Die dunkle Tür

Der Frühling war gekommen und vergangen, und ein verregneter Sommer war ihm gefolgt. An einem dieser trüben Sommertage war Michael  in die Schule gekommen und er hatte erste Worte lesen und Aufgaben rechnen gelernt. In seiner Klasse hatte er neue Spielkameraden gefunden und in den Pausen auf dem Schulhof eine Freundin, die alle Julia nannten, obwohl sie Christin hieß und die schon in die zweite Klasse ging. Das Leben bewegte sich zwischen Hausaufgaben und Wochenenden. Am Nachmittag blieb oft nur wenig Zeit zum Spielen.

Anfangs dachte Michael häufig an das, was er im alten Gärtnerhaus erlebt hatte. Er träumte in den ersten Wochen fast jede Nacht von Margaritta und Jaros, von Rasenflitz und dem Garten. Oft endeten die Träume böse, und Michael erwachte dann mit einem Schrei und Schweiß auf der Stirn. Dann stand er auf, nahm sein Kopfkissen unter den Arm und kroch zu seiner Mutter ins Bett. Hier erst fühlte er sich sicher und nach einer Weile, mit Mutters Hand an der Wange, schlief er wieder ein. Aber mit der Zeit wurden die Träume seltener. Und als Michael an einem Sonntag bei einem Spaziergang sah, daß Bauarbeiter das alte Gärtnerhaus abgerissen hatten, schlief er von diesem Tag an ruhig jede Nacht. Wenn das alte Gärtnerhaus verschwunden war, dann war mit ihm auch die einzige Tür zu Margarittas Welt vernichtet. Na gut, auch den Zugang zu Jaros’ Welt gab es dann nicht mehr. Schule, Spiel und Freunde jedenfalls waren wichtiger. Und so dachte Michael immer seltener an seine Erlebnisse im alten Gärtnerhaus.

Bis ihn eines nachts im späten Herbst, als der Sturm wütend an den Fensterläden rüttelte und die Birke im Garten bedrohlich schwankte, mitten aus tiefstem Schlaf ein verzweifelter Schrei weckte. Mit einem Ruck setzte sich Michael auf und lauschte. Aber er hörte nur den Sturm. Im Haus blieb es still. Seine Eltern schliefen und nichts hatte ihren Schlaf gestört. Sollte er zu Mutter ins Bett gehen? Aber dazu war er nun wirklich schon zu groß. Also legte sich Michael auf die Seite, zog sich das Kopfkissen fest über den Kopf und schloß die Augen.

Gerade wollte er wieder einschlafen, als erneut ein Schrei, schrill und voller Angst, zu hören war: „Hilfe!“ Michael erkannte, daß den Schrei außer ihm wahrscheinlich niemand hören würde, denn er fühlte deutlich, daß er im Inneren seines Kopfes entstand. Trotz seiner geschlossenen Augen und der Dunkelheit im Zimmer flackerte jetzt ganz kurz ein Bild auf, das sofort wieder verlosch, nur um erneut aufzublitzen. Als die Intervalle kürzer wurden, konnte Michael Einzelheiten erkennen. Er sah eine schwarze Wüste, in der tote Bäume ihre Aststümpfe in einen gelb und violett leuchteten Himmel reckten. Ebenso wie draußen vor dem Haus heulte auch hier der Sturm und trieb Schwaden schmutziggrauen Staubes vor sich her. Dann erblickte  Michael inmitten dieser furchterregenden Öde einen bunten Fleck. Und er erkannte ein Mädchen, das dort in der schwarzen Wüste mit einem dunklen Ungeheuer um sein Leben rang.

Nun war es Michael, der schrie. Im gleichen Augenblick verblaßte das Bild, verschwand völlig, und Michael fand sich in seinem Bett liegend. Der Sturm hatte sich gelegt und vor ihm stand sein Vater und strich ihm behutsam über den Kopf.

„Hast du wieder schlecht geträumt?“ fragte er.

Michael nickte und hielt die Tränen zurück.

„Schlaf weiter“, sagte sein Vater. „Das ist der Sturm. Und außerdem haben wir Vollmond, da schläft jeder unruhig. Schlaf weiter, Michael, morgen scheint die Sonne." Er strich Michael noch einmal über den Kopf und zog ihm die Zudecke bis an das Kinn. Dann drehte er sich um und ging ins Schlafzimmer zurück, woher Michael die ruhigen Atemzüge seiner Mutter hörte. Weshalb nur hatte er ihnen nie von seinem Abenteuer, dort im alten Gärtnerhaus, erzählt? Sie würden verstehen, warum er lange Zeit so schlecht geschlafen hatte. Sie würden auch begreifen, weshalb er jetzt, da Margaritta ihn wieder erreicht hatte, so erschrocken war. Aber er hatte ihnen nie von seinen Erlebnissen berichtet, weil sie es ihm wahrscheinlich doch nicht geglaubt hätten. Je mehr Zeit verstrich, um öfter hatte er selbst an der Echtheit jener Ereignisse gezweifelt. Nun aber war ihm alles mit einem Male wieder gegenwärtig. Die Wüste erinnerte ihn an die Landschaft, die ihm Rasenflitz in jener unterirdischen Höhle gezeigt hatte. Wer jedoch war das Mädchen? Zu undeutlich waren die Bilder gewesen, zu schnell wieder verschwunden. Aber sie hatten in ihm etwas berührt, eine Saite zum Klingen gebracht. Konnten seine Eltern begreifen, daß er jetzt aufstehen, sich anziehen und aus dem Haus schleichen mußte? Er würde den Weg in den Garten finden, denn er mußte erfahren, wer das Mädchen war, mußte ihm beistehen.

Michael lauschte zum Nachbarzimmer, dorthin, wo seine Eltern schliefen. Er hörte nur den Wind, der im Schornstein heulte und die ruhigen Atemzüge seiner Eltern.

Leise und ohne das Licht anzuknipsen stand er auf und zog sich an. Er nahm die Taschenlampe aus der Nachtischschublade, schaltete sie kurz an und überzeugte sich davon, daß sie hell aufleuchtete.  Er stopfte sie in die Hosentasche, wo sie zwischen gebrauchten Nägel und Schrauben, Bindfaden und dem Taschenmesser kaum Platz fand. Ein Päckchen Kaugummi und zwei Riegel Müsli ergänzten seine Ausrüstung. Noch einmal lauschte er zum Schlafzimmer hin. Vater tat eben einen tiefen, lauten Schnarcher, dann schlief er ruhig weiter. Michael öffnete das Fenster, schwang sich auf das Fensterbrett und sprang in den Garten. Kaum berührten seine Füße die Erde, da schlug der Wind das Fenster hinter ihm mit einem lauten Krachen zu. Michael erstarrte und blieb reglos hocken. Jeden Moment erwartete er, daß sein Vater aus dem Fenster schaute. Von diesem Lärm wach mußte er geworden sein ...

Als sich nach bangen Sekunden noch immer nichts rührte, schlich Michael zum Schuppen und holte sein Fahrrad heraus. Er schob es zum Tor und gerade als er den Weg hinab in Richtung Gärtnerei rollte, schlug es von der nahen Kirchturmuhr Mitternacht.

Dort, wo vor wenigen Wochen noch das alte Gärtnerhaus gestanden hatte, befand sich jetzt eine Baugrube, aus der ein hoher Kran sein Stahlgestell in den dunklen Himmel reckte. Der Zaun um die Baustelle war an vielen Stellen lückenhaft, denn der Sturm hatte alles umgeworfen, was nicht fest verankert war. So fuhr Michael mit dem Rad, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, direkt auf die Baugrube zu.

Irgendwo hier war der Eingang zur Jaros’ Garten gewesen.

Michael spürte ihn. Ja, er existierte noch.

Gerade da schob sich eine schwarze Wolke vor den Mond und Michael umgab undurchdringliches Dunkel. Er ließ das Fahrrad  fallen, zog die Taschenlampe aus der Hosentasche und knipste. Er schob den Schalter wieder und wieder rauf und runter, schüttelte die Lampe und schlug mit der Faust dagegen. Vergebens. Die Glühbirne blieb finster.

Jetzt war Michael sicher, daß die Tür noch da war. Das Haus hatten sie wohl abreißen, die Erde umwühlen, der Tür zum Garten jedoch nichts anhaben können.

Die Wolke zog weiter und gab den Mond frei. Das gespenstische, fahlgraue Licht ließ die Baustelle noch unheimlicher erscheinen. Der Kran warf einen krakeligen Schatten, und wie an einem Galgen schaukelte hoch eine Kreissäge im Winde hin und her.

Michael warf die unnütze Lampe weg und tat einen weiteren Schritt, direkt auf die Baugrube zu, dorthin, wo er die Tür mit allen Sinnen spüren konnte. Und mit einem Mal sah er sie, unmittelbar vor dem senkrechten Absturz in die Tiefe. Sie hob sich dunkel gegen den mondhellen Himmel ab. Nur der Rahmen schimmerte und fluoreszierte in einem satten Grün. Es war nur diese Tür da. Sie schien zu schweben. Nichts was sie hätte halten können, keine Wand, durch die sie als Öffnung hätte dienen können. Michael ging auf die Tür zu, stellte sich neben sie und schaute dahinter. Sand und Kies bröckelten in die Grube und polterten auf die Schalungen des Fundamentes des Hauses, das da entstehen sollte. Die Tür jedenfalls führte nirgendwohin. 

Jetzt hörte Michael Schritte im Kies. Das Geräusch kam aus der Richtung, wo sein Fahrrad lag. Aber er durfte sich nicht ablenken lassen.

Er legte erst vorsichtig sein Ohr an die Tür, dann versuchte er, durch das Schlüsselloch zu sehen.

Eine Stimme ließ ihn zusammenzucken: „Halt! Stehenbleiben!“

Oh, verdammt! Der Nachtwächter?

Hätte er sich doch denken müssen, daß sie solch eine Baustelle nachts bewachen ließen!

Es gab kein Zurück mehr. Michael riß die Tür auf, schloß die Augen, stieg auf die Schwelle, und dann tat er den Schritt in die Baugrube und ganz kurz spürte er das Gefühl des Fallens. Als der Wind - oder was es sonst wohl gewesen sein könnte - die Tür hinter ihm ins Schloß warf und er die Augen öffnete, war es um ihn herum etwas heller. Er stand inmitten der schwarzen  Wüste, in der die abgestorbenen Bäume ihre Aststümpfe in einen gelb und violett leuchteten Himmel reckten. Ebenso wie draußen vor der Tür heulte der Wind,  aber hier trieb er Schwaden schmutziggrauen Staubes vor sich her.

Michael war angekommen.

 

Zuerst fühlte er die Kälte, dann den schneidenden Wind, der ihm die Luft beim Atmen vorm Munde wegriß. Dann spürte er die Vibrationen des Bodens, mal stärker, mal schwächer. Erst später hörte er das schaurige Heulen, welches aber in seinem Auf und Ab keinen Zusammenhang mit der Stärke des Windes hatte.

Michael tastete rückwärts nach der Tür, um sich festzuhalten, konnte sie aber nicht finden. Er drehte sich um und sah, daß sich rings die schwarze Wüste um ihn in endloser Weite dehnte. Die Tür war verschwunden, der Rückweg abgeschnitten. Und als er in den Himmel schaute, begriff er, wie seltsam und gänzlich anders im Vergleich zu seinem ersten Besuch das war, was er erblickte: Die Wolkenfetzen, niedrig über dem schwarzen Staub, stürzten in einem aberwitzigen Tempo aus allen Richtungen geradewegs auf ihn zu. Senkrecht über ihm befand sich der Mittelpunkt des Himmels, und auch der Wind  tobte wirbelnd nur um ihn.

In diesem Moment, gerade da, als seine Angst größer als er selbst werden wollte, begann es heller zu werden, der Sturm sich zu legen. Das Beben und Schwanken des Bodens wurde weniger,  und die Furcht, die sich wie ein Reif um Michaels Brust gelegt hatte, fiel von ihm ab.

An einigen Stellen begann aus dem schwarzen Sand saftiger, grüner Rasen zu wachsen, die Flächen wurden immer größer, verbanden sich miteinander. Sogar Blumen schoben ihre Blütenköpfe aus dem Boden, entfalteten sich in farbiger Pracht, und ehe Michael fünf Atemzüge getan hatte, war das Land um ihn in einen blühender Garten verwandelt. Vom Himmel strahlte hell und warm die Sonne.

Wenn man das Ziel nicht kennt, ist jede Richtung recht. Michael nahm die Wiese unter seine Füße. Er wußte, wie beim ersten Mal war sein Hiersein kein Zufall. Wer ihn gerufen hatte, würde ihn auch leiten. Er würde das Mädchen finden und ihm helfen.

Vor ihm wurde der Rasen wieder schwarz. Erst bildete sich ein kleiner Fleck, der aber schnell wuchs und schon bald die Größe eines Fußballfeldes erreichte. Michael blieb erschrocken stehen, um das Phänomen genauer betrachten zu können. Ein zweiter Fleck bildete sich, ein dritter. Dann schrumpfte der erste wieder, begann erneut zu wachsen. Dabei surrte ein Laut durch die Luft, der entfernt an berstendes Glas erinnerte. Die Sonne wechselte, ohne daß auch nur eine Wolke zu sehen war, Helligkeit und Farbe, glänzte mal warm und sattgelb und im nächsten Moment mit einem Schimmer in giftiges Grün. Der Boden begann erneut zu beben, verhalten nur und mit großen Pausen der Ruhe, aber deutlich spürbar. An einigen Stellen quoll grellweißer Rauch durch den Rasen und wirbelte in dichten Schwaden davon.  

Michael wurde Zeuge des Kampfes der beiden Herrscher des Gartens. Was aber war geschehen, was hatte Margaritta so mächtig werden lassen, daß sie Jaros die Stirn bieten konnte? Bei seinem ersten Besuch im Garten hatte Jaros die Oberhand besessen und Michael helfen können. Weshalb war der Garten aus dem Gleichgewicht geraten?

Das weite, ebene Land war jetzt wie mit einem Messer in zwei Teile zerschnitten. Eine scharfe Linie markierte die Grenze, die sich nur wenige Meter von Michael entfernt gefestigt hatte und in beiden Richtungen am Horizont verschwand. Michael stand noch inmitten blühender Blumen, aber unmittelbar vor seinen Füßen begann die schwarze Wüste.

Michael setzte sich ins Gras, langte in seine Hosentasche und holte das Päckchen Kaugummi heraus. Er wickelte das Papier ab und schob den nach Pfefferminze duftenden Streifen in den Mund. Das Papier ließ er fallen. Er mußte nachdenken, mußte überlegen, was er tun sollte.

Plötzlich hörte er ein Mädchen rufen.

Michael sprang erschrocken auf, suchte vergeblich die Quelle des Rufes im trostlosen Schwarz der Wüste. Wieder hörte er den Ruf, glaubte jetzt, einzelne Worte zu verstehen.

Verstand er seinen Namen?

Suchend schaute er sich um, blickte in die Richtung, aus der er den Ruf vernommen hatte, und er sah etwas Unglaubliches. Ein Mädchen, nur wenig älter als er selbst, schwebte taumelnd inmitten einer wie wild um sie wirbelnden Windhose, die nach oben immer breiter wurde und in Himmelshöhe eine Gestalt bildete: Jaros. Ja, es war Jaros. Nie würde er diesen gutmütigen Riesen vergessen, der ihn aus Margarittas Fängen gerettet hatte. Aber was tat er mit dem Mädchen?

„Michael! Hilf mir!“ hörte er es ganz deutlich rufen. Es war die gleiche Stimme, die ihn in dieser Nacht geweckt, die Stimme, der er hierher gefolgt war.

Michael begann zu laufen und anfangs kam er auch näher. Dann aber begann sich der wirbelnde Jaros schneller zu drehen, und das Mädchen wurde immer weiter in die Höhe gezogen.

„Jaros, laß sie los!“ rief Michael.

Die Antwort war das gutmütige klingende Lachen des Windes.

Obwohl sie sich immer weiter entfernte,  glaubte Michael plötzlich, das Mädchen zu erkennen, und sein Herz tat einen stechenden Sprung. Das Mädchen, das um Hilfe rief, das Mädchen, das mit Jaros in die Höhe wirbelte, das Mädchen war Julia.

Julia war im Garten. Julia hatte ihn gerufen, brauchte seine Hilfe.

 „Hab’ keine Angst, Julia! Ich helfe dir!“

Wieder hörte er Julias Hilferuf und Jaros’ Lachen. Im nächsten Augenblick war Jaros mit Julia am Horizont verschwunden.

Erneut begann sich die Grenze zwischen Wüste und Garten in Bewegung zu setzen. Der Garten wuchs und drängte den schwarzen Wüstensand zurück.

War Julias Entführung ein Sieg für Jaros und eine Niederlage für Margaritta gewesen? Welche Rolle spielte Julia dabei und welche hatte man ihm, Michael, zugedacht. Jaros hatte einmal gesagt, nur ein Junge, der Margaritta glaubt und vertraut, könnte ihr die Macht über den Garten zurückgeben. Was wollten sie dann mit einem Mädchen?

Michael überlegte und setzte er sich in das warme Gras. Er nahm einen der beiden Müsliriegel aus der Hosentasche, riß das Papier herunter und begann gedankenversunken zu kauen.

„Jetzt reicht’s!“ schnarrte da eine Stimme unmittelbar hinter ihm, und Michael erschrak. Die Stimme kam ihm jedoch bekannt vor. Er drehte sich um und erkannte den Zwerg sofort. Er war nicht größer als zwei übereinander gestellte Kokosnüsse, hatte zwirnsfadendünne Beine und Arme, einen großen runden Kopf, an dem zwei Propellerohren hingen, trug eine kurze grüne Latzhose, ein gelbes T-Shirt und eine blaue Baskenmütze.

„Rasenflitz?“ sagte Michael fragend.

„Unsinn“, scharrte der Zwerg. „Rasenflitz, Rasenflitz. Rasenflitz ist ausgeflitzt. Aber was soll das hier? Was soll die Schweinerei, Papiererei?“

Er hielt Michael vorwurfsvoll ein Kaugummipapier und ein Müslipapier vor die Nase.

„Kommt hierher und verstreut seinen Unrat. Untat!“

„Entschuldige“, sagte Michael. „Ich war gedankenlos.“

Er griff nach dem Papier, wollte es an sich nehmen, aber bevor er es erreicht hatte, riß der Zwerg es ihm weg und ließ beide Hände hinter dem Rücken verschwinden.

„So kommst du mir nicht davon!“ gellte die Stimme des Zwerges. „Du kaufst mir den Unrat ab, sonst bring’ ich dich auf Trab!“

„Ich habe aber kein Geld“ sagte Michael und begann in seinen Taschen zu kramen. Vielleicht hatte sich dort doch eine Münze versteckt?

„Wer will denn Geld?“ schrie der Zwerg. „Du hast es ausgewickelt und du hast es auch noch eingewickelt!“

Aber Michael begriff nicht, was er wollte.

Da ließ der aufdringliche Zwerg das Papier fallen, sprang blitzschnell vor, stieß seine dürren Finger in Michaels Hosentasche und riß den zweiten Müsliriegel heraus. Schnell sprang er zurück, wickelte das Papier ab, ließ es fallen und mit nur einem Biß verschlang er den süßen Riegel.

„Dummkopf! Sumpftopf!“ stieß er hervor, begann er sich zu drehen, warf dabei einen Erdhügel auf und verschwand blitzschnell im Boden. Der Wind trieb das Einwickelpapier davon.

Michael war keiner Regung fähig. Er saß da und starrte auf die Stelle, wo der Zwerg verschwunden war, der zwar genau so ausgesehen hatte wie Rasenflitz, der aber bis auf sein Äußeres mit ihm keine Gemeinsamkeiten teilte.

„Da staunst du was?“

Michael sprang auf  und schaute sich um.

Da war der Zwerg schon wieder. Das gleiche Gesicht, die gleiche Mütze, die gleichen Ohren, aus denen die Erde rieselte. Ein breites Grinsen zog die Mundwinkel weit nach oben, so daß sie fast bis zum Ansatz der Propellerohren reichten.

„Schön, daß du gekommen bist.“

„Ich habe nichts mehr für dich“, sagte Michael und hob ratlos die Schultern.

„Aber ich habe etwas für dich“ antwortete der Zwerg und öffnete die Hand, in der ein schmutziges Stück Kaugummieinwickelpaier lag, wie es gerade der Wind davongetragen hatte.

Nein, nicht schon wieder, dachte Michael und trat einen Schritt rückwärts. Er stolperte über den Erdhügel und setzte sich mit einem Plumps ins Gras.

Der Zwerg verkniff sich das Lachen und hielt Michael das Papier hin.

„Du sollst nur den Brief lesen, Michael“ sagte er. „Was ist denn los mit dir? Bist du einem Mong begegnet?“

Michael schüttelte den Kopf und griff vorsichtig nach dem Papier.

Ja, da war mit Bleistift etwas geschrieben. Michael las: „Mein lieber Michael

„Da steht mein Name“, sagte er.

„Lies weiter“, sagte der Zwerg.

Jaros hat mich entführt. Hilf mir, Michael! Nenne meinen wahren Namen! Vertraue Rasenflitz.

Deine Julia“

„Rasenflitz?“ Michael blickte den Zwerg zweifelnd an. „Du bist Rasenflitz“?

„Wer denn sonst?“ lachte der Zwerg. Dann verdunkelte sich plötzlich sein Gesicht. Er hüpfte zu dem Erdhügel, hob ein paar Krumen auf und roch daran. „Habe ich es mir doch gedacht. Ein Mong war hier. Wann war er hier? Was hat er von dir gewollt? Was hat er von mir erzählt? Was hat er dir getan?“

„Wo ist Julia?“ wollte Michael wissen. Hier konnte etwas nicht stimmen. Nur ein Junge war in der Lage, das ewige Feuer zu löschen. Das wußte er genau.

„Weißt du, wo Julia ist?“ fragte er wieder.

Aber Rasenflitz schüttelte den Kopf, packte Michaels Hand und zog.

„Steh auf! Wir müssen hier weg. Wo ein Mong war, werden bald alle Mongs sein. Ich habe keine Lust, ihnen ausgerechnet heute zu begegnen. Komm, Michael, laß uns gehen!“

„Wo ist Julia?“ fragte Michael wieder, aber Rasenflitz zog ihn hinter sich her mit einer Kraft, die man dem kleinen Kerl nicht zugetraut hätte.

Unmittelbar vor ihnen schob sich ein kräftiger Maulwurfshügel in die Höhe und Rasenflitz versuchte, ihm auszuweichen, wechselte die Richtung. Aber auch dort bildete sich im Rasen ein Erdhügel.

Michael sah, daß die Grenze zwischen dem Garten und der Wüste sich zu nähern begann, einmal, weil sie sich tatsächlich wieder in Bewegung gesetzt hatte, zum anderen weil Rasenflitz ihn dorthin zog.

Entsetzt schaute Michael sich um und erkannte, daß sie von Maulwurfshügeln eingeschlossen waren.

„Schneller!“ keuchte der Zwerg und zog ihn so rasch voran, daß er kaum Schritt halten konnte.

„Wo willst du hin?“ rief Michael verzweifelt, riß sich mit einem Ruck los und blieb stehen. „Die schwarze Wüste ist doch Margarittas Land!“

„Eben, eben!“ rief Rasenflitz.

In diesem Moment öffneten sich ringsum die Erde und ungezählte Zwerge, einer wie der andere aussehend, sprangen heraus. Sie klatschten in die Hände, einer stieß einen gellenden Pfiff aus, dann stürzten sie sich auf Michael und Rasenflitz.

Was mit dem Zwerg geschah, sah Michael nicht. Er wußte nicht, wie viele der Mongs auf seinen Armen, seinen Beinen, seinem Körper saßen. Sie drückten mit ihren dürren Händen seinen Kopf auf den Boden, saßen auf seinen Augen, seinem Mund, hielten seine Hände mit den Kräften von fünf  Flugzeugen fest und kreischten und tobten. Michael fühlte, wie sie seine Hosentaschen durchwühlten, daß sie sogar zwischen Haut und Hemd krochen und ihn überall mit ihren krakeligen Spinnenfingern abtasteten. Michael wehrte sich mit aller Kraft. Er versuchte, mit den Beinen zu strampeln, spannte alle Muskeln an, um die Mongs abzuwerfen. Aber alles war vergebens. Mit Mühe gelang es ihm, den Kopf zu wenden, und er spürte vor seinem Mund etwas. Ein Arm, ein Bein, ein Körper? Jedenfalls ein Stück Mong! Michael nahm die Zähne auseinander, packte zu und biß mit aller Kraft.

Ein Schrei war zu hören, anschließend wehes Jammern, das sich bald entfernte.

Dann ertönte wieder der durchdringend laute Pfiff. So schnell sie gekommen waren, verschwanden die Mongs. Michael richtete sich auf und erkannte, daß er in schwarzem Wüstensand saß, der heiß und qualmend sich dehnte, so weit sein Auge blicken konnte. Und er sah noch etwas: Er war allein. Weit und breit war von Rasenflitz, von keinem Lebewesen etwas zu sehen. Und, wie er mit einem schnellen Griff ertastete, seine Hosentaschen waren leer. Keinen Bindfaden, keinen Nagel, keine Schraube, kein Taschenmesser - nichts hatten ihm diese Strauchdiebe gelassen. Julias Brief war ebenso verschwunden.

Michael war alleine auf der Welt und genau so fühlte er sich.

Er ließ sich in den Sand fallen, vergrub das Gesicht in den Armen und begann zu weinen. Er konnte es nicht verhindern. Die Tränen wollten aus ihm heraus. Er fühlte sich so verlassen, so hoffnungslos wie nie zuvor in seinem Leben, und das Schluchzen ließ seinen Körper erbeben.

Als er an seinen Wangen ein Kitzeln verspürte, wollte er es erst nicht wahrhaben, dann aber hob er den Kopf. Anfangs konnte er durch den Tränenschleier gar nichts erkennen. Er wischte sich die Augen trocken und sah, daß dort, wo seine Tränen auf den schwarzen Wüstensand gefallen waren, bunte Blumen ihre Köpfe aus dem Boden steckten. Um sie herum sproß Gras, eine weitere Blume wuchs und ehe er es richtig begreifen konnte, gewann der Garten die Herrschaft über die Wüste zurück.

Michael stand auf, schirmte die Sonne mit der Hand und blickte um sich. Weit im Süden, fast am Horizont ragte sich ein Gebilde in die Höhe. Es konnte ein Berg sein, ein Vulkan, ein riesiger Baum, vielleicht aber auch nur eine dunkle Wolke. Und vielleicht war es Jaros, der Julia gefangen hielt.

Michael begann zu laufen. Jetzt hatte er ein Ziel.

 

Rechts von ihm begann sich die Sonne schon zu neigen. Er hatte noch nicht erlebt, daß es Nacht im Garten wurde, und er fürchtete sich. Dem Gebilde am Horizont war er kaum näher gekommen, weit und eben dehnte sich das Grasland vor ihm.

Da blitzte links von ihm etwas auf, gerade so, als würde die untergehende Sonne von etwas glänzendem reflektiert. Ohne lange zu überlegen änderte Michael die Richtung. Nicht lange danach stand er vor der Fläche, die die Sonnenstrahlen zu ihm gelenkt hatte. Mitten im saftig grünen Rasen stand  ein Spiegel. Viereckig, ohne Rahmen, mit gezacktem Rand, so groß wie die Tafel in Michaels Klassenzimmer. Ein durchdringender Geruch nach Pfefferminze ging von dem Spiegel aus.

Michael trat näher und sah, daß der Spiegel zwar das Sonnenlicht reflektieren konnte, ansonsten aber matt war, so daß er sich nur verschwommen und undeutlich sehen konnte.

Michael ging hinter den Spiegel. Hier war der Geruch noch stärker. Die Oberfläche der Rückseite des Spiegels war weiß, wie aus grob gefasertem Papier. Und langsam begriff er, daß er nichts als das riesenhaft vergrößerte, glattgestrichene Kaugummipapier vor sich hatte, das Kaugummipapier, daß ihm schon einmal der Mong vorgehalten und auf dem später Rasenflitz den Brief von Julia gebracht hatte.

Michael berührte das Papier vorsichtig mit dem Finger. Ein schwarzer Punkt blieb zurück. Er sah erschrocken seine Hände an, die aber waren ungewöhnlich sauber.

Hallo“ schrieb er auf den Spiegel. Und wie als Antwort erschien, in gänzlich anderer Handschrift ein zweites Hallo.

Erschrocken trat Michael einen Schritt zurück. Dann aber, von einem gänzlich unverständlichem Impuls getrieben, trat er wieder vor und schrieb mit dem Finger wie mit Kreide an der Schultafel:

Wo bin ich?

Dort, wo auch ich bin“ erschien, wie von unsichtbarer Geisterhand geschrieben, die Antwort.

Wo ist Julia?“

Julia und Jaros tanzen mit dem Wind.“

Wo ist Margaritta?“

Rasenflitz und Margaritta winden Schlangen um ein Herz.“

Du mußt mir helfen, wenn die Mong ... “

Weiter kam Michael nicht. Es raschelte, die Tafel schrumpfte blitzschnell zur natürlichen Größe des Kaugummipapiers, wurde von einem Windstoß ergriffen und davongewirbelt.

Dort, wo soeben noch die mit der Fingerspitze beschreibbare Tafel gestanden hatte, erschien aus dem Nichts ein seltsam aussehendes Wesen. Es war größer als die Zwerge und Mongs, aber doch viel kleiner als Michael. Es hatte kurze dicke Beine und einen dürren, mageren Körper, einen kugelrunden Kopf, auf dem nur wenige gelbe Haare wild in alle Richtungen wuchsen. Unter der langen, krummen Nase wuchs eine dunkelbraune Warze aus der Oberlippe, und die Zähne standen ihm weit und schief und schwarz von Karies aus dem Mund. Es hielt in der Hand eine rote Spielzeugpistole und schaute Michael grimmig an.

„Was starrst du mich so blöde an?“, keifte es los und kam einen Schritt näher.

Michael konnte noch immer kein Wort hervorbringen. Er wußte nicht, ob er lachen oder davonlaufen sollte.

„Ich heiße Michael und suche Julia“, sagte er deshalb. „Wer bist du?“

„Mein Name steht hier nicht auf der Tagesordnung“, sagte das Wesen da mit gänzlich veränderter Stimme. Es klang, als sagte eine feine Dame mit Handtasche und Sonnenschirm und mit gespitzten Lippen: „Das ist aber nett, daß Sie mir die Tür aufhalten.“

Michael ging einen Schritt zurück und murmelte: „Kannst du mir vielleicht sagen, wo ich Julia finde?“

Die Antwort war ein schrilles Kreischen, das klang wie: „Deswegen bin ich doch hier, du erstklassiger Versager!“

„Jetzt reicht es aber!“ ertönte da eine Stimme, die Michael sehr bekannt vorkam und aus den Füßen des Wesen zu kommen schien. Der komische Kerl verlor plötzlich das Gleichgewicht und setzte sich mit einem hörbaren Plumps auf seinen dicken Hintern. Dort, wo er eben noch gestanden hatte, erschien Rasenflitz aus dem Boden, schüttelte die Erdbrocken ab und reichte dem Wesen eine Hand, um ihm wieder auf die Füße zu helfen.

„Immer mußt du mir dazwischen kommen“, sagte es weinerlich. „Er war gerade dabei, vor mir Angst zu bekommen. Das war so schön.“ Es ergriff die Hand und ließ sich hochziehen.

 „Du mußt Khaly verzeihen“, sagte Rasenflitz zu Michael. „Khaly ist der größte von uns Zwergen, und deshalb hat keiner Respekt vor ihm. Außerdem hat er so seine Probleme. Manchmal fühlt er sich als böser Zauberer, dann wieder als Königin der Höhlenwelt, manchmal als unbezwingbarer Schwertkämpfer. Einmal bildete er sich ein, eine Maus zu sein. Nein, haben wir gelacht!

Khaly“, wandte sich Rasenflitz jetzt an den verlegen abseits stehenden Riesenzwerg, „gib Michael die Pistole!“

Michael erkannte deutlich den Widerwillen, mit dem der absonderliche Kerl ihm die Spielzeugpistole reichte.

„Was soll ich damit?“

Rasenflitz lachte. „Probiere sie doch einfach aus! Siehst du dort den Raben mit den drei weißen Federn im Flügel? Der wartet nur darauf, dir als Ziel zu dienen.“

„Weshalb sollte ich auf einen Raben schießen?“ fragte Michael empört.

 

„Dann zielst du eben auf den Erdhügel daneben“, sagte Rasenflitz ärgerlich.

Der Rabe mit den drei weißen Federn schaute kurz herüber, gab ein lautes „Krah“ von sich und flog schwerfällig davon.

Michael griff unwillig nach der roten Kunststoffpistole. Khaly zog die Hand bestimmt dreimal zurück, ehe er das Spielzeug her gab, nicht ohne vorher einen bösen Blick von Rasenflitz bekommen zu haben. Michael betrachtete die Pistole genauer. Es war eine Wasserpistole, wie sie in jeder Losbude zu gewinnen war. Und sie enthielt nicht mal Wasser.

Er schaute kurz zu Rasenflitz, warf einen zweifelnden Blick zu Khaly, richtete die Pistole auf den Erdhaufen und drückte ab.

Die Wirkung übertraf alle Erwartungen. Ein stricknadeldicker Feuerstrahl stieß aus der kleinen Öffnung, erreichte im gleichen Moment den kegelförmigen Hügel. Es gab einen entsetzlichen Knall, und an dem Ort, wo sich eben noch braune Erde erhoben hatte, gähnte ein tiefes, schwarzes Loch.

„Na“, sagte Rasenflitz stolz, „ist das was?“

Aber Michael, der von dem furchtbaren Krach noch betäubt war, konnte nicht antworten. Er starrte auf die vermeintliche Spielzeugpistole und fragte dann: „Was soll ich damit?“

„Julia befreien!“

„Aber ...“

„Kein Aber! Denke daran, was dir die Mongs angetan haben. Die hatte Jaros geschickt. Margaritta sendet dir durch uns diese Waffe. Rette Julia! Sie hofft so sehr auf dich.“

Hinter ihnen bellte ein Hund, knurrte und japste. Michael dachte sofort an Trabbel, den Wolfsspitz, und sprang zur Seite. Aber es war nur Khaly, der bellend und knurrend hin und her hüpfte.

„Oh“, sagte Rasenflitz, „als Hund habe ich Khaly noch nie gesehen. Er wirkt fast echt.“ Plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse. „Wir müssen gehen. Lauf du weiter in Richtung Süden. Wir sehen uns bald wieder.“ Er drückte Khaly die Hand auf die Schulter und schob ihn weg. Dabei hob sich sein Hemd etwas und Michael konnte seinen nackten Bauch sehen. Und was er dort erblickte, ließ ihn beim Luftholen stocken. Er schloß die Augen und sah noch einmal hin. Aber es gab keinen Zweifel.  Links neben dem Nabel prangte deutlich sichtbar eine schon bläuliche Bißspur: der Abdruck von Michaels Zähnen.

Entsetzt machte Michael einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. Dabei vergaß er völlig, daß er in seiner Rechten die rote Kunststoffpistole hielt.

„Vorsicht!“ schrie Rasenflitz oder wer immer der Zwerg sein mochte. Er packte Khaly und schob ihn zwischen sich und Michael. „Nimm die Pistole weg!“

Michael mußte lachen. Er steckte die Waffe, die ihm auf einmal diese Macht zu verleihen schien, ein und sagte: „Ist schon gut. Macht was ihr wollt. Ich suche jetzt Julia.“ Er dreht sich um und ohne die beiden Figuren weiter zu beachten, ging er los, dorthin wo sich in der Ferne der Berg in den Himmel reckte.

 

Es war alles wie beim ersten Besuch im Garten. Die Sonne, die plötzlich wieder senkrecht über ihm stand,  brannte unbarmherzig, und sie rührte sich nicht mehr vom Fleck, solange Michael auch unterwegs war. Er hatte Hunger und vor allem Durst, aber es gab keine Anzeichen dafür, daß ihn das Tischleindeckdich der Zwerge laben könnte. Er war dem Berg nicht nähergekommen, so lange er auch über den Rasen stapfte, und überhaupt bot die unendlich scheinende Ebene keinen Anhaltspunkt für sein Fortkommen. Er wußte nicht einmal, ob er in der Nähe des Berges etwas finden würde. Aber er konnte ja nicht einfach stehenbleiben und darauf warten, daß etwas geschah, daß Julia zu ihm kam. Jaros hatte sie mitgenommen und Michael mußte sie finden. Suchen bedeutet Bewegen, Bewegen heißt Laufen. Und so lief Michael immer weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, mechanisch, im gleichen Takt, pausenlos. Er starrte auf seine Füße, sah Gras, Gras und immer wieder Gras.

Er wußte nicht, wie lange er gegangen war, als er den Blick hob und auf einmal das riesige Haus vor sich aufragen sah. Zehn Schritte weiter, und er wäre gegen die Wand gerannt. Stand er vor dem Gebäude, das er vor Stunden am Horizont gesehen hatte?

Michaels Blick folgte der senkrecht aufstrebenden Wand nach oben, aber er konnte das Ende nicht sehen. Irgendwo im strahlenden Blau des Himmels verlor sich die Spitze des Gebäudes. Und was ihm jetzt auffiel war, daß dieses Hochhaus keine Fenster hatte. Glatt und schwarz, matt glänzend, strebte die Wand empor.

Michael ging dicht heran und legte die Handfläche an die Mauer, die sich kühl anfühlte, und er bemerkte das sanfte Vibrieren, das sich auch auf den Boden zu übertragen schien.

Er nahm mit der linken Hand die rote Pistole aus der Hosentasche. Die rechte Hand ließ er an der Mauer und so begann er am Haus entlang zulaufen. Irgendwo mußte sich der Eingang befinden, dessen war er sich sicher. Wenn es schon keine Fenster gab, eine Tür mußte da sein.

Erstmals auf seinen Wegen durch den Garten spürte er eine Bewegung der Luft, ohne Jaros Gegenwart. Das Gras neigte sich in die Richtung, die Michael eingeschlagen hatte und jetzt begann er von fern ein Brausen zu hören, das lauter wurde, je weiter er an dem Haus entlang lief. Der Wind wurde stärker und begann, ihn vor sich her zu schieben. Die Mauer, an der er die Hand entlang führte, bebte stärker. Er steckte die Pistole in die Hosentasche zurück und schmiegte sich eng an die Wand, denn er brachte kaum noch genügend Kraft auf, sich dem Sturm entgegenzustemmen. Er blickte nach vorn, dorthin, wohin es ihn schob, und er sah, daß ein scharf abgegrenzter dunkler Trichter, gebildet aus Staub, welkem Gras, Zweigen, Ästen Blättern und Erde, gesammelt im Garten, direkt in das Haus hinein führte, ein Trichter, in dem sich alles mit irrsinniger Geschwindigkeit bewegte, dann im Inneren des Bauwerkes verschwand. Es brauste und toste immer lauter, je näher Michael kam, und auch er bewegte sich immer schneller, weil er nicht mehr die Kraft hatte, sich diesem gewaltigen Sog entgegenzustemmen. Er fiel auf die Knie und stieß die Fäuste in die nackte Erde, denn Gras gab es hier schon lange nicht mehr, aber der Orkan drückte ihn unaufhaltsam voran. Michael keuchte, denn er bekam nur noch schwer Luft, weil sie ihm vorm Munde weggerissen wurde und plötzlich lösten sich erst seine Hände, dann seine Knie vom Boden, und er flog durch die Luft, wurde schneller und schneller, raste auf den Trichter zu. Er wurde eins mit dem Unrat des Gartens, wurde aufgenommen und als er in das Zentrum des Strudels geriet, umgab ihn auf einmal Stille. Einen kurzen Moment lang fühlte er sich, als würde er von allen Seiten zusammengepreßt, dann bekam er Raum und wieder Luft, und es wurde dunkel um ihn.

Das Haus hatte Michael aufgenommen.

Unvermindert schnell wurde er nach oben getragen. Das Haus war ein riesiger Schornstein, eine mitten in der Ebene stehende, kilometerhohe Esse, die warme, leichte Luft ansaugte und irgendwo hoch oben in kühleren Schichten freigab. Aus diesem gewaltigen Aufwind zog Jaros seine Kraft. War das Haus der Vulkan, das Feuer, das zu löschen ihm Margaritta bei seinem ersten Besuch aufgetragen hatte? Was geschah mit ihm, wenn er oben ausgespuckt würde? Er könnte nicht wie ein Staubteilchen zum Erdboden zurück schweben, sondern würde fallen wie ein Stein.

„Hallo“, hörte er plötzlich eine Stimme dicht neben seinem Ohr. Mit ungeschickten Bewegungen drehte er seinen Körper solange, bis er sehen konnte, wer ihn angesprochen hatte. In gleicher Höhe mit ihm trudelte ein knorriges Wesen im Strom des Windes, das Michael an eine vom Wasser freigelegte Baumwurzel erinnerte. Nur seine Augen waren beweglich und sie blitzen voller Schalk.

„Wer bist du?“ fragte Michael.

„Nur eine Wurzel“, bekam er zur Antwort, wobei sie sich langsam drehte und sich zu entfernen begann.

„Heh, bleib’ hier!“ rief Michael.

„Dann mußt du mich schon halten“, sagte die Wurzel, ohne daß Michael erkennen konnte, womit sie die Worte formte.

Er griff nach einer der langen, dünnen Haarwurzeln, erreichte sie und zog damit das Holzstück zu sich heran.

„Wir haben Glück“, sagte die Wurzel, „daß Jaros nicht zu Hause ist.“

„Wie meinst du das?“ fragte Michael.

„Wenn er den Wind anschiebt, geht es nicht so gemütlich zu. Ich weiß nicht, wie oft ich schon hier hindurch mußte. Man liegt draußen, wird vom Wind gepackt, hinausgeschleudert, wieder fallengelassen und schließlich beginnt alles von Neuem. Man liegt eine Weile draußen, wird vom Wind gepackt, hinausgeschleudert, wieder fallengelassen ... Und jedesmal büßt man ein Stück von sich selbst ein. Sieh, früher war ich ein Baum, eine Weide, um genau zu sein. Stück für Stück mußte ich meinen Geist zurückziehen, bis in die Wurzel. Und jedesmal hoffte ich, wenn ich herabgefallen bin, ich könnte mich eingraben und festwachsen. Aber jedesmal ist Jaros schneller. Nun, bestimmt  klappt es diesmal. Viel ist ja nicht mehr übrig von mir. Irgendwann bin ich sonst so klein, daß Jaros mich nicht mehr packen kann. Aber dann reicht es vielleicht nicht mehr für einen neuen Baum.“

„Hallo,“ hörte Michael da eine krächzende Stimme von unten. „Du bist neu hier. Das erste Mal im Strom? Bist du nicht der Junge von vorhin?“

Es war ein Rabe, und er hatte drei weiße Federn im Flügel.

„Ja ich ... Du ... Ich habe dich doch ... “, stammelte Michael. Aber ehe er die richtigen Worte finden  konnte, trieb der Rabe an ihm vorbei und verschwand hinter Staub und dürrem Gras. Auch die Wurzel konnte er nicht mehr sehen. Ein Augenblick der Ablenkung hatte genügt, sie für immer von ihm zu entfernen.

Wie lange dauerte sein Flug wohl schon? Bald, zu bald mußte der Moment kommen, da er oberhalb des Schlundes endete, einer Sekunde des Verharrens am Ort der freie Fall folgen mußte. Und er hatte kein Kleid an, das er wie einen Fallschirm aufspannen konnte, so wie es Margaritta damals getan hatte.

Michael schien es, als würde seine Geschwindigkeit immer größer. Er sah kaum noch etwas von seiner Umgebung und immer häufiger mußte er sich Schmutz aus den Augen reiben. Plötzlich gab ihn der Strom frei. Mit einem Schlag wurde es gleißend hell um ihn. Michael schwebte über dem Garten, der sich so weit dehnte, wie sein Blick reichte. Noch einen kurzen Moment dauerte die Aufwärtsbewegung, dann verharrte er kurz am Gipfelpunkt und schließlich begann der Absturz. Er wußte, daß es jetzt um ihn geschehen war. Nur ein Wunder konnte ihm noch helfen.

Michael schloß die Augen, aber er spürte an dem Kribbeln im Bauch, daß der Sturz schneller und immer schneller wurde. Der Wind pfiff nur so an seinen Ohren vorbei.

Da bemerkte er, daß ihn irgendetwas von unten her berührte, zart erst und ganz wenig, dann stärker und kräftiger. Etwas bremste seinen Sturz. Er öffnete vorsichtig die Augen und erblickte unter sich einen schwarzen Teppich, der sich in heftiger, wellenförmiger Bewegung befand, stark eingebeult da, wo Michael auf ihm lag. Jetzt, da der Wind nicht mehr so stark um ihn herum toste, hörte er auch die krächzenden Laute, die von dem schwarzen Teppich ausgingen und endlich begriff er, was da vorging, erkannte, wer dabei war, ihm das Leben zu retten: die Raben.

Immer langsamer wurde die Abwärtsbewegung, hörte schließlich ganz auf. Dann begann sich der fliegende Teppich aus ungezählten Raben seitwärts zu bewegen. Michael schaute sich um und sah, wie er sich immer weiter von dem hoch aufragenden Schlot, der ihn hindurch gesaugt hatte, entfernte. Dem Teppich aus schwarzen Vögeln voran flog ein einzelner Rabe und Michael erkannte, daß in seinen Flügeln drei weiße Federn wuchsen. Jetzt konnte er auch wieder die scharfe Grenze zwischen saftigem Grün des Gartens und staubigem Schwarz der Wüste sehen. Dieser Grenze kamen sie immer näher. Die Raben trugen ihn hinüber zu Margarittas Reich. Sie brachten in weg von Jaros, fort von Julia!

„Halt!“ rief er verzweifelt. Aber statt einer Antwort hörte er nur das Krächzen der Raben und das Schwirren ihrer Flügel.

Tiefer glitt der Teppich und sie überflogen bald die Grenze. Es wurde kühl und die Sonne war als fahlblasse Scheibe zu sehen, die kaum durch die milchigen Schleierwolken zu dringen vermochte. Michael sah, daß die Wolke aus Raben nun dicht über dem Boden flog und sich einem Wald aus abgestorbenen Bäumen näherte. Schwarz und anklagend reckten sie ihr verdorrtes Holz in den Himmel. Teilweise lagen die Wurzeln frei.

Nicht weit vor den ersten toten Bäumen teilte sich plötzlich der lebende Teppich unter ihm. Michael fiel ein kleines Stück, landete aber weich im kalten, schwarzen Wüstensand. Die Raben flogen krächzend nach allen Richtungen davon. Nur der mit den drei weißen Federn landete kurz, kam einige stolzierende Schritte auf ihn zu, schien sich kurz zu verbeugen, sprach noch ein lautes „Krah, krah“ und flog davon, ehe Michael auch nur „Danke“ murmeln konnte.

Das Wunder war geschehen: Er hatte heil und gesund festen Boden erreicht. Aber das Wunder besaß auch eine Kehrseite: Er war mitten in Margarittas Reich gelandet.

Michael ging zögernd auf die Bäume zu, zwischen denen Nebelschwaden wallten und den Blick versperrten. Das Dämmerlicht, das von der schwachen Sonne ausging, gab der Umgebung  einen gespenstischen Anschein und das Krächzen der Raben, das aus der Ferne noch immer zu hören war, verstärkte den Eindruck noch mehr.

Dann vertrieb ein Windhauch den Nebel, und Michael sah hinter den Bäumen ein Zelt im schwarzen Sand stehen, ein Zelt, dessen Leinwand an vielen Stellen in Fetzen hing, genau so, wie er es bei seinem ersten Besuch im Garten von Rasenflitz gezeigt bekommen hatte, als dieser ihm in den Höhlen die Schattenwelt der Margaritta vorführte. Aber es gab auch Unterschiede. Vor dem Zelt stand niemand, und obwohl Michael jetzt selbst an diesem schaurigen Ort weilte, der ihm schon als Projektion Angst und Schrecken eingeflößt hatte, kam keine Furcht in ihm auf. Wahrscheinlich hatte er einfach zu viel in den letzten Stunden erlebt, als daß ihn dieser Anblick noch schrecken konnte.

Langsam ging Michael auf das Zelt zu. In der Hosentasche spürte er die Pistole, und er erinnerte sich, daß diese ihn gerettet hatte, weil er sie nicht auf den Raben gerichtet hatte. Er wollte nicht noch einmal in Versuchung kommen. Also zog er sie aus der Tasche, holte weit aus und wollte sie gerade hinter sich werfen, als aus dem Boden vor ihm Rasenflitz erschien, den trockenen Sand abschüttelte und scharf sagte: „Das würde ich aber an deiner Stelle nicht tun!“

Michael erstarrte mitten in der Bewegung, und er hielt die Pistole gerade noch fest. Er ging einen Schritt auf den Zwerg zu und gab genau so kurz zurück: „Du falscher Fünfziger hast mir gerade noch gefehlt! Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“

Unwillkürlich hob er die Pistole gegen den Zwerg und als dieser sich entsetzt fallen ließ, sagte er verächtlich: „Feige bist du also auch! Ich frage mich nur, woher du den Mut nimmst, hier vor Margarittas Zelt und vor mir zu erscheinen.“

Er zielte mit der Pistole auf einen schwarzen Stein, der ein beträchtliches Stück von dem Zwerg entfernt lag und betätigte den Abzug der Pistole. Aber es fuhr kein furchtbarer Feuerstrahl aus der Mündung, wie er es erwartet hatte, sondern nur ein feiner Wasserstrahl spritzte heraus und fiel auf den Wüstensand. Im gleichen Moment schob sich an dieser Stelle ein einsamer Grashalm heraus, dann ein zweiter, ein dritter und schnell hatte sich, groß wie ein Rollerrad, eine Raseninsel im schwarzen Staub der Wüste gebildet.

Rasenflitz stand davor, klatschte in die Hände und rief laut und begeistert: „Fein gemacht! Fein gemacht, nun wirst du auch nicht ausgelacht! Spritz noch einmal, eins, zwei, drei, bringe Jaros gleich herbei!“ Dabei hüpfte er auf seinen spindeldürren Beinen, daß der Sand nur so stiebte.

Michael wußte nicht, was er tun sollte. Seit er in den Garten zurückgekommen war, hatte man ihn genarrt, immer wieder zum Besten gehalten. Er hatte Julia gesucht und war von einem Unglück ins andere geraten. Er hatte Freunde gefunden und sich Feinde gemacht, und die Feinde waren zu Freunden und die Freunde wieder zu Gegnern geworden. Aber Julia war noch immer verschwunden. Und oft war er das Gefühl nicht losgeworden, daß Jaros es war, der ihn ausnutzen wollte.

Er holte Schwung und warf die Wasserpistole so weit er konnte weg. Sie beschrieb über dem Zelt einen Bogen, kehrte wie ein Bumerang zurück und fiel vor Michaels Füße. Ein Tropfen Wasser lief aus der Düse und dort, wo er den Wüstenboden berührte, sproß ein weiterer Grashalm, grün und kräftig.

Rasenflitz kugelte sich vor Lachen. Er riß sich die Mütze vom Kopf und warf sie in die Luft. Er klatschte in die Hände und rief: „Welch ein Spaß und welch ein Glück, das Wasser bringt den Wind zurück!“

Michael hob die Wasserpistole auf und rief zornig: „Halte endlich deinen Mund, du böser alter Zwerg!“ Dann richtete er den Lauf auf Rasenflitz und zog den Hebel einmal, zweimal und dann immer wieder durch, pumpte alles Wasser auf den Zwerg, bis auf den letzten Tropfen. Bei jedem Treffer schrie Rasenflitz gellend auf. Er begann durchsichtig zu werden, langsam zuerst, dann aber immer schneller, und noch als die Pistole leer war, setzte sich der Vorgang fort. Seine Stimme, die gerade noch so frisch und laut erklungen war, wurde leiser und schließlich war Rasenflitz verschwunden, hatte sich vor den Augen Michaels in Luft aufgelöst.

Da teilte sich die Leinwand des Zeltes. Margaritta trat heraus, deutete mit den Fingerspitzen eine Händeklatschen an und lächelte ihr betörendes Lächeln, das Michael, seit er es zum ersten Mal gesehen hatte, Nacht für Nacht in seinen Träumen verfolgt hatte. Sie war schön wie damals unter der Weide und hatte keine Ähnlichkeit mit der Margaritta, die ihm Rasenflitz von fern in der Höhle gezeigt hatte.

„Ich wußte doch, daß du es willst“, sagte Margaritta. „Ich wußte es, als ich dich zum ersten mal in meinem Spiegel sah.

Bonelli“, sagte sie dann in das Zelt hinein. „Räume den Unrat weg, ehe er sich noch weiter ausbreitet.“

Aus dem Zelt trat ein alter Mann. Er hatte sehr krumme Beine, die in eng anliegenden Beinkleidern steckten und einen spitzen Bauch, über dem sich die gelbe Weste schon lange nicht mehr schließen ließ. Er trug einen Spaten, eilte damit zu der Stelle wo sich der Grasteppich gebildet hatte und begann, auf das frische Grün einzustechen. Wild flogen die Halme durch die Luft, und wo sie niederfielen, verwelkten sie augenblicklich, rollten sich grau und unscheinbar zusammen, verschwanden schließlich ganz. Nur ein winziger Moment verging, dann dehnte sich das Schwarz der Wüste wieder makellos um das Zelt.

Margaritta lachte und sagte: „Danke, Bonelli. Du verstehst schon dein Handwerk. Ob mit den Pfoten oder dem Spaten, dir halten sie nicht lange stand.“

Dann wandte sie sich an Michael: „Tritt ein Michael, sei unser Gast. Sicher bist du durstig und hungrig, denn selbst deine Wegzehrung hatten die Mongs dir gestohlen. Tritt ein! Heute bieten wir dir mehr als einen weißen Gartenstuhl unter einer Weide im Freien.“

Aber Michael dachte nicht daran, der Einladung zu folgen. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, richtete den Blick fest auf seine Zehenspitzen und sagte: „Du kannst mir bestimmt sagen, wie Julia in den Garten gekommen ist.“

Er fragte nicht, wo sie sei. Jetzt wollte er wissen, wie sie in diese Welt gekommen war.

Margaritta beantwortete seine Frage nicht. „Du bist eingeladen, Michael“, sagte sie und wies noch einmal auf den Eingang durch den Bonelli soeben verschwand, den Spaten wie eine Fahne über der Schulter tragend.

Wieder war Michael nicht in der Lage, sich dem Willen der schönen Margaritta zu entziehen. Er ging auf sie zu, an ihr vorbei und trat in das Zelt ein, wobei er sich ein wenig bücken mußte. Wenn er erwartet hatte, einen dunklen, dreckigen, engen Raum zu betreten, sah er sich arg getäuscht. Das Innere des Zeltes hatte mit dem, was man von außen sah, keine Ähnlichkeit. Michael betrat einen hellen Saal, der von tausend Kerzen erleuchtet wurde. Die Wände strahlten blau und golden und an der Decke prangten die wunderbarsten Gemälde, die er je gesehen hatte. Ringsherum standen Regale aus schwarzem, lackglänzendem Holz, in denen sich Gefäße und Geschirr aus Gold und Silber, aus erlesenem Porzellan in langen Reihen  fanden. Farbige Gläser, die im Kerzenschein funkelten, standen ebenso dort wie zierliche Goldschmiedearbeiten aus allen Ländern der Welt. In der Mitte des Saales erstreckte sich ein gewaltiger Tisch, der festlich gedeckt war und rings um ihn, auf samtbezogenen Kinderstühlchen, saßen Zwerge und Mongs, Elfen, Trolle, Gnome und andere Geister, aßen und tranken, schwatzten und lachten, trampelten und zappelten. Auf einem Podium stand eine Kapelle und siebzehn Raben spielten die Instrumente. Mit einem Satz: Michael sah das tollste Gelage vor sich, das er jemals in seinem Leben erblickt hatte.

Dann blieb sein Blick an einem Gegenstand am anderen Ende des Saales hängen, und er erstarrte. Dort stand ein goldener Käfig, ein Käfig, wie er sonst vielleicht für Papageien benutzt wird, allerdings viel größer, die Stäbe wesentlich stärker. In dem Käfig bewegte sich etwas. Michael sah einen Haarschopf, sah dunkelbraune Haare die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren.

„Julia!“ schrie Michael auf und im gleichen Moment rannte er los, achtete nicht auf den Tisch, nicht auf die Stühle, nicht auf die Gäste. Und erst als er vor dem Käfig stand, wurde ihm bewußt, daß er durch das Gelage hindurch gegangen war, als würde es gar nicht existieren. Aber jetzt war nur Julia wichtig. Er griff nach den Stäben des Gitters und war froh, kühles Metall in den Händen zu spüren. Wenigstens der Käfig war real.

Was aber war mit Julia geschehen? Sie stand in der Mitte des Käfigs, hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen und sie wiegte sich im Rhythmus einer  unhörbaren Melodie hin und her.

„Julia!“ rief Michael, und er rüttelte an den Stäben, aber nicht einmal die konnte er bewegen. Das Mädchen reagierte nicht, es stand und schaukelte sanft den Oberkörper hin und her, vor und zurück.

„Julia! Ich bin es! Michael!“

„Gib dir keine Mühe“, sagte das Margaritta hinter ihm. „Sie schläft, und sie träumt. Vielleicht träumt sie gerade von dir, vielleicht gerade von Jaros, der sie fast gewonnen hätte. Aber in keinem Fall wirst du sie wecken. Jedenfalls jetzt noch nicht.“

„Sage mir, was ich tun muß“, murmelte Michael, ohne den Blick von Julia zu lassen.

„Du weißt es doch“, antwortete Margaritta. „Du weißt es, seit du zum ersten Male bei mir warst.“

Michael hatte den Blick nicht von Julias zartem und vertrautem Gesicht gewandt, und plötzlich meinte er, ein kurzes Beben der Oberlippe zu sehen, so kurz, daß er gleich darauf selbst nicht mehr glaubte, es entdeckt zu haben. Langsam drehte er sich zu Margaritta um, schaute in den Saal, wo noch immer das Zwergenvolk lärmte und schlemmte und fragte: „Und wenn ich es wieder nicht tue? Ich weiß noch genau, daß deine Macht nicht unendlich ist. Ich habe schon einmal gewonnen.“

Er hatte erwartet, Margaritta würde sich verwandeln, würde ihr wahres Gesicht zeigen, und er hatte Furcht davor gehabt. Schlimmer aber war, daß es nicht passierte. Margaritta lächelte, und sie war noch immer schön und jung, und sie sagte: „Gewonnen? Dir war es gelungen, davonzulaufen, Michael. Seitdem hat sich manches geändert, das dürfte auch dir nicht entgangen sein. Heute habe ich den größten Teil meines Reiches zurück, fast alle meine Kraft.  Und heute habe ich Julia ...“

Michael mußte zugeben, daß sie recht hatte. Er wandte sich noch einmal Julia zu, die noch immer die Augen geschlossen hatte, und plötzlich meinte er, ein Lächeln um ihre Lippen spielen zu sehen. Das war der Augenblick, in dem ihm ihre Worte einfielen: „Hilf mir, Michael! Nenne meinen wahren Namen!“ Diese Worte hatten auf dem Zettel gestanden, den ihm  Rasenflitz überbracht hatte. Julias wahrer Name!

„Christin“, flüsterte Michael. Dann lauter und mit aller Kraft: „Christin!“

Margaritta stieß einen fürchterlichen Schrei aus, aber Michael schaute sich nicht um. Zwar registrierte er, daß es dunkel wurde um ihn, daß das Geschrei des Zwergenvolkes und die Musik der Raben verstummten, aber er hatte nur noch Augen und Sinn für Christin.

Das Mädchen erwachte. Langsam hob sie den Kopf. Ihr Blick traf Michael. Sie lächelte und sagte: „Michael. Ich wußte, daß du kommst. Ich wußte, du wirst mir helfen. Ich wußte es vom ersten Moment an. Auch Rasenflitz hat es von Anfang an gesagt. Bitte hol’ mich jetzt aus dem Käfig! Bring mich nach Hause!“

Aber Michael trat einen Schritt zurück. Wie hatte sich die Umgebung verwandelt! Der Käfig stand in dem Zelt, durch dessen zerfetzte Leinwand der Wüstenwind blies. Trübes Dämmerlicht machte es schwer, etwas zu erkennen, aber Michael sah Margaritta, wie sie ihm einst von Rasenflitz gezeigt worden war: alt, häßlich, böse. Sie stand vor dem Eingang des Zeltes, durch dessen Öffnung Michael die in den Himmel ragenden toten Bäume sah, und zu ihren Füßen saß der schwarze Hund, während auf ihrer Schulter die Hummel dröhnte. Und Margaritta lachte.

„Michael“, flüsterte Christin ängstlich.

Aber Michael sah auch, was aus den dicken Stäben des goldenen Käfigs geworden war. Auch sie zeigten jetzt ihre wahre Gestalt, so wie alles um sie herum. Statt goldener Stäbe bildeten sich windende und ineinander verschlungene Schlangen den Käfig.

„Michael“, flüsterte Christin noch einmal. Nur ihre Lippen bewegten sich und ihr Blick hing fest an der Stelle, wo die Köpfe der Schlangen über ihr ein zischelndes Knäuel bildeten.

Margaritta lachte jetzt laut und hemmungslos.

„Nun hilf doch deiner Julia!“ kreischte sie. „Öffne den Schlangenkäfig, du Held!“

„Sie heißt nicht Julia!“ rief Michael. „Ihr Name ist Christin!“

Ohne zu zögern ging er auf den Käfig zu, faßte mit beiden Händen die lebenden Stäbe und bog sie auseinander. Die Stäbe waren kühl und fest, aber sie gaben nach. Jetzt half Christin von innen und bald war die Öffnung so groß, daß sie sich hindurch zwängen konnte. Sie legte Michael einen Arm um die Schulter, zog seinen Kopf heran und gab ihm einen Kuß auf die Wange.

„Mein Held“, sagte sie.

Michael erröte und stammelte: „Komm, laß uns schnell gehen, Christin. Es wird Zeit.“

Durch einen Riß in der Leinwand des Zeltes sahen sie die Sonne. Der Junge stieß beide Hände in die Öffnung und zog sie weit auseinander. Mit einem ächzenden Ton gab der Stoff nach. Michael schob Christin hindurch und bevor er selbst hinterher stieg, warf er noch einmal einen Blick zurück. Er fröstelte. Die Schlangen hatten sich aus ihrem Verbund, mit dem sie den Käfig gebildet hatten,  gelöst, waren auf die Erde gerutscht und glitten jetzt auf Margaritta zu. Schnell begannen sie ein wirres Knäuel zu bilden, das die schrumpfende Gestalt immer mehr einschloß. Trabbel kläffte wütend, sprang vor und zurück und schnappte nach den Schlangen, ohne sie auch nur zu erreichen.

Michael stieg durch die Öffnung, die sich hinter ihm wieder schloß. Er ergriff Christins Hand und während sie zu laufen begannen, wich die Wüste immer schneller der schier unendlichen Wiese, auf der bunte Blumen in allen Farben der Welt blühten.

Dann sahen sie die Tür, die ihnen mitten im Grasland den Weg versperrte. Sie war weiß und gleißte in der Sonne, daß sie geblendet die Augen schließen mußten. Aber es gab nur diese Tür und sie schien im Nichts einen Fuß breit über dem Boden zu schweben.

„Komm, schnell“, sagte Michael. „Das ist die Tür, durch die wir nach Hause kommen.“

Aber Christin war stehengeblieben und hatte ihm ihre Hand entwunden. Sie schaute zurück, und jetzt sah auch Michael den saugenden Rüssel der über dem Garten stehenden Windhose. Sie kam nicht näher. Noch nicht. Fast schien es, als tanze sie unentschlossen hin und her.

„Bitte komm, Christin. Lass’ uns gehen!“ bettelte Michael, und er griff wieder nach ihrer Hand.

Da setzte sich der Luftwirbel in Bewegung. Langsam verringerte sich der Abstand zwischen ihm und den Kindern.

Michael stieß jetzt die Tür auf. Er sah nur Finsternis, und kühle Nachtluft schlug ihm entgegen. Er stellte sich auf die Schwelle. Aber Christin stand wie festgewachsen und schaute dorthin, wo sich hoch oben die Windhose zu einer wirbelnden menschlichen Gestalt formte: Jaros.

„Christin!“ schrie Michael verzweifelt, als er sah, daß das Mädchen einen ersten Schritt von ihm weg tat, einen Schritt hin zu Jaros.

Ein Windstoß traf ihn, ein Ableger des Windgeistes, und er taumelte von der  Schwelle, sah noch wie Christin ergriffen wurde, zu schweben begann und in den Armen von Jaros langsam nach oben stieg. Auch sah er das Lächeln in ihrem Gesicht, dann taumelte er und stürzte in die Finsternis.

 

Als Michael die Augen öffnete, erblickte er direkt über sich ein bärtiges Gesicht unter einer Uniformmütze.

„He, Junge“, hörte er eine Stimme. „Mach keinen Unsinn, wach auf!“

Michael versuchte sich aufzurichten, aber ein stechender Schmerz fuhr durch seine Schulter. Er stöhnte und fiel wieder zurück.

„Endlich machst du die Augen auf“, sagte der bärtige Mann und strich ihm über den Kopf. „Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt. Hast du Schmerzen?“

Michael bewegte die Augenlider auf und ab. „Ja“, sollte das heißen.

„Der Krankenwagen muß gleich hier sein. Wie heißt du? Was machst du nachts auf der Baustelle? Kommst hier her und springst direkt vor meinen Augen in die Baugrube. Ist schon gut. Es hätte schlimmer sein können.

Der Krankenwagen wird jeden Moment kommen.“

Michael sah, wenn er die Augen ein klein wenig öffnete, den Widerschein des Blaulichtes an der steilen, sandigen Wand der Baugrube.

„Da ist er schon“, sagte der Wachmann und stand auf. „Hat zum Glück keine fünf Minuten gedauert.“

 

29. 08. 97