| Botanophilos | Frank Petermann |
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| Der
Calamus war sein letzter Versuch. Er war gewiss nicht stur, aber so wie
in den letzten Wochen konnte es auf keinen Fall weitergehen.
Alf legte den Zeigefinger auf den Taster des elektronischen Schlosses. Eine melodische Folge von Tönen anklang, dann öffnete sich die Tür. Wie er erwartet hatte lag Angelika noch im Bett. Sonntags bestand sie darauf, ganz gleich, was geschah, bis mindestens elf Uhr zu schlafen oder wenigstens zu ruhen. "Du bist schon auf?" fragte sie und streckte sich dabei. "Schon lange", antwortete er und stellte den kleinen Karton vor ihr auf die Bettdecke. "Ich habe dir etwas mitgebracht. Sie schaute ihn verständnislos an. Sicher ist sie noch verschlafen, entschuldigte er sie in Gedanken. "Heute vor fünf Jahren haben wir den Ehevertrag unterschrieben", sagte Alf erklärend. „Ach so." Angelika gähnte und sagte dann: "Du machst mir also ein Geschenk zum Hochzeitstag, wie man früher sagte. Mensch bist du altmodisch! Aber, danke schön." Alf drehte sich um und ging hinaus. "Ich lasse Robert das Frühstück bereiten", sagte er. Während er den Hausroboter programmierte, lauschte er aufmerksam zum Schlafzimmer hin. Er hörte es rascheln, wusste nun, die Neugier trieb sie, das Paket zu öffnen. Plötzlich war sie hinter ihm, schlang die Arme um seinen Hals und sagte liebevoll: "Danke, Alf!" Er drehte sich um, sah ihr in die Augen und war froh, wie seit vielen Monaten nicht mehr. Der Calamus hatte also doch geholfen. Angelika aber sprach weiter: "Endlich habe auch ich eine Kletterpalme. Nicht mal die Patschken von Gegenüber kann sich das leisten." Alf schob sie zurück. "Zieh dich bitte an! Robert hat den Kaffeetisch gedeckt Ich habe Hunger." Keine Stunde später saß Angelika vor dem Bildtelefon und rief ihre Freundinnen an. "Caroline, ihr beide müsst mich heute besuchen! Unbedingt... Tolle Sache... Ihr werdet staunen!" „Ach, bitte Sylvietta, versuche es! ... Ich wäre todunglücklich ... Du wirst es auf keinen Fall bereuen!" Als sie die dritte Nummer tippte, fiel ihr Blick auf die Palmliane vor dem Fenster. "Alf", schrie sie entsetzt auf, "sie verwelkt. Sieh nur, wie gelb sie in der kurzen Zeit geworden ist! Du hast dich betrügen lassen!" "So schnell stirbt ein indischer Calamus nicht", sagte Alf müde. "Die Pflanze reagiert genau so, wie sie soll. Dazu ist sie gezüchtet worden." "Passt es dir nicht, dass ich meine Freundinnen einlade?" Er nickte. "Ich hatte gehofft, wir würden diesen Abend für uns allein verbringen." "Aber nun ist es zu spät. Ausladen kann ich Caroline und Sylvietta wohl nicht mehr!" "Lass nur. Auch Astrid kann kommen. Die wolltest du doch gerade anrufen. Auf ein paar Gäste mehr oder weniger kommt es nicht mehr an," Aber Astrid war nicht zu Hause, und ihr Roboter sagte, sie käme erst in drei Tagen wieder. Daraufhin erholte sich die Kletterpalme sichtlich. "Ich wusste gar nicht, dass du Astrid nicht magst", sagte Angelika. "Astrid schon, aber ihren Mann kann ich nicht ausstehen. Und da wir jetzt einen Calamus haben, ist es für alle besser, wenn er nicht kommt. Er hält sich für meinen Freund." Angelika lehnte sich zurücke. "Ich merke schon", sagte sie, „es hat nicht nur Vorteile, wenn solch eine Pflanze in der Wohnung steht." Alf lachte. "Ist es etwa kein Vorteil, wenn jeder sofort weiß, was man voneinander zu halten hat? Deshalb habe ich dir ja die Kletterpalme geschenkt. Lass sie erst groß sein ..." Auf dem Tisch die Palmliane hatte sich in kürzester Zeit erholt, und prall bebten ihre Ranken. Der Abend war ein Reinfall geworden, wie von Alf vorausgesehen. Mit großem Hallo nahmen Caroline Sylvietta und ihre Männer Besitz von der Wohnung, bestaunten und beklatschten die Palmliane. Viel hätten sie schon von dieser neuen Züchtung gehört, nie eine in Aktion gesehen. In dieser Hinsicht waren sie vollauf befriedigt worden. Von Ankunft der Gäste an hingen die Ranken müde auf der Stützleiter und die Kletterpalme sah aus, als wollte sie jeden Moment zu grauem Staub zerfallen. Nur manchmal, wenn Sylvietta ihr hysterisches Lachen ausstieß oder wenn Carolines Mann Knut einen seiner schäbigen Witze abzog, schien die Pflanze in schlecht verhaltener Wut zu erzittern. Immer öfter schaute Angelika zu dem Blumentopf in der Mitte des Tisches und wurde still und stiller. Irgendwann merkten die Gäste, dass es durchaus keine Anpassungsschwierigkeiten des Calamus an die neue Umgebung waren, und sie wussten genug von dieser künstlichen Mutation, um sich darauf ihren Reim machen zu können. Als Caroline auf die Uhr schaute und bedauernd meinte, man müsse nun aufbrechen, konnte jeder, der Augen im Kopf hatte, sehen, wie die Kletterpalme grün und frisch wurde. Die Verabschiedung der Gäste war entsprechend kühl ausgefallen. Angelika war wütend. "Du hast dich abscheulich benommen!" Sie weinte fast. "Da wird mich viel Mühe kosten, es wieder einzurenken." "Was hab ich denn falsch gemacht? Ich habe mich wie immer benommen. Ich habe aufmerksam zugehört, habe sogar ab und zu ein Wörtchen über Frau Patschke von Gegenüber fallen lassen. Und für volle Gläser habe ich ständig gesorgt. Sogar bei Knuts Witzen habe ich höflich gelacht. So und nicht anders kennen mich deine Gäste." "Und die Kletterpalme? Die hat allen sehr deutlich gezeigt, was du wirklich von ihnen hältst." "Aber das ist doch nicht meine Schuld! Und im Übrigen bin ich ihr recht dankbar." Alf strich mit einer zärtlichen Bewegung über eine Ranke. "Erstmals war ich ehrlich. Durch sie." Er setzte sich neben Angelika, legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie ganz dicht heran. „Angelika, sie lieb! Sei wie früher! Wir haben heute unseren Hochzeitstag!" Angelika drehte ihren Kopf weg und sagte: "Gerade deshalb hättest da dich zusammen nehmen müssen!" "Ich habe meine Gefühle nicht unter Kontrolle wie du. Merkst du das nicht?" Alf nahm Ihren Kopf In beide Hände, zwang sie, ihn anzusehen "Ich liebe dich doch!" Er küsste sie, drängte seine Zunge spielerisch zwischen ihre Lippen. Seine Hände glitten über ihren Körper, streichelten ihre Brüste, glitten abwärts, über ihren festen Bauch, hin zu ihrem Schoß. Die Verschlüsse des Kleidesgaben nach. Lockend strichen seine Fingerspitzen über das zarte Fleisch der Innenseiten ihrer Oberschenkel. Langsam gab sie seinem Werben nach, wurde selbst aktiv und öffnete sich ihm. Er zog sie auf den Teppich und setzte das fordernde Siel seiner Finger fort, wurde intensiver. Er wollte Freude und Genuss schenken und empfangen. Angelika wurde biegsam und weich, begann zu schnurren, war ganz Weib, nur noch Gefühl. Ekstatisch strebte sie nach Erfüllung, versank ganz in ihrem kleinen, wollüstigen gemeinsamen Universum. Erschöpft lagen sie dann beieinander, lösten sich mehr und mehr voneinander. "Wie gut, dass wir die Pflanze haben", sagte Angelika! „Wir sind uns durch sie wieder näher gekommen." Alf hob sie auf und trug sie in den Sessel. "Komm, wir trinken noch einen Schluck." Er ging zum Kühlschrank um die Flasche zu holen. Ein kleiner spitzer Schrei ließ ihn herumfahren. Angelika saß mit hoch gezogenen Beinen in den Polstern und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf die Kletterpalme. Mit frei Schritten war Alf bei ihr, und auch er zuckte zusammen. Die Palmliane war in der Zeit ihres Liebesspieles auf das Doppelte ihrer ursprünglichen Größe gewachsen. Das Unerklärliche aber, das sie beide erschütterte, war die Leiter, auf die sich die zarten Ranken einstmals gestützt hatten: beide Holme waren an vielen Stellen wie Kristallfäden zersplittert und lagen verstreut auf dem Tisch.
Eine lange Diskussion hatte sich angeschlossen, in der Angelika die Forderung stellte, die Pflanze sofort in den Müllvernichter zu werfen, Alf aber darauf bestand, die Palmliane zu behalten und in Zukunft noch besser zu pflegen. Angelika versuchte einen Kompromiss und drängte ihn, die Pflanze zu verkaufen. Alf blieb hart. Beide beobachteten die Palmliane misstrauisch, und Alf hätte sofort nachgeben, wenn sich noch einmal Unerklärliches ereignet hätte. Aber prall, saftig und tiefgrün stand ohne stützende Leiter die Pflanze in ihrem Topf, unbeweglich, wie lauschend. Schließlich gab Angelika nach. Sie war wohl einfach zu müde, ihren Willen durchzusetzen. „Na gut", sagte sie deshalb, „soll sie bleiben." Und dann begehrte doch noch einmal auf: „Aber ins Schlafzimmer kommt mir der Stängel nicht!" Die Tentakel begannen zu beben, von unten her, und wellenartig setzten sich die Bewegungen bis in die krallenartigen Greifer fort. „Bleib doch ruhig", sagte Alf. „Du brauchst keine Angst zu haben. Niemand wir dir etwas tun." Er meinte die Pflanze, die darauf tatsächlich still wurde. Alf hob sie auf und trug sie vorsichtig in die Küche, weg von Angelika. Eine lange dünne Ranke, die erst in den letzten Stunden gewachsen war, rutschte wie zufällig hintenüber und legte sich haltsuchend um seinen Arme. Er fühlte die zarte Berührung, und ihn überlief ein sanfter Schauer. „Hab’ keine Bange", flüsterte er. "Ich helfe dir." Dann goss er reichlich Nährlösung auf. Der neue Tag sollte noch mehr Aufregung bringen. Als Angelika die Küchentür öffnete, ahnte sie nichts von dem Kommenden. Verschlafen wie sie war, tat sie zwei Schritte, ehe sie die Augen weit aufriss und erstarrte. Dann verließ sie, rückwärts gehend, die Küche, ohne einen Laut von sich zu geben. Auf der Schwelle stieß sie mit Alf zusammen und erschrak furchtbar. "Was ist denn mit dir los? Schubs nicht am frühen Morgen", brummt er. Angelika fand ihre Stimme wieder, die jetzt schrill und unnatürlich klang. „Schluss!" schrie sie. „Sofort!" Und noch lauter: „Auf der Stelle ‚raus!" Jeden Aufschrei unterstrich sie mit einer unmissverständlich Handbewegung. Alf begriff nichts. Er rieb sich die Augen und versuchte, die Reste des Schlafes loszuwerden. "Was ist denn los?" wollte er wissen. "Geh hinein, dann weißt du, was los ist!" Angelikas Stimmte gellte schmerzhaft in seinen Ohren. Sie vibrierte in der Frequenz, die er hasste. Als Alf die Küche betrat, spürte er
sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Palmliane Die Kletterpalme wand sich ihm vielarmig entgegen und fast körperlich fühlte er den inneren Zwang, das wachsende Verlangen, sich der Liane zu nähern. Aber auch das war es nicht, was ihn so faszinierte. Ein Detail musste er noch übersehen haben. Widerwillen machte sich breit in ihm. All diesen Ärger verdankte er, der Palmliane. Nie hatte er die Pflanze kaufen dürfen. Seine Kollegen hatte ihn gewarnt. Aber er wollte frischen Wind in seine Beziehungen zu Angelika bringen. . . Augenblicklich zogen sich die Tentakeln zurück, erschlafften. Aber der innere Zwang, näher zu kommen, immer näher, die Sehnsucht, die in ihm wuchs, sich von den Ranken umschmeicheln lassen... Nur mit Mühe konnte er sich diesem Druck, den er selbst erzeugte und verstärkte, widerstehen. Die Sehnsucht wuchs und er ging einen weiteren Schritt in das Zimmer hinein, begann sich zu verlieren. Da sah er plötzlich Robert, den Haushaltroboter, und er fand den festen Boden wieder. Robert stand am Fenster. Er war aktiviert, sein Stirnsensor pulste rhythmisch im Rot-Violett-Wechsel. Mit der einen Hand umfasste er die leere Tüte, die das Nährsalz enthalten hatte, in der anderen hielt er einen Krug mit Wasser. Irgendwie musste es der Palmliane gelungen sein, die Kontrolle über den Roboter zu erlangen, ihn für ihre Zwecke einzusetzen. Wie hatte sie das geschafft? Kinder waren dazu nicht vor dem sechsten oder siebenten Lebensjahr in der Lage, mussten doch rein abstrakte Befehlslinien gezeichnet werden. Was hatte man ihm da verkauft! „Du hast recht, Angelika", sagte Alf, nachdem er sich mit Mühe aus der Küche zurückgezogen hatte. Nur dem reale Schrecken, den der aktiviere Roboter in ihm ausgelöst hatte, war es zu verdanken gewesen, dass sich die mentalen Bänder lösen konnten. Angelika saß im Sessel. Ihre Augen glänzten und lagen tiefer als sonst in ihren Höhlen. „Entschuldige", sagte sie und schaute auf ihre nackten Zehen. „Ich habe mich gehen lassen. Aber diese Ranken ... „ Immer leiser wurde ihre Stimme. "Wie Schlangen..." "Wie mag es ihr gelungen sein, Robert zu aktivieren? Kannst du dir das erklären?" fragte Alf. „Den Roboter? Das hab ich nicht bemerkt. Mir reichte dieser hypnotische Zwang. Ich sollte näher kommen, immer näher. Und fast hätte ich es getan." Angelika richtete sich auf. „Alf, diese grässliche Chimäre muss weg, eher gebe ich keine Ruhe! Wer weiß, was sonst passiert. Ich habe schon sonderbare Sachen gehört." "Rückgabe ist nicht möglich. Die Pflanze stellt sich unumkehrbar auf die Psyche des Besitzers ein." "Dann in den Müllverwerter!" "Nein!" Alt schrie das Wort heraus. Dann sagte er leise: "Versteh' doch, das kann ich nicht. Sie lebt, hat vielleicht sogar ein Bewusstsein!" "Das ist mir gleichgültig. Keinen Tag länger bleibe ich mit dieser Pflanze in einer Wohnung! Sie geht oder ich bleibe nicht!" Alf wusste keinen Rat mehr. Sein Widerwillen gegen die Pflanze war verflogen. Aber da stand Angelikas Veto im Raum, stand zwischen ihr und ihm. Er konnte doch einen indischen Calamus nicht in Müllverwerter stopfen! Sie wollte leben, wachsen und gedeihen. Zweifellos hatte sie sich bereits auf seine Psyche ausgerichtet ... Er drehte sich um und ging wortlos zurück in die Küche. Angelika sah ihm fassungslos nach. Robert hockte nun deaktiviert in der Ecke, der Wasserkrug stand leer neben ihm. Der Calamus jedoch sah mitleiderregend aus. Runzlig hingen die Ranken herab und das saftige Grün hatte einen gelben Stich bekommen. Still nahm Alf den Krug, holte Wasser und goss den Topf randvoll. Nein, er würde sich um keinen Preis von ihr trennen. Wie hatte er sich nach diesem Besitz gesehnt, welche Mühen hatte er auf sich genommen, welche Vorfreude dutzendfach durchlebt! Und nur weil seine Frau nun eifersüchtig ... Das war es! Eifersucht! Er hatte Angelika das Geschenk gemacht, der Calamus aber hatte sich auf seine nicht auf ihre, Psyche eingestimmt! Gab es denn unsinnigere als solche atavistischen Regungen? Und dafür sollte er seine Palmliane opfern? Niemals! Rasend schnell erholte sich die Pflanze. Die Ranken richteten sich auf und belebten sich von neuem. Vorsichtig reckten sie sich Alf entgegen, als er näher kam, den Lockungen folgend. Dankbar umschmeichelten sie seine Hände, seinen Körper. Die frischen Spitzen fühlten sich samten an und jagten ihm Schauer über den Rücken. Ein Gefühl stieg auf in ihm, wie er es nicht einmal aus Träumen kannte, eroberte seinen Körper, machte ihn durchsichtig, leicht; sein Denken wurde Eins mit dem Bewusstsein der Pflanze, das er jetzt überdeutlich spürte, weil es ihn umschloss, in ihn eindrang. Sie wurden ein Organismus der sich ausdehnte über alle menschlichen Grenzen hinaus. Seine Nervenfasern begannen rhythmisch zu schwingen, schaukelten sich empor, erfassten ihn mit Haut und Haar. Alle seine Sinne richteten sich auf dieses Erleben aus, isolierten ihn vollständig vom realen Sein. Er lauschte in sich hinein, kostete diesen Einklang aller Synopsen bis ins letzte aus, versuchte den Augenblick in dehnen, die Erfüllung den einzigen Begehrens immer wieder hinauszuschieben. Sein Kosmos wurde grün und ein pulsendes Rauschen nahm in auf in Harmonie - Zurück in die Wirklichkeit peitschte ihn Angelikas Stimme. "Alf", sagte sie, „wenigstens auf wiedersehen wollte ich sagen." Sie trug ihren Mantel und vor der Tür stand ihr brauner Koffer. Sie nahm ihn auf. Er war schwer. Dann hörte Alf das Einschnappen des Schlosses. Er lächelte. Er breite die Arme aus. Er schloss die Augen. Endlich war er allein. |
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