. Hier besteht gerade
in Deutschland aufgrund der ungünstigen Altersstruktur der Lehrerschaft ein besonderer
Bedarf.
All das sind Forderungen, wie sie von uns, den unterzeichnenden mathematischen
Fachverbänden, schon seit langem erhoben und mit vielen eigenen Vorschlägen auch
hinlänglich konkretisiert, in der Breite des Unterrichts bisher aber erst unzureichend
realisiert worden sind. Natürlich sind auch in Zukunft noch weitere Forschungs- und
Entwicklungsanstrengungen nötig. Dabei setzt eine Realisierung solcher Konzepte adäquate
gesellschaftliche Rahmenbedingungen voraus.
Wir bieten den Verantwortlichen in Politik und Bildungsverwaltung unsere Hilfe bei der
Implementierung und Realisierung solcher Innovationen und bei der begleitenden
Lehrerausbildung und -fortbildung an. Konkret schlagen wir vor, eine
bundesländerübergreifende Arbeitsgruppe bei der KMK einzurichten, die Konzepte für eine
Veränderung des Mathematikunterrichts vorlegen soll, damit dieses wichtige Fach den
Anforderungen bis zum und vor allem auch nach dem Jahr 2000 besser genügen kann, als es
derzeit offenbar der Fall ist.