Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V.


Presseerklärung

Auf seiner Jahreshauptversammlung an der Universität Hamburg (23. 3. - 27. 3. 1997) hat sich der Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V. ausführlich mit den Ergebnissen der TIMS-Studie beschäftigt und folgende Erklärung verabschiedet:

Die TIMS-Studie und ihre Resonanz in den Medien haben gezeigt, daß die Schülerleistungen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern in Deutschland nicht so hoch sind, wie die Gesellschaft dies erwartet. Die Studie bestätigt die Befürchtungen, die der Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V. schon seit längerer Zeit hegt.

Ursächlich für das unerwartet schlechte Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler sind nach Auffassung des Fördervereins MNU allegemein gesellschaftliche Bedingungen in Deutschland sowie die Rahmenbedingungen für unseren mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht. Zu den Ersteren gehören insbesondere die geringe gesellschaftliche Wertschätzung von Lernanstrengungen im Allgemeinen und das schlechte Ansehen in Medien und Gesellschaft, unter dem Naturwissenschaft und Technik und damit einhergehend der mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht leiden.

Den Befunden der Studie, daß unsere Schülerinnen und Schüler Schwächen aufweisen bei der selbständigen Findung von Problemlösungen, und daß es offensichtlich Defizite gibt beim vertiefenden Wiederaufgreifen von Themen sowie bei ihrer Vernetzung, korrelieren mit Kürzungen des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts, gegen den die MNU seit Jahren protestiert.
Die festgestellten Defizite im Bereich der aktiven Anwendung des Gelernten weisen die Berechtigung der MNU-Forderungen nach mehr Alltags-, Technik- und Umweltbezügen nach.

Die als gering eingestufte experimentelle Kompetenz der deutschen Schülerinnen und Schüler in den naturwissenschaftlichen Fächern beruht zumindest teilweise darauf, daß die Kultusverwaltungen den Forderungen nach mehr praktischen Schülerarbeiten nicht in genügendem Umfang nachkommen.
Auch die von den Lehrerinnen und Lehrern beklagte mangelnde Kontinuität des naturwissenschaftlichen Unterrichts sowie sein zu spätes Einsetzen - vor allem der Physik und der Chemie - wirken in die gleiche Richtung.

Die Tatsache, daß im Bereich der Spitzenleistungen deutsche Schülerinnen und Schüler in bedenklicher Weise unterrepräsentiert sind, ist eine Folge der weitverbreiteten Ablehnung von Eliten in unserer Gesellschaft und des Rückzugs vieler Bundesländer aus der Förderung von Begabten.

Die Lehrerausbildung ist oft nicht optimal auf den späteren Beruf ausgerichtet und weist einen zu geringen Praxisbezug und eine ungenügende Vorbereitung auf fachübergreifendes Unterrichtes auf. Wo aktiv Verbesserungen in der Lehrerausbildung angegangen werden, finden diese aufgrund der derzeitigen Einstellungssituation kaum Eingang in die Schule. So mangelt es mit dem fehlenden Nachwuchs auch an neuen Ideen und Initiativen in der Schule. Die TIMS-Studie bestätigt dies: Die deutschen Lehrerinnen und Lehrer sind im internationalen Vergleich die ältesten.
Gerade im Hinblick auf diese Situation ist auch eine grundsätzliche Neubesinnung in der Lehrerfortbildung unbedingt notwendig.

Der Deutscher Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V. fordert eine Neuorientierung in Hinblick auf Stellenwert, Zielsetzung und Methodik des Unterrichts in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern und schlägt konkret die Einberufung einer länderübergreifenden Expertenrunde bei der KMK vor, in der auch unsere Erfahrungen eingebracht werden sollen.


Hamburg, den 23. 3. 1997
W. Asselborn
1. Vorsitzender