Der Deutsche Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts veranstaltete zum ersten Mal eine Lehrplantagung zum Mathematikunterricht der nichtgymnasialen Schulformen in der Sekundarstufe I vom 17.-20. November 1997 in Speyer. Zu dieser Arbeitstagung wurden Vertreter aus allen Bundesländern entsandt. Nach einer ersten Bestandsaufnahme der Situation des Mathematikunterrichts in den einzelnen Bundesländern zeigte sich rasch, dass insbesondere bei einem ersten Treffen nicht nur Empfehlungen zur Lehrplangestaltung, sondern zum Unterricht selbst, zur Lehrerfortbildung, zum Einsatz des Computers im Unterricht und zu vielen weiteren unterrichtsrelevanten Aspekten ausgesprochen wurden. Auf viele wichtige Themen konnten in einer ersten Sitzung noch nicht eingegangen werden. Es bleibt übrig, für manche Fragestellungen auch die vorhandenen Lehrpläne in den Bundesländern und die Ergebnisse von zahlreichen Modellversuchen zu analysieren und Schlussfolgerungen zu ziehen.
Insgesamt gelang es jedoch, wesentliche Forderungen für einen zeitgemäßen Mathematikunterricht zu formulieren.
Der Mathematikunterricht an deutschen Schulen steht spätestens seit dem Erscheinen der TIMMS-Studien in erheblicher Kritik. »Unser Mathematikunterricht muss sich verändern, Innovationen sind nötig.« (Erklärung von MNU, DMV und GDM)
In einer hochtechnisierten Gesellschaft, in der mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Bildung eine grundlegende Ressource darstellt, ist eine Qualitätsverbesserung entsprechender Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler unabdingbar.
Dazu bedarf es eines offenen Diskurses von Lehrerinnen und Lehrern zur Situation und Veränderung von Mathematikunterricht.
Beide Aspekte müssen in einem Diskurs berücksichtigt und aufeinander bezogen werden.

Die folgenden Positionen wurden als ein Beitrag für diesen Diskurs über Ziele, Inhalte und Gestaltungsformen von Unterricht durch die Vertreter der 16 Bundesländer herausgearbeitet, wobei sich alle Teilnehmer bewusst waren, sich wegen der kurzen Zeitspanne auf einige wesentliche Aspekte zu beschränken.
Auch der Mathematikunterricht hat die Aufgabe, die Lernenden in ihrer Sach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz zu fördern. Dies hat Konsequenzen für die Inhalte und die Methodenauswahl. Um dem Rechnung zu tragen, müssen die Lehrpläne neben dem vorwiegend fachstrukturellen Aufbau auch stärker einen an Problemfeldern orientierten Aufbau berücksichtigen.
Entscheidende Veränderungen müssen im Bereich der Unterrichtskultur und der Gestaltung von schulischen Lehr- und Lernprozessen erfolgen: - Die Schülerinnen und Schüler müssen Mathematik problemhaltig, sinnstiftend und beziehungshaltig erleben können.
Es ist erfreulich und erstaunlich, zu welcher Leistungsbereitschaft, Freude und Ausdauer junge Menschen in der Lage sind, wenn Ihnen interessante, für sie sinnhafte Aufgaben begegnen. In diesem Zusammenhang muss auch die Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler für ihren eigenen Lernprozess gefördert werden. Demgegenüber sind Leistungsverbesserungen nicht durch Drill und mechanische Wiederholung von Grundfertigkeiten zu erwarten.
- Curriculumentwicklung und -implementation sind vor dem Hintergrund der beschriebenen Problemlage von entscheidender Bedeutung. Hierbei muss auf eine ausgewogene Berücksichtigung folgender Aspekte geachtet werden:
Dabei kann die Orientierung auf die fachlichen Schwerpunkte/Inhalte und Qualifikationen in den "Standards für den mittleren Bildungsabschluß" die Reduzierung der zur Zeit beobachtbaren Stofffülle ermöglichen.
Weitere Orientierungen für die Curriculumentwicklung und -implementation bieten:
- Verflechtung und Verbindung verschiedener mathematischer Teilgebiete
Aus den oben genannten Merkmalen sei das Üben exemplarisch angeführt.
Üben ist nicht nur als isolierte Unterrichtsphase zu betrachten, sondern vielmehr als immanentes Unterrichtsprinzip. Das bedeutet, dass die häufig zu beobachtende Übungspraxis zu überdenken und weiterzuentwickeln ist.
zum Tragen kommen.
Auch Üben soll eine sinnhafte und zielgerichtete Tätigkeit für die Schülerinnen und Schüler darstellen und Möglichkeiten zur Selbstkontrolle eröffnen, wobei sich zentrale Ideen der Mathematik, wie die Idee des Algorithmus oder die Idee des mathematischen Modellierens widerspiegeln. Es sollte nichts geübt werden, für das kein Grundverständnis vorhanden ist. Sowohl in didaktischer als auch in methodischer Hinsicht sind vielfältige Übungsformen in den Unterricht zu integrieren. Ein Ziel des Übens ist, dass Schülerinnen und Schüler zum eigenständigen und eigenverantwortlichen Tun angeregt werden. Der Erfolg des Übens hängt ganz wesentlich davon ab, dass sie genügend Zeit und Gelegenheit erhalten, den eigenen Verstand fragend und analysierend einzusetzen. Das Üben soll die Schülerinnen und Schüler befähigen, mittel- und langfristig Alltagssituationen zu mathematisieren und die daraus abgeleiteten Probleme selbständig zu lösen.
Für den Einsatz von Computeralgebrasystemen, zukünftigen Entwicklungen, aber zur Nutzung des Internets für die Unterrichtsvorbereitung und den Unterricht selbst, sind Landesprojekte und Bund-Länder-Modellversuche dringend durchzuführen.
Der Einsatz des Computers im Unterricht erfordert eine zeitgemäße und stets anzupassende Ausstattung aller Schulen mit Hard- und Software.
Internetnutzung kann den Unterricht wesentlich bereichern. Eine dementsprechende Ausstattung der Schulen mit Hard- und Software ist dazu wesentliche Voraussetzung.
- Didaktische Phantasie erwächst aus fachlicher Kompetenz, viel Unterrichtserfahrung und grundlegendem Wissen aus der Lern- und Kommunikationspsychologie. Lehrerinnen und Lehrer müssen mit aktuellen Entwicklungen aus dem Fach, seiner Didaktik und der Lernpsychologie vertraut sein. Die Lehrerausbildung muss verbessert und die Lehrerfortbildung muss intensiviert werden. Es sind Formen zu finden, um die Verbindlichkeit von Fortbildung zu stärken.
Lehrerfortbildung muss integraler und verbindlicher Teil professioneller Lehrertätigkeit werden
- Fachdidaktische Forschung und Curriculumentwicklung muss gefördert werden, und es müssen Anstrengungen unternommen werden, Forschungsergebnisse für die schulische Praxis verfügbar zu machen. Curriculumentwicklung und -implementation sind vor dem Hintergrund der beschriebenen Problemlage von entscheidender Bedeutung. Hierbei muss auf eine ausgewogene Berücksichtigung folgender Aspekte geachtet werden:
- Vermittlung von Grundfertigkeiten
- Gestaltung von Problemlösungsprozessen
- Bedeutung von Kommunikation und Kooperation im Mathematikunterricht
- Berücksichtigung gesellschaftlich relevanter Themen
- Integration fachübergreifender Ansätze.
Wenn es bei der Veränderung von Mathematikunterricht nicht nur um eine leichte Kursänderung, sondern um die Veränderung des Verständnisses von Mathematikunterricht im Sinne einer veränderten mathematischen Unterrichtskultur geht, dann besteht auch die Notwendigkeit des Erhaltens bzw. Schaffens von Stützsystemen für diesen Prozess.
- In der Lehrerfortbildung sind Konzepte für eine flächendeckende
Lehrerfortbüdung zum Einsatz des
Computers im Mathematikunterricht zu entwickeln und durchzufahren
- Fortbildung soll Initiativen von Fachgruppen von Schulen aufgreifen und fördern.
- Neben angebotsorientierter Fortbildung sind nachfrageorientierte Fortbildungen zu realisieren.
- je nach Ziclgruppe sind die angemessenen Organisationsformen von
schulinterner, regionaler und
überregionaler Fortbildung zu ermöglichen.
- Um Nachhaltigkeit, Verbindlichkeit und Reflexion von
Fortbildungsprozessen zu ermöglichen, ist
Kontinuität und längerfristige Anlage in diesen Prozessen notwendig.
- Um Fortbildungsprozesse moderieren zu können, sind Kenntnisse über
das und Erfahrungen mit dem
System Schule dringend notwendig. Dies wird am einfachsten dadurch erreicht, dass die
Moderation von Fortbildungsprozessen in der Hand von im System Schule arbeitenden Personen
(Lehrer, Fachleiter), realisiert wird.
Diese Ansprüche zielen darauf ab, die in diesem Papier genannten Positionen zur Lehrplangestaltung sowie zur Unterrichtskultur stärker in den realen Unterricht zu tragen. Um dies überprüfen zu können und Fortbildungsprozesse zu qualifizieren, erscheint es erforderlich, nicht nur Unterrichtsprozesse, sondern auch Fortbildungs-, Beratungs- und Begleitungsprozesse zu evaluieren.
Die Konkretisierung oben genannter Zielsetzungen führt zu einer mathematisch-allgemeinbildenden Unterrichtskultur, die gekennzeichnet ist durch:
Mathematikverständnis
Vielfalt von Lernwegen
Verständigung und Kooperation
| Baden-Württemberg | Herr Wurz, Karlsruhe |
| Bayern | Herr Alois Einhauser, München |
| Berlin | Herr Klaus Dietrich Kulessa |
| Brandenburg | Dr. Götz Bieber, Ludwigsfelde |
| Bremen | Herr Krummrich |
| Hamburg | Herr Dr. Wolfgang Löding |
| Hessen | Herr Jürgen Schröder, Frankfurt Herr Dieter Wollny, Weilburg |
| Mecklenburg-Vorpommern | Frau Hedwig Sabelius |
| Niedersachsen | Herr Rainer Schmidt, Göttingen Herr Joachim Scholz, Braunschweig |
| Nordrhein-Westfalen | Herr Lothar Drewello, Haltern |
| Rheinland-Pfalz | Herr Erwin Fuhlroth, Lahnstein Herr Rainer Vicari, Kaiserslautern |
| Saarland | Herr Volker Ruppert, Völklingen Herr Reiner Speicher, Dillingen |
| Sachsen | Herr Dr. Bernd Liebau, Leipzig Herr JÜrgen Wagner, Radebeul |
| Sachsen-Anhalt | Herr Udo Alsleben, Halle Herr Willi Lichtenberg, Halle |
| Schleswig-Holstein | Herr Hans Dieter von Zelewski |
| Thüringen | Frau Petra Stephan, Erfurt Herr Jörg WONTROBA, Gotha |
Leiter der Arbeitstagung:
Herr WOLFGANG FRIEBE, Mainz
Gäste:
Frau HÜCHTERMANN, Köln,
Frau NEUBRAND, Kiel,
Herr WOLFGANG, ASSELBORN, Herr ARNOLD A CAMPO,
Herr FRANK PETERMANN, Radebeul
Allen Vertretern der Bundesländer und allen Gästen sei für ihr Engagement für die Tagung besonders gedankt. Für die Ausrichtung der Tagung sei dem Staatlichen Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung in Speyer gedankt
Letzte Änderung am 02.06.1999
© 1999 - HNeu