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Im alten Gärtnerhaus |
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Es war ein schöner Sonntag: Die Sonne schien schon am Morgen aus einem strahlend blauen Himmel, und die Vögel sangen und zwitscherten, daß der Frühling einfach wach werden mußte. Sogar die ersten Schneeglöckchen hoben ihre Köpfchen an geschützter Stelle aus dem frostigen Boden.
Michael holte seinen Roller aus dem Schuppen und rollerte den Fußweg hinunter. Dieses schöne Wetter wollte er nutzen. Schon lange hatte es ihn zu dem verfallenen Haus gezogen, das auf dem Gelände der alten Gärtnerei stand. Er hatte es vor ein paar Wochen beim Spazierengehen entdeckt und gleich darin herumstöbern wollen, aber sein Vater war absolut dagegen gewesen. „Stell dir vor,“ hatte er gesagt, „du bist da drin, und das Dach fällt herunter. Oder du steigst die Treppe hinauf, bist im ersten Stock und die Treppe stürzt hinter dir zusammen. Und denke dir,“ hatte der Vater das Unglück weiter ausgemalt, „es ist weit und breit niemand da, der deine Hilferufe hört und dir helfen kommt. Nein, nein, bleibe mir vom alten Gärtnerhaus fern.
Außerdem“, hatte er hinzugefügt, „man erzählt sich, im alten Gärtnerhaus sei es nicht geheuer. Manchmal hat man nachts dort ein Licht aufflackern sehen. Aber als die Polizei hingekommen ist, haben die zwar alles abgesucht, aber nicht die kleinste Spur gefunden.
Bleibe mir vom alten Gärtnerhaus fern!“
Und nun rollerte Michael den Fußweg hinunter, bog um die Ecke, fuhr am Hotel vorbei, wo gerade eine Gruppe Chinesen schwatzend einem Bus entstieg und fuhr auf die alte Gärtnerei zu. In der Tasche am Lenker des Rollers steckten sein Plüschlöwe Simba, der bei all seinen Unternehmungen dabei sein mußte und eine kleine Taschenlampe. Einen Hammer und eine Zange hatte er auch eingepackt. Schließlich mußte man auf alles gefaßt sein und Werkzeug dabeizuhaben war sicher kein Fehler.
Da war er auch schon am Ziel. Leer und unheimlich starrten die glaslosen Fensterhöhlen des Gärtnerhauses über das holprige Feld und schon von weitem sah er in den Ecken die Reste zerrissener Spinngeweben in einem leichten Luftzug schweben. Der Schornstein stand schief, als wollte er jeden Moment herunterfallen. An den Wänden war kaum noch Putz und ringsherum lagen Gerümpel und Unrat verstreut. Die Haustür hing windschief in den Angeln und ließ einen Blick ins Innere des Hauses frei.
Michael legte den Roller auf den Boden, langsam und nun schon nicht mehr ganz so sehr mutig. Aber irgend etwas sagte ihm, daß er unbedingt weitergehen müßte. Eine Stimme schien ihm zuzurufen: „Komm zu mir, Michael.“
Er steckte die Taschenlampe in die Jackentasche, nahm Hammer und Zange, und ging langsam auf die Haustür zu. Aber der Spalt war zu klein für ihn. Mit Mühe schob er die Tür noch ein Stück weiter auf. Dabei rieselten von oben Staub und Putz auf ihn herunter, und es ertönte ein Knirschen, das ihm eine Gänsehaut über den Rücken gleiten ließ.
Michael tat einen vorsichtigen Schritt in das Haus hinein. Trotz des Sonnenscheines draußen war es hier so dämmrig, daß er kaum etwas erkennen konnte. Er griff nach der Taschenlampe, schaltete sie ein. Aber es blieb dunkel.
„Mist“, sagte Michael laut, und er erschrak vor seiner eigenen Stimme, die in der Stille des verfallenen Hauses ein unnatürliches Echo bekam. Die Taschenlampe leuchtete nicht! Dabei hatte er sie zu Hause überprüft. Die Batterien waren neu und die Glühbirne ganz gewesen. Zu Hause hatte sie funktioniert.
Langsam gewöhnten sich Michaels Augen an das Dämmerlicht, und er sah wieder etwas besser. Auf dem Fußboden lag eine dicke Schicht aus Staub und Dreck. In einer Ecke stand ein zerbrochener Tisch neben einer geborstenen Truhe, aus der verschimmeltes Getreide gerieselt war. Ein verbeulter Eimer lag da und ein halber Autoreifen, ein auseinandergefallener Fernseher, einige morsche Bretter. Eine Treppe führte in das zweite Stockwerk und daneben erkannte er eine Tür. Sie war geschlossen und sah sonderbarer Weise nagelneu aus. Michael wußte nicht weshalb, aber tat einen weiteren Schritt, und plötzlich schlug ein Windstoß die Haustür hinter ihm zu. Irgendwo fiel ein Stein zu Boden, noch mehr Putz rieselte, und es wurde dunkel wie nachts unter der Bettdecke.
Michael wollte zur Tür zurück, wollte wieder hinaus in den hellen Sonnenschein, dorthin wo der Frühling gerade munter wurde, wo Leute waren, Vater und Mutter, aber er fand die Haustür nicht mehr. Nicht ein einziger Lichtspalt verriet ihm, wo er die Tür suchen sollte. Verzweifelt knipste er die Lampe aus und an, aber seine Bemühungen waren umsonst. Im Raum blieb es finster.
Da sah er auf einmal, wie eine Tür in dem stockdunklen Zimmer sanft zu leuchten begann, erst kaum wahrnehmbar, dann etwas heller, wie ein Stern vielleicht in einer dunklen Nacht, schließlich hell wie der Mond, und Michael erkannte, daß es die Tür neben der Treppe war, die ihm leuchtete und den Weg wies. Da verließ ihn die furchtbare Angst, die er gehabt hatte, solange es finster gewesen war. Er ließ die Lampe fallen, warf den Hammer und die Zange weg, klemmte Simba unter den Arm, und er ging auf die Tür zu, die jetzt silbern erstrahlte. Wie im Traum nahm er die Mütze ab, wickelte sich den Schal vom Hals, ließ die Jacke fallen, und er öffnete die Tür.
„Komm ruhig heraus.“
Michael blickte in einen Garten, der sich sonnendurchflutet, sommerlich warm und bewachsen von Tausenden bunter Blumen vor ihm erstreckte, soweit er auch nur sehen konnte. Er sah das Wasser eines Teiches mitten im saftig grünen Gras, sah große Bäume, die den Garten ein parkähnliches Gepräge gaben. Bunte Vögel flatterten durch die laue Luft, zwitscherten oder kreischten ohrenbetäubend. Nicht weit von ihm weg stand eine Weide, deren Äste und Blätter ein dichtes Dach bildeten. Unter der Weide saß, auf zierlichen weißen Gartenmöbeln, ein wunderschönes Mädchen. Sie hatte eine rosa Kleid an, das mit filigranen, schneeweißen Spitzen besetzt war. Eine blaue Schleife leuchtete in ihrem blonden Haar und zu ihren Füßen sprang ein schwarzer Hund aufgeregt hin und her.
„Komm ruhig heraus“, sagte das Mädchen noch einmal und winkte ihm nun mit der Hand.
Langsam ging Michael weiter. Nach ein paar Schritten drehte er sich um und sah zurück. Da stand das Gärtnerhaus. Aber welche Verwandlung hatte es durchgemacht. Es war jetzt ein weißes Haus mit glänzendem Dach, einem Turm auf dem sich der Wetterhahn lustig im Wind drehte, buntgestrichenen Fensterläden und einem Balkon, von dem die blühenden Petunien wie rote, gelbe, blaue oder violette Girlanden dichtgewachsen herabhingen. Zwischen zwei Fenstern glitzerte golden eine Sonnenuhr und der Schatten des silbernen Stabes zeigte die Zeit. Neben dem Gärtnerhaus, das nun mehr einem fürstlichen Schloß ähnelte, plätscherte die Fontäne eines Springbrunnens.
„Komm schon her, Michael!“ rief das Mädchen und stand auf. „Ich habe so lange auf dich gewartet.“
Woher kennt sie meinen Namen? dachte Michael.
„Wer bist du und woher weißt du, wie ich heiße“, fragte er, als er vor ihr stand.
Sie war, aus der Nähe betrachtet, noch schöner. Ihr blondes Haar war mit der blauen Schleife zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden, und ihre großen blauen Augen blitzten vor Übermut.
„Ich bin Margaritta, die Fee des Gartens. Und wie du weißt, wissen Feen alles. Ich wußte, daß du kommst. Ich habe dich gesehen, als du vor ein paar Tagen mit deinen Eltern in deiner Welt vorbeigegangen bist, und ich habe dich gerufen. Und heute bist du gekommen, zu mir und zu Trabbel, meinem Wolfsspitz, der eigentlich mein Vater ist.“
Trabbel, der schwarze Wolfsspitz, begann zu winseln und an Michaels Schnürsenkeln zu knabbern. Michael hob seinen Fuß und ging einen Schritt zurück.
„Trabbel meint, daß du die Winterschuhe ausziehen könntest. Bei uns ist Sommer. Bei uns ist immer Sommer“, sagte Margaritta, und bei diesen Worten bekam ihre Stimme einen sehr seltsamen Klang.
„Warum hast du mich gerufen?“ fragte Michael.
„O“, erwiderte Margaritta, „das ist eine lange Geschichte. Du mußt erst einmal damit zufrieden sein, wenn ich dir sage, daß wir uns sehr freuen, dich hier zu haben. Du wirst uns helfen, mir, meinem Vater und meiner Mutter.“
„Wo ist deine Mutter und warum soll ich euch helfen?“
Aus den Zweigen der Weide ertönte plötzlich ein unheimliches Summen, das lauter wurde und näher kam. Eine dicke Hummel, groß wie ein Hühnerei, kam langsam herabgeflogen, setzte sich auf den Tisch, putzte sich mit den Hinterbeinen die Flügel und gab dabei scharrende Geräusche von sich.
Margaritta sagte: „Darf ich vorstellen: meine Mutter. Mama, das ist Michael, der Junge, der unser Problem lösen wird.“
Die Hummel beende ihren Flügelputz, erhob sich laut summend und flog zu Michael. Sie brummte ein paarmal um seinen Kopf herum, blieb dann eine kleine Weile direkt vor seiner Nase wie ein Hubschrauber in der Luft stehen und flog dann in das dichte Geäst der Weide zurück.
„Setzt dich zu mir“, sagte Margaritta. „Ich will dir erzählen, was du tun mußt, um uns zu helfen..“
Michael ging zögernd einen Schritt näher. „Aber“, meinte er zögernd, „zum Mittagessen muß ich zu Hause sein, sonst bekomme ich Ärger.“
Der Spitz begann zu knurren und aus der Weide hörte man ein zorniges Brummen.
„Aber ich will euch natürlich gern helfen, wenn ich kann.“
„Setzt dich endlich, damit ich dir sagen kann, was du tun mußt.“
Michael setzte sich auf den weißen Gartenstuhl, aber nur auf die äußerste Kante, so daß seine Füße in den dicken Winterschuhen fest auf der Erde stehen blieben.
„Irgendwo in unserem Garten ... “, begann Margaritta zu erzählen, und sie wollte gerade fortfahren, als sich eine dunkle Wolke vor die Sonne schob. Trabbel fletschte die Zähne, heulte auf und verkroch sich blitzschnell unter dem Tisch, aus dem Geäst kam die hühnereigroße Hummel geflogen und krabbelte eilig und ängstlich brummelnd hinter einen Spitzenbesatz an Margarittas Kleid.
Margaritta verlor das freundliche rosa aus ihrem Gesicht, und ihre Wangen wurden grau, wie runzelig und sehr alt.
„Still!“ sagte sie, „Sei endlich still!“ und ihre Stimme zischelte wie eine Schlange auf der Suche nach Beute.
Ein Wind kam auf, strich durch das Geäst der
Weide, legte das Gras und die Blumen nieder, zauste Margaritta und Michael das
Haar. Es wurde kühl. Irgendwo ertönte ein Lachen, ganz fern erst, aber
schnell näher kommend. Das Lachen klang dunkel und voll, nicht böse, aber es
bewirkte, daß Margarittas Augen schwarz wurden und ihr Haar grau, daß der
Spitz den Rasen aufzuwühlen begann und die Hummel hinter den Rüschen immer
angstvoller summte und brummte.
Zwischen dem Gärtnerhaus und der Weide bildete sich eine Windhose, lang und
schlank, in der Gras und Blätter, Blumenkelche und Blütenblätter nach oben
gerissen wurden. Sie begannen in wildem Tanz eine Gestalt zu formen, die mit
einem drehenden Fuß auf der Erde stand und deren Kopf weit über dem Gärtnerhaus
schwebte. Von da erschallte das Lachen. Von da hörte Michael jetzt die laute,
aber gutmütig klingende Stimme, die rief: „Glaubt ihr, einen Verbündeten
gefunden zu haben? Einen Dummen, der sich für euch opfert? Einen Unwissenden,
der euch glaubt? Ha, ha, ha. Es wird euch alles nichts mehr helfen!“
„Verschwinde!“ kreischte Margaritta und ihr vorher hübscher Mund verzog sich zu einer häßlichen Grimasse. „Verschwinde und laß uns endlich in Ruhe!“
Michael war auf dem Stuhl ganz nach hinten gerutscht. Er hatte die Füße auf den Stuhl gestellt, die Knie an das Kinn gezogen, und er hielt seinen Simba fest umklammert.
Die Windhose, die immer kräftiger geworden war, lachte wieder.
„Michael wird wissen, was er tun muß, Margaritta. Ihr werdet es erleben. Michael ist klug und tapfer!“ Bei den letzten Worten begann die Gestalt zu schrumpfen. Blätter, Gras und Erde wirbelten nicht mehr so schnell und die Stimme wurde leiser. Dann gab die dunkle Wolke die Sonne wieder frei. Der Wind erstarb. Alles, was die Windhose aufgesogen hatte, rieselte langsam zurück in den Garten. Sogar durch das dichte Dach der Weide fielen Gras und Staub herab und legten sich als dicke Schicht auf den weißen Tisch.
Mit der Sonne kam die Wärme zurück. Margaritta sah Michael an und lächelte wieder ihr betörendes Lächeln. Sie war jung und schön wie vorher. Die Hummel kam aus den Spitzen gekrabbelt und flog brummend in das Blattwerk hinauf, und der Spitz stellte sich auf die Hinterpfoten, setzte sich dann, stellte die Ohren auf und sah aus wie ein nettes Osterhäschen.
„Nun laß dir endlich erzählen, wie du uns helfen kannst“, sagte Margaritta mit lieblichem Säuseln, als hätte es nie diese Wolke, nie diese Windhose, niemals die große rotierende Gestalt mit der mächtigen Stimme gegeben, aber es war ein falscher Ton in ihrer Stimme zurückgeblieben.
Michael saß nachdenklich auf dem schneeweißen Gartenstuhl.
Was wurde hier eigentlich gespielt? Wer war diese Margaritta? Was oder wer war dieser Wirbelwind? Und wieso war er in ein einfaches altes Gärtnerhaus gegangen und bei einer Gartenfee herausgekommen? Hatte also sein Vater recht, wenn er sagte, es sei im alten Gartenhaus nicht recht geheuer?
„Michael, hörst du mir überhaupt zu?“ fragte Margaritta.
Michael erschrak. Er nahm die Füße vom Stuhl, stellte seinen Simba auf den Tisch und schaute Margaritta aufmerksam ins hübsche Gesicht. „Ich höre dir zu“, sagte er.
“Wir sind alle vor vielen Jahren von Jaros verzaubert worden. Du hast ihn gerade erlebt. Er will uns aus unserem Garten vertreiben, will ihn für sich allein haben. Wir sollen in die düsteren Höhlen unterhalb des Vulkans ziehen, wo die Erde bebt und Feuer durch die Luft fliegt. Aber wir -“
Sie wurde von einem gellenden Schrei unterbrochen. Ein Zwerg, nicht größer als zwei übereinandergestellte Kokosnüsse, raste durch das Tulpenbeet, verfolgt von einem Gegenstand, der wie eine Zange aussah. Ja, das war Michaels Zange, die er im Gärtnerhaus zurückgelassen hatte. Jedesmal, wenn sie mit einem kurzen Klicken die Schneiden zusammenbiß, stieß der Zwerg diesen gellenden Schrei aus. Der Zwerg schlug einen Haken, während die Zange geradeaus weiter flitzte.
Michael war aufgesprungen, um besser sehen zu können. Der Zwerg kam jetzt geradewegs auf sie zu gerannt,
Als er Margaritta, den Spitz und Michael erblickte, blieb er wie erstarrt stehen. Die Zange raste an ihm vorbei, stolperte, schlug einen Salto, landete mit einem Griff im Rasen und blieb dort stecken. Der Zwerg stieß einen klagenden Ruf aus, begann sich dann zu drehen, erst langsam, dann schnell und schneller, bis nur noch ein Schwirren zu sehen war. Plötzlich entstand eine kleine Erdfontäne und der Zwerg war verschwunden. Dort, wo er eben noch gestanden hatte, erhob sich, mitten im saftigen Rasen, ein kleiner Erdhügel, einem Maulwurfshügel täuschend ähnlich.
„Aber wir lassen uns nicht vertreiben“, setzte Margaritta ihre Rede fort, als wäre sie nicht unterbrochen worden. „Dein Werkzeug hilft uns schon, wie ich eben gesehen habe, denn die Zwerge gehören zu Jaros’ üblen Gesellen, die es auf uns abgesehen haben.
„Wirst du uns helfen, Michael?“ fragte Margaritta nun, und sie sah ihn mit ihren großen blauen Augen an.
Aber Michael konnte nicht so schnell vergessen, wie die Fee ausgesehen hatte, als Jaros im Garten tanzte. Immer wieder mußte er erschauernd an das schmutziggraue Haar, an die schwarzen Augen, in denen grüne Funken glommen, denken.
Um Zeit zu gewinnen, fragte Michael: „Was soll ich denn tun?“ Insgeheim überlegte er aber, wie er schnellstens zum Gärtnerhaus zurück und nach Hause kommen konnte.
„Den Rückweg mußt du dir verdienen“, sagte Margaritta, die seine Gedanken erraten hatte. „Am Ende des Gartens, dort wo Himmel und Erde zusammenstoßen, brennt das ewige Feuer. Du mußt es löschen, dann stirbt der Wind Jaros, dann scheint die Sonne ewig in unseren Garten, dann verliert der böse Zauber seine Wirkung und meine Mutter, mein Vater und ich erhalten ihre wahre Gestalt zurück und du darfst nach Hause gehen.“
„Aber ich muß zum Mittagessen zu Hause sein“, sagte Michael.
„Das hättest du früher wissen müssen“, erwiderte Margaritta und bei diesen Worten glich sie eher dem häßlichen Weib bei Jaros’ Besuch als der schönen Fee. „Nimm dein Werkzeug und erfülle deine Aufgabe, Michael. Deine Löwe Simba wird dich begleiten und dir zur Seite stehen.“
Sie zog einen dünnen schwarzen Stab aus dem Kleid und berührte Michaels Plüschlöwen Simba, der im gleichen Moment zum Leben erwachte, vom Tisch sprang und sich fauchend vor den bellenden Spitz in den Rasen stemmte. Der Spitz trippelte wütend kläffend rückwärts und die Hummel, noch größer als zuvor, senkte sich brummend aus den Zweigen der Weide herab. Von Irgendwoher kam die Zange gelaufen und hinter ihr hüpfte der Hammer, den Eisenkopf hoch erhoben.
„Geh’ und lösche das ewige Feuer!“ befahl Margaritta und zeigte über die Blumen und den Teich hinweg in die Ferne.
Michael schaute zum Gärtnerhaus zurück, dann blickte er dorthin, wohin der ausgestreckte Arm der Fee wies. „Ich muß doch nach Hause“, murmelte er. Aber was blieb ihm schon anderes übrig als dem Befehl der Fee zu folgen? War sie überhaupt eine Fee? Er war davon gar nicht mehr überzeugt.
„Geh’!“ befahl sie noch einmal barsch. Dem Spitz gelang es, am Löwen vorbeizuspringen und Michael in die Wade zu zwicken. Die Hummel kam herangeflogen und schwirrte drohend unmittelbar vor seiner Nase.
„Ich gehe schon“, sagte Michael. Er bückte sich, packte Hammer und Zange ein, und tat den ersten Schritt ins Ungewisse des geheimnisvollen Gartens. Simba folgte ihm mit kleinen Trippelschritten.
Michael glaubte, erst wenige Schritte gemacht zu haben. Aber als er sich umschaute, sah er die Weide als kleinen Punkt am Horizont und das Gärtnerhaus erschien ihm nicht größer als ein Fliegendreck an der Küchenlampe.
Die ganze Zeit über hatte sich die Sonne nicht von der Stelle bewegt. Sie brannte erbarmungslos auf ihn herab, und seit er nicht mehr im schützenden Schatten der Weide weilte, litt er unter der ungewohnten Sonne besonders heftig. Er zog die Winterschuhe und die Strümpfe aus und ließ sie liegen, lief einfach barfuß weiter und fühlte sich eine ganze Weile wohl. Dann wurde ihm der Pullover zu warm, die dicken Jeans ebenfalls, und er zog beides aus und schwitze trotzdem in der heißen Sommermittagssonne, die sich nicht vom Fleck bewegte, als wollte es ewig Mittag bleiben. Er wußte nicht, wohin er ging, aber Simba trippelte vor ihm her und so folgte er ihm, Hammer und Zange bildeten den Schluß des seltsamen Zuges. Schade, daß er seinen Roller im Gärtnerhaus liegengelassen hatte. Mit ihm wäre er viel schneller vorangekommen.
Automatisch setzte er einen Fuß vor den anderen, aber die Wiese nahm kein Ende. Noch immer sah er, wenn er sich umblickte, die Weide und das Gärtnerhaus als kleine Punkte in der Ferne und langsam bekam er Durst.
Ich möchte etwas trinken, dachte Michael, und im gleichen Moment hörte er es plätschern. Neben einigen Büschen sprang ein orangefarbener Strahl aus der Wiese. Die Flüssigkeit sammelte sich in einem steinernen, kreisrunden Becken, und es roch angenehm nach Äpfeln und Orangen. Michael lief hin, trank in tiefen Zügen das köstliche Getränk und spürte im gleichen Augenblick, wie seine Kräfte zurückkehrten.
Plötzlich hörte er eine verzweifelte Stimme rufen: „Halte endlich die verdammte Zange fest!“
Michael sprang auf die Füße und erblickte wieder den Zwerg, der sich gerade mit einem gewaltigen Sprung, den man dem kleinen Kerl niemals zugetraut hätte, in Sicherheit brachte und in der Erde verschwand. Die Zange, die ihm dicht auf den Fersen gewesen war, blieb stehen und kam langsam zu Michael zurückgelaufen. Der Junge bückte sich und nahm sie hoch. Da begann sich direkt vor ihm der Rasen zu heben, ein kleiner Hügel wurde aufgeworfen, daraus hervor sprang der Zwerg und schüttelte Erdkrumen aus seinem Wams und den Haaren.
„Sieh dir an, was deine Zange angerichtet hat“, rief er verzweifelt und zeigte auf seine kleine Hose, in deren Hinterteil ein ganzer Fetzen fehlte. „Wie laufe ich denn jetzt herum? Wie sehe ich aus? Was sollen die anderen Zwerge und Gnome von mir denken? Auslachen werden Sie mich, mich, den Großen Zwerg Rasenflitz. Was wird aber Jaros sagen? Das war meine einzige Hose!“
Die Zange in Michaels Hand zuckte, als wolle sie sich freimachen, und er mußte sie mit beiden Händen festhalten.
„Es tut mir leid“, sagte Michael. „Ich weiß auch nicht, warum sie das gemacht hat. Die Zange hat noch nie etwas allein unternommen. Ich verstehe das alles nicht.“
„Was du nicht sagst“, erwiderte der Zwerg. „Wenn das dein Werkzeug ist, dann bist du auch dafür verantwortlich! Da könnte ja jeder kommen, Stecknadeln oder gar Reißzwecken auf einen losschicken und dann sagen, es täte ihm leid. Nein, nein, die Zange tut genau das, was du willst, oder mindestens das, was du ihr nicht verbietest. Es fehlt nur noch, daß auch noch dein Hammer anfängt, auf mich einzuschlagen.“
Michael sah sich besorgt nach seinem Hammer um, aber der stand ruhig auf seinem Stiel und schaukelte in seiner ganzen Länge hin und her. Zum Glück wurde jetzt auch die Zange in seinen Händen ruhiger.
„Lass’ den Rasenflitz in Ruhe!“ befahl Michael energisch.
„Na, siehst du“, sagte der Zwerg. „Ich habe es gleich gesagt. Nun können wir endlich von Mann zu Mann zueinander reden.“
Der Zwerg Rasenflitz verschränkte die Hände auf dem Rücken, gerade so, daß er das fehlende Stück Hose verdeckte und begann, vor Michael auf und ab zu spazieren. Der Junge, dem die Füße schon lange weh taten, setzte sich in den spärlichen Schatten der Büsche, und Simba sprang mit einem Satz auf seinen Schoß. Jetzt endlich konnte Michael den Zwerg genau betrachten, und er mußte sich das Lachen verkneifen. Der kleine Kerl sah aber auch zu komisch aus. Rasenflitz war tatsächlich nicht größer als zwei übereinandergestapelte Kokosnüsse, und mit diesen hatte er auch eine gewisse Ähnlichkeit. An einem kugelrunden Bauch hingen, dünn wie Wollfäden, die Beine und die Arme. Obendrauf balancierte der Zwerg mühsam seinen übergroßen Kopf mit den löffelartigen Ohren, aus denen noch Erde rieselte. Seine Nase war flach wie ein Geldstück und purpurrot. Das lustigste aber waren die Augen: braun, fast schwarz, in denen der Schalk funkelte, was im vollkommenen Gegensatz zu der mürrischen Stimme des Zwerges stand. Bekleidet war Rasenflitz mit einer knallgelben Hose, von der jetzt ein Stück fehlte, einer dunkelbraunen Jacke mit vielen silbernen Knöpfen und einem Hut, der jede Vogelscheuche zu einem Schreckgespenst verkleidet hätte.
„Du willst also das ewige Feuer löschen, ja? Das hast du dir fest vorgenommen? Willst der Hexe Margaritta gefallen, den Teufelsbraten Bonelli entzaubern und der fliegenden Furie Tamara ihre Macht zurückbringen, ja? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Sollen die Elfen und die Feen des Gartens, die Kobolde und selbst Jaros wieder in der Finsternis frieren? Sollen die Blumen im ewigen Schnee erstarren? Sollen die Fische im Eis verhungern? Sollen wir Zwerge uns nie wieder durch die tief gefrorene Erde ans Tageslicht graben können? Soll es wieder so werden, wie es tausend Jahre war, bevor uns Jaros befreite?
Das willst du?!“
„Ich weiß nicht, was ich will“, sagte Michael, und seine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen. „Ich kenne keine Hexe Margaritta, sondern nur eine wunderschöne Fee mit diesem Namen, und ich kenne niemanden, der Bonelli oder Tamara heißt. Was soll ich denn glauben?“
Der Zwerg blieb stehen. „Hast du nicht bemerkt, wie sich die schöne Fee Margaritta verwandelte, als Jaros kam?“
Michael erinnerte sich sehr wohl an diesen unheimlichen Augenblick. Allein bei dem Gedanken daran wurde ihm unheimlich. Aber hatte nicht Jaros die schöne Margaritta in diese häßliche Alte verwandelt?
„Komm mit“, sagte der Zwerg Rasenflitz, „ich will dir etwas zeigen. Dann weißt du vielleicht, wem du glauben darfst.“
Er packte Michaels Hand, murmelte etwas vor sich hin, und augenblicklich begann alles rasend schnell zu wachsen. Simba wuchs zu einem lebensechten Löwen, Hammer und Zange wurden größer und größer, und der Zwerg Rasenflitz war plötzlich gar kein Zwerg mehr, sondern groß wie ein erwachsener Mann. Sogar das Gras war in kurzer Zeit weit über Michaels Knie hinausgewachsen.
„Ich habe dich nur ein wenig verkleinert“, sagte Rasenflitz, „weil ich dir etwas zeigen will. Komm mit!“
Wieder ertönte das Schwirren, das Michael schon einmal gehört hatte. Erde flog in die Luft, und es entstand schnell ein schräger Gang, in dem der Zwerg verschwand. Dann flog keine Erde mehr, Rasenflitz erschien und sagte: „Jetzt kannst du kommen, der Weg ist frei.“
Michael war es gar nicht geheuer, als er den ersten Schritt in den feuchten Tunnel tat. Ein kühler Luftzug kam ihm entgegen, es roch nach Erde, und es war finster dort unten. Aber der Junge hatte in den letzten Stunden so viel Sonderbares erlebt, daß er sich weder wunderte, noch besonders große Furcht hatte. Er ging einfach dem Zwerg hinterher.
Der schräge Gang endete in einer Höhle. Die Wände waren glatt und sauber, und es wehte ein frischer Luftzug. Gegenüber der Seite, wo sie eben den Raum betreten hatten, begann ein weiterer Tunnel.
„Komm weiter“, sagte der Zwerg und ging auf die Öffnung zu. Michael folgte.
Obwohl nirgendwo Lampen zu sehen waren, herrschte ein angenehmes Dämmerlicht. Die Wände des unterirdischen Ganges strahlten es es aus. Es war angenehm warm, gerade so, wie im Winter vor einem lustigen Kaminfeuer. Der Gang führte lange geradeaus, dann machte er einen Knick und Michael stand in einem kreisrunden, hohen Saal. Der Raum war vollkommen leer. Von der Decke, hing eine große, in allen Farben tausendfach glitzernde Kugel herab, die sich langsam drehte. Die Wände schienen aus Spiegeln zu bestehen, denn überall, wohin Michael auch schaute, sah er sich selbst und den Zwerg Rasenflitz, mal lang und dünn wie ein Getreidehalm, mal kugelrund wie ein Weinfaß, dann wieder mit Beinen wie Zwirnsfäden so dünn, einem Bauch wie eine Tonne und einem birnenförmigen Kopf. Michael begann laut zu lachen. Es sah aber auch zu komisch aus, in welch absonderlicher Gestalt er sich bewegte.
„Ich werde dir jetzt zeigen, wie es hier aussah, bevor Jaros die Hexe Margaritta besiegte. Sieh dich um und passe auf!“
Plötzlich fühlte sich Michael in eine schaurige Welt versetzt. Der Boden, auf dem er zu stehen glaubte, war schwarz und trocken. An vielen Stellen trat gelber, roter und grüner Qualm hervor, der in Schlieren am Boden entlang kroch. Ein eisiger Wind fegte über die Ebene und trieb den Schwefelgeruch des Vulkans vor sich her. Der Himmel war violett und schwarze Wolken jagten tiefhängend an ihm entlang. Aus der Ferne war dumpfes Grollen zu hören, und Michael erkannte einen hohen, kegelförmigen Berg, aus dem immer wieder Rauchwolken und glühende Lava ausströmten. Nicht weit von ihnen stachen die kahlen Äste eines abgestorbenen Baumes in die Höhe und ritzten die rasenden Wolken. Unter diesem Baum stand ein Zelt, dessen Leinwand an vielen Stellen zerfetzt war. Davor stand jemand, der angestrengt in ihre Richtung starrte.
„Hab keine Angst“, sagte Rasenflitz jetzt, der sah, daß Michael blaß geworden war. Niemand wird uns etwas tun. Wir sehen nur die Bilder aus der Zeit vor Jaros Ankunft. Wir sehen den Garten, wie er war, als Margaritta in ihm herrschte.“
Obwohl sie auf einer Stelle stehenblieben, kam das Zelt mit der dunklen Gestalt immer näher, und Michael erkannte auf einmal, daß die Gestalt aussah wie Margaritta, als Jaros in den Garten gekommen war: häßlich, mit strähnigen Haaren und stechenden Augen. Da kam aus dem Zelt eine weitere Gestalt, die kicherte und ein heftig zappelndes Lebewesen mit beiden Händen festhielt. Mit Entsetzen erkannte Michael, daß es ein Zwerg war, der dort um sein Leben rang.
„Der Alte ist Bonelli, den du als harmlosen Hund kennengelernt hast. Gleich wirst du auch Tamara sehen. Im Garten ist sie von Jaros gnädigerweise in eine Hummel verwandelt worden.“
„Nein!“ rief Michael. „Ich will das nicht mehr sehen! Ich will nach Hause. Ich muß zum Mittagessen. Bringe mich zum Gärtnerhaus!“
Langsam begannen die Bilder zu verblassen. Es wurde wieder wärmer und das ferne Grollen erstarb. Plötzlich aber sah es aus, als würde Margaritta ihre Gestalt wechseln, die schöne Fee werden, und Michael hörte, wie sie rief: „Michael, glaube nicht den Geistern der Tiefe, nicht den bösen Zwergen! Lösche das ewige Feuer, sonst ...“ Doch da verschwanden die Bilder und Michael stand in der großen Höhle neben dem Zwerg Rasenflitz, der gerade murmelte: „Sie hat noch immer große Macht, die Hexe Margaritta.“
„Ich will nach Hause“, sagte Michael noch einmal und zupfte den Zwerg an seiner Jacke.
„Willst du mir auch noch in den Wams ein Loch reißen?“ fragte Rasenflitz, und Michael bat noch einmal: „Bringe mich zum Gärtnerhaus! Ich will nach Hause.“
„Das Problem dabei ist“, sagte Rasenflitz, „daß die Hexe und ihre Verwandtschaft das Gärtnerhaus, das Tor zu deiner Welt, ständig bewachen . Das Gartenvolk wünscht nichts sehnlicher, als dich nach Hause zu bringen, denn du hättest tatsächlich die Kräfte, das ewige Feuer zu löschen, wenn du es wolltest. Solange du hier bist, ist deshalb der Garten in Gefahr.“
„Ich will ja das Feuer gar nicht ausmachen. Bringe mich zurück, Zwerg Rasenflitz, bitte!“
„Wir haben da eine Idee“, sagte der Zwerg. „Ich bringe dich durch die unterirdischen Gänge zum Gärtnerhaus zurück. Wenn wir Glück haben, kannst du ungesehen entkommen.“
„Ja“, sagte Michael. „Ich will doch nur nach Hause. Aber wo ist mein Simba? Ich habe meinen Löwen Simba vergessen.“
„Willst du nun nach Hause oder willst du deinen Löwen Simba?“ fragte der Zwerg etwas ungehalten.
„Ich möchte nach Hause und will meinen Simba“, erwiderte Michael störrisch.
Rasenflitz seufzte. „Na gut, gehen wir also noch mal noch oben. Hoffentlich geht das gut. Die Hexe bekommt immer mal wieder die Oberhand trotz des brennenden Feuers. Unser Garten ist ständig in Gefahr. Zu schmal ist der Grat zwischen Dunkelheit und Licht, ewiger Nacht und strahlendem Mittag. Manchmal genügt ein fallendes Blatt. Oder ein kleiner Junge ... Gehen wir.“
Michael hätte den Ausgang aus der großen Höhle niemals von selbst gefunden, war der doch zwischen den vielen Spiegeln gut versteckt, aber der Zwerg ging sicher auf die Stelle zu. Michael folgte ihm und bald waren sie in dem Gang, der schräg nach oben zurück in den Garten führte.
Rasenflitz, der voranging, blieb plötzlich stehen. Er drehte sich nach Michael um und sagte: „Pst!“
Dort, wo der Ausgang in den Garten hätte sein müssen, verschloß eine riesengroße Hundeschnauze, zwischen deren Lefzen Speichel in den Gang hinab tropfte, die Öffnung.
„Das ist Bonelli!“ zischte Rasenflitz kaum hörbar durch die Zähne. „Hoffentlich kann uns Jaros zur Hilfe kommen, sonst ist dein Simba verloren.“
„Nein!“ rief Michael laut. „Ich will meinen Simba wiederhaben!“
„Geh zurück!“ sagte der Zwerg, aber es war zu spät. Bonelli hatte sie mit seiner feinen Hundenase aufgespürt. Eine schwarze Pfote zwängte sich in den Gang und begann zu wühlen. Der Spitz begann sich geschickt und schnell in die Tiefe zu wühlen.
„Simba!“ rief Michael und wollte sich an Rasenflitz vorbeidrängen. „Simba, komm zu mir!“
Da hörten sie es fauchen. Der Hund zog seine Pfoten zurück, seine Schnauze. Tageslicht fiel in den Gang. Vorsichtig stiegen sie höher, um zu sehen, was geschehen war. Erst hob Rasenflitz seinen Kopf in den hellen Garten, dann Michael. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, sahen sie den Kampf zwischen Simba und dem Hund. Obwohl Bonelli fast doppelt so groß war wie der kleine Löwe, wich er Schritt um Schritt zurück, und Simba folgte ihm fauchend und immer wieder mit den Tatzen nach ihm schlagend. Dabei zielte er wie eine erfahrene alte Katze auf die Augen des Hundes.
Dann geschah etwas Unerwartetes: Das Fauchen erstarb. Der lebende Löwe wurde steif und unbeweglich. Margaritta hatte aus der Ferne ihren Zauber von Simba genommen und der gefährliche und kämpferische Löwe war wieder zum Plüschtier geworden. Hübsch und niedlich stand er zwischen den Grashalmen still.
Triumphierend stürzte Bonelli voran, biß sich im Genick des Plüschtiers fest und begann es zu schütteln. Er schleuderte es in einer solchen Geschwindigkeit hin und her, daß nur gelbe und schwarze Streifen zu sehen waren. Eine einzelne Schaumflocke löste sich und flog durch die Luft, eine zweite, dann eine ganzer Haufen. Schließlich ließ der Hund das fallen, was einmal Michaels Plüschlöwe Simba gewesen war: einen schmutziggelben Stoffetzen, an dem einsam ein braunes Glasauge hing.
Michael schrie laut auf. Sein Simba war kaputt! Sein Simba war tot!
Dann aber stieg die Wut in ihm hoch und mit der Wut kam der Mut. Mit einem Sprung verließ er den Gang und jagte auf den schwarzen Hund zu, der ihm, weil er ja noch immer verkleinert war, bis an die Schultern reichte.
„Verschwinde!“ schrie er. „Verschwinde endlich!“
Bei diesen Worten begann er wieder zu wachsen und alles - auch der gefährliche, große Hund - schrumpften zur natürlichen Größe. Er knurrte, fletschte die Zähne, wich aber immer weiter zurück. Dann klemmte er den Schwanz zwischen die Beine, senkte den Kopf und trottete davon.
Michael bückte sich. Er begann die Schaumflocken aufzusammeln. Er nahm den gelben Stoff, der einmal sein Löwe Simba gewesen war und schaute sich nach den Zwerg um.
„Warum hast du ihm nicht geholfen?“ fragte er. „Simba war mein liebstes Plüschtier.“
Rasenflitz, der jetzt wieder klein wie zwei übereinandergestellte Kokosnüsse war, sah Michael traurig an. „Dein Simba hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet“, sagte er. „Komm, wir sammeln auf, was von ihm übrig ist. Nimm es mit. Vielleicht ist er noch zu retten. Vielleicht kann er wieder zusammengenäht werden.“
„Ich denke, ihr Zwerge könnt zaubern?“, fragte Michael.
„Da hast du eigentlich recht“, erwiderte der Zwerg. „Ich bin eben doch schon ganz schön alt und vergesse manches. Ich will es mal versuchen.“
Er schloß die Augen und kniff den Mund zu einem schmalen Strich zusammen. Er klappte die Augen wieder auf, knallte seine Hände ein paar mal klatschend auf seine Ohren und begann auf der Stelle zu hüpfen. Dann riß er sich den Hut vom Kopf, warf ihn auf die Erde, begann darauf herumzutrampeln und stieß wütende Grunzlaute aus. Schließlich setzte er sich auf den zerknautschten Hut und stützte den Kopf in die Hände.
„Ich hab’s vergessen“, murmelte er. „Ich hab’s tatsächlich vergessen. Aber das ist ja auch kein Wunder. Wer weiß, wann ich das letzte Mal ein Plüschtier reparieren mußte. Du wirst deinen Löwen so wie er ist mitnehmen müssen. Vielleicht kann deine Mam mit dem richtigen Zauberspruch helfen.“
Dann sprang Rasenflitz erschrocken auf und rief: „Aber wie kriege ich dich jetzt aus dem Garten heraus? Ich kann dich nicht noch einmal verkleinern, denn der Zauber wirkt nur ein einziges Mal. Nun können wir nicht durch die unterirdischen Gänge zurück zum Gärtnerhaus. Und hier oben wird uns Margaritta versuchen aufzuhalten. Ich glaube, wir brauchen jetzt Hilfe.“
Michael stampfte mit dem Fuß auf. „Ich brauche keine Hilfe! Der schwarze Hund soll mir nur noch einmal vor die Augen kommen. Dem werde ich es zeigen! Niemand macht ohne Strafe meinen Simba kaputt!“
Er zog das Unterhemd aus und wickelte die Schaumstoffflocken und das arg gezauste Fell des Plüschtiers hinein. Dann warf er Hammer und Zange dazu, schnürte ein Bündel daraus und sagte trotzig: „Ich gehe jetzt zum Gärtnerhaus. Euer blödes Feuer ist mir egal. Mag es brennen oder gelöscht werden: Ich gehe nach Hause.“
„Aber Michael, was ist denn auf einmal mit dir los?“ fragte der Zwerg. „Wir wollen dich doch auch nach Hause bringen. Aber Margaritta ...“
„Ich werde ihr schon meine Meinung sagen!“ rief Michael. Er klemmte das Bündel unter den Arm und marschierte los. Der Zwerg Rasenflitz hatte Mühe, Schritt zu halten und seine kleinen dünnen Beine wirbelten wie Fahrradspeichen: Sie waren kaum noch zu sehen.
Je mehr sich die beiden der Weide und dem Gärtnerhaus näherten, um so langsamer wurde Michael. Immer öfter blieb er stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte. Schließlich setzte er sich und warf das Bündel neben sich.
„Ich habe Durst und vor allem habe ich Hunger!“ nörgelte er. „Schließlich hätte ich schon längst Mittag essen sollen. Und die Sonne wird auch immer heißer.“
„Was möchtest du denn essen?“ fragte Rasenflitz.
„Am liebsten Spaghetti mit Tomatensoße und Reibekäse, dazu einen groooßen Becher Orangensaft.“
„Aber bitte sehr“, sagte Rasenflitz. „Diesen Zauber habe ich nicht verlernt, weil ich ihn sehr häufig benutze.“
Er hatte es kaum ausgesprochen, erschienen mitten auf der Wiese ein Tisch und zwei Stühle. Auf einer leuchtend gelben Tischdecke stand ein Teller, von dem sich dünne Dampflocken emporkräuselten. Ein beunruhigend guter Geruch zog in Michaels Nase und ihm lief augenblicklich das Wasser im Munde zusammen.
„Guten Appetit“, sagte der Zwerg und setzte sich auf den einen Stuhl. „Ausnahmsweise brauchst du dir heute vor dem Essen keine Hände zu waschen, das ist in meinem Zauber inbegriffen. Iß und trink und stärke dich für das, was da noch kommen mag.“
„Weshalb ißt du nichts mit?“ fragte Michael und schob schon eine Gabel voller Spaghetti in den Mund.
„Ich glaube, meine Zwergenmahlzeit würde dir den Appetit gründlich verderben. Wir leben ja unter der Erde, und wir essen das, was da kreucht und fleucht: Käfer, Engerlinge, Würmer und solche feinen Sachen. Es wird zwar köstlich zubereitet, aber du siehst auch noch, was es einmal war, wenn es geröstet, paniert oder kandiert auf dem Teller liegt. Das wollte ich dir ersparen. Ich esse, wenn du glücklich zu Hause angekommen bist gemeinsam mit meinen Brüdern, dem Zwergenvolk.“
Michael konnte nur nicken, obwohl er gern mehr erfahren hätte, aber mit vollem Munde spricht man nicht.
„Übrigens“, fuhr der Zwerg fort, „die Spaghetti mit Tomatensoße sehen für mich auch nicht gerade appetitlich aus. Aber das muß dich nicht stören. Laß es dir ruhig weiter schmecken.“
Nicht viel Zeit verstrich, dann war Michaels Teller leer. Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund. Dann trank er mit einem Zug das Glas aus.
Er holte tief Luft und sagte mit neuem Mut: „Jetzt können wir gehen.“
„Also los, Michael. Wir haben tausend Schritte vor, warten wir nicht lange, bis wir den ersten tun.“
Michael packte sein Bündel. Sie sprangen von den Stühlen und liefen los, Michael vielleicht nicht ganz so schnell wie am Anfang, aber immer noch so flott, daß Rasenflitz sich sputen mußte nachzukommen. Als sich Michael einmal umschaute, waren Tisch und Stühle verschwunden. Die Wiese lag eben und unendlich hinter ihnen und vor ihnen unterbrachen nur zwei langsam größer werdende Punkte das grüne Einerlei: das Gärtnerhaus und die Weide, der Ort, wo sie die unheimlichen Drei wußten.
Sie kamen gut voran. Schon war der Baum zu erkennen, das Gärtnerhaus, dessen schneeweißes Dach in der Sonne so grell leuchtete, daß es den Augen schmerzte.
„Wir machen einen kleinen Umweg“, sagte Rasenflitz. „Wir müssen der Margaritta ja nicht mit Absicht in die Arme laufen. Sie wird auf dich einen zwergenverfluchten Zorn haben.“
Michael nickte. Ihm wurde mehr und mehr bange, je näher sie dem Ziel kamen. Er packte sein Bündel fester und bekam neuen Mut als er an seinen Simba erinnert wurde. Schließlich hatte der schreckliche Hund Margarittas sein liebstes Plüschtier zerfleischt.
Vielleicht hundert Schritte trennten Michael noch von der rettenden Tür des Gärtnerhauses. Nur noch wenige Minuten, dann konnte er durch das Haus gehen, auf den Roller steigen und nach Hause fahren. Unwillkürlich lief Michael schneller. Rasenflitz begann zu keuchen und rief atemlos: „Nicht ganz so schnell! Ich schaff’ es nicht! Ich schaff’ es nicht! Ich bleibe zurück! Das ist gar nicht gut! Warte!“ “
Michael lief weiter, ohne sich um das Rufen zu kümmern.
Da hörte er ein Knarren und Rasseln. Unmittelbar vor ihm begann sich der Rasen zu teilen und überall fuhren spitze Holzpfähle aus dem Boden, schwarz und dampfend, als hätten sie eben noch in einem Höllenfeuer gelegen. Michael blieb stehen, wollte ausweichen. Aber auch rechts und links neben ihm rasselten die Pfähle aus der Erde. Er drehte sich um und mußte entsetzt erkennen, daß er eingeschlossen war. Kreisrund fuhr ein Zaun empor, war schon so hoch, daß Michael nicht mehr darüber hinweg blicken konnte.
Und er war allein!
Und Rasenflitz stand außerhalb, lief aufgeregt hin und her, rang die Hände und Michael hörte ihn immer wieder rufen: „So ein Unglück! So ein Unglück!“
„Hilf mir, Rasenflitz!“ rief Michael. „Hilf mir! Hole mich hier heraus! Schnell!“
„Ich kann nicht!“ Rasenflitz war verzweifelt. „So ein Unglück! Der Zauber reicht so tief, daß ich auch unterirdisch nicht zu dir kann. Du mußt dir selbst helfen, Michael!“
„Aber wie?!“
Michael wußte keinen Rat. Der Zaun war glatt und hoch. Er würde nicht darüber klettern können
Plötzlich hatte er eine Idee. Er warf das Bündel auf den Boden, öffnete den Knoten und holte Hammer und Zange heraus. Beide schüttelten sich, als wollten sie sich nach der Enge im Beutel lockern und blieben dann tänzelnd stehen.
„Macht mir ein Loch in den Zaun!“ befahl Michael mit fester Stimme. Dabei glaubte er selbst nicht daran, daß sein Werkzeug dem Befehl gehorchen würde. Aber so, als hätten sie auf seine Befehle schon immer so reagiert, hüpften Hammer und Zange durch den Spalt zwischen zwei Latten. Michael hörte den Hammer klopfen, es knarrte, als wenn ein Nagel aus festem Holz gezogen würde, dann wieder das Pochen des Hammers und auf einmal flog der erste schwarze Pfahl durch die Luft und gab einen breiteren Spalt frei. Nicht lange, dann fiel der zweite, der dritte.
„Es reicht!“ rief Michael. „Der Weg ist frei! Kommt zurück!“
Gehorsam sprangen die Werkzeuge zurück in das Bündel, und Michael schnürte es zu. Dann stieg er durch das Loch im Zaun, wo ihn schon Rasenflitz erwartete.
„Margaritta wird schäumen vor Wut“, sagte er, kicherte dabei und rieb sich die Hände.
Michael jedoch hatte keine Zeit, sich zu freuen. Zielstrebig lief er auf das Gärtnerhaus zu, das jetzt unmittelbar vor ihnen aufragte.
Aber so leicht war Margaritta nun wirklich nicht zu besiegen.
Michael war gerade die ersten Schritte gegangen, da stand sie leibhaftig vor ihm. Sie war schön. O war sie schön! Sie war noch schöner, als bei ihrer ersten Begegnung.
Rasenflitz stieß einen entsetzten Quietscher aus, begann eine Pierrette zu drehen und verschwand unter Zurücklassung eines Erdhügels im Boden.
„Feigling!“ sagte Michael leise vor sich hin. Aber er wäre ihm am liebsten gefolgt und auch im Erdboden versunken, denn ihm entging nicht das gefährliche Glitzern in Margarittas Augen, die zwar blau leuchteten, in deren Tiefe aber gelbe Funken glommen.
„Hallo, Michael“, sagte Margaritta. „Du bist schon zurück? So schnell? Hast du das ewige Feuer gelöscht wie du es versprochen hast?“
„Ich wollte es ja löschen“, sagte Michael. „Dann aber dann hat dein Hund oder dein Vater - oder wer es ist - meinen Simba zerbissen. Ich gehe nach Hause. Ich lösche euer dummes Feuer nicht. Wenn es dir zu warm ist, mach’ es selber aus!“
Einen Moment lang sah es aus, als wolle Margaritta ihr schönes Antlitz verlieren, doch sie beherrschte sich.
„Ach, dein Simba“, sagte sie. „Willst du hundert, willst du tausend Plüschtiere, Simbas, Tom und Jerrys, Goofys, Schlümpfe, Bambis haben? Ich kann dir jeden Wunsch erfüllen! Sage mir, was du möchtest und du bekommst es. Du kannst dir auch anderes Spielzeug wünschen: ferngesteuerte Autos, Puppenstuben, ein richtiges Kinderauto, ein großes Fahrrad. Oder einen eigenen Fernseher, ein ferngesteuertes Rennauto. Schnell, Michael, sage, was du möchtest und du bekommst es. Meine Zaubermacht ist groß. Ich erfülle dir jeden Wunsch!“
Michael wurde nachdenklich. Tausend Plüschtiere? Jedes das haben wollte? Auch das Rennauto, das er sich schon lange wünschte? Wie oft hatte er Mam um ein Spielzeug gebeten und es nicht bekommen. Warte auf Weihnachten, warte auf deinen Geburtstag, warte auf Ostern ... Immer nur warten, warten. Jetzt aber brauchte er nur zu wünschen und schon sollte er bekommen, was er wollte.
„Ich würde gern ...“ begann er schon. Doch dann unterbrach er sich und fragte: „Und was willst du dafür haben?“
„Du brauchst nur das ewige Feuer zu löschen. Für so einen starken und mutigen Jungen ist das doch kein Problem. Wer die Palisaden überwindet, wird doch wohl das ewige Feuer löschen können. Alles, was du dir wünschst, wird dir gehören, und du kannst es mit nach Hause nehmen. Du bist doch so stark und so flink und so klug, so tapfer.“ schmeichelte Margaritta.
„Nein!“ rief Michael da laut. „Keine Plüschtiere und kein Spielzeug! Ich gehe jetzt gleich nach Hause! Laß mich vorbei!“
Da wurden Margarittas zartrosa Wangen grau und runzelig wie damals, als Jaros an der Weide erschienen war. Ihre Augen verfinsterten sich und das gefährlich gelbe Leuchten wurde wach in ihnen. Sie hob die Lippen und fletschte die Zähne wie ein räudiger Wehrwolf und an ihren feinen Händen wuchsen spitze Krallen.
„Lösche das Feuer!“ kreischte sie. „Lösche das Feuer! Eher gehst du nicht nach Hause! Lösche das Feuer oder du wirst für ewig hier bleiben!“
Michael wich zurück. Wie konnte sich das schöne Mädchen Margaritta, die eine Fee sein wollte, so schrecklich verwandeln? Er hatte Angst vor ihr, furchtbare Angst, aber er wollte nach Hause, sofort.
Margaritta ließ nicht ab von ihm, und sie sah häßlicher aus als das schlimmste Monster.
Michael nahm all seinen Mut zusammen und rannte los. Rannte vorbei an Margaritta, rannte so schnell er konnte auf das Gärtnerhaus zu.
„Ich will nach Hause, ich will nach Hause, ich will ...“ Bei jedem Schritt stieß er eine Silbe hervor.
Aber Margaritta kam ihm hinterher. Er hörte, wie sich ihre Schritte immer mehr näherten und dann sah er den Hund, der sich ihm knurrend und breitbeinig in den Weg stellte. Da wollte Michael schon aufgeben, aber die Zwerge kamen ihm zur Hilfe. Rings um den Hund wirbelte Erde auf. Dem Hund sträubte sich das Fell. Er stieß ein klägliches Winseln aus, dann verschwand er zappelnd in der Tiefe.
Der kurze Moment, den Michael stehenbleiben mußte, hatte jedoch gereicht. Gerade als er wieder losrennen wollte, fühlte er Margarittas Hand in seinem Haar. „Bleib stehen!“ kreischte sie. „Lösche das Feuer!“
Es war vorbei. Michael drückte das Bündel an sich, in dem er das Fell seines Löwen Simba wußte und fast hätte er angefangen zu weinen. Aber nur fast, denn er wollte trotz allem noch mutig und tapfer sein. Nur wenige Meter vor ihm stand das Gärtnerhaus. Die Tür, durch die er gehen mußte, stand noch einen Spalt offen. Er mußte sie erreichen.
Michael wollte sich losreißen und er hätte es auch geschafft, wenn nicht plötzlich die Riesenhummel vor seinem Gesicht aufgetaucht wäre, gefährlich brummend ihren gewaltig langen Stachel vorstreckend.
„Laßt mich gehen!“ begann Michael zu betteln. „Ich will nach Hause.“
Die Hummel setzte sich auf seine nackte Schulter und brummte direkt in sein Ohr.
„Sie wird dich stechen, Michael. Es wird schrecklich schmerzen!“ sagte Margaritta und zerrte stärker an seinen Haaren.
Da kam ein Wind auf, legte den Rasen nieder und strich durch die Blumen und Bäume. Eine Wolke, die aus dem Nichts entstanden war, schob sich vor die Sonne und verdunkelte den sommerlichen Garten. Ein paar Regentropfen fielen, einzeln erst und groß, die nasse Flecken auf der Haut hinterließen. Michael begann zu frösteln, denn es wurde kühl. Von weither klang ein Lachen herüber, und Margaritta ließ Michaels Haar los.
Margaritta schrie auf. „Nein, Jaros! Keinen Regen, Jaros!“
Die Hummel begann lauter zu brummen, dann hob sie ab und flog eilends davon.
Direkt vor ihnen begann sich die Windhose bilden. Wirbelnd trieben Gras und Blätter heran und bildeten die große, gutmütig lachende Gestalt.
„Du weißt doch, Margaritta, daß nur ein Junge, der dir glaubt und vertraut die Tat begehen kann, die dir die Macht zurückgibt und mir nimmt, die den blühenden Garten in eine finstere Wüste verwandelt, in der für Liebe und Freundschaft kein Platz ist. Und der Junge, der das Feuer löschen will, muß es aus freien Stücken tun. Täte er es unter Zwang, es wäre umsonst. Laß ihn nach Hause gehen, Margaritta!“
„Nein!“ kreischte Margaritta. „Ich gebe mich nicht geschlagen! Wer weiß wann das nächste Mal ein Junge durch diese Tür kommt. Er muß das Feuer löschen!“
„Laß ihn gehen, Margaritta!“ Jaros’ Stimme klang jetzt nicht mehr so gutmütig und freundlich. Michael hörte einen drohenden Unterton heraus. „Laß den Jungen los!“
„Nein!“
Die Wind begann zu wirbeln, verdichtete sich. Die enge Stelle, die wie ein Rüssel auf dem Rasen tanzte und Laub, Erde und Blätter emporsaugte, kam näher und begann an Margarittas Kleid zu ziehen und zu zerren, griff in ihre Haare, ihr Kleid, ihren Körper. Mit einem gellenden Aufschrei kauerte sie sich zusammen. Aber es half ihr nichts mehr. Sie wurde von dem wirbelnden Sturm ergriffen und in die Höhe gerissen, so hoch, daß sie Michael nicht mehr sehen konnte.
„Nun geh nach Hause, Michael“, sagte Jaros’ Stimme und langsam begann sich der Wind zu legen.
Michael, der wie erstarrt dagestanden hatte, besann sich und rannte los. Als er an der Tür des Gärtnerhauses angekommen war, drehte er sich noch einmal um. Die Wolke gab gerade die Sonne frei und der Wind das, was er emporgetragen hatte. Nahe der Weide segelte Margaritta aus großer Höhe herab. Sie hatte ihr Kleid wie einen Fallschirm aufgespannt und ihre langen blonden Haare wehten im Wind.
Michael stieß die Tür auf und wollte eben den Schritt über die Schwelle tun, als er durch lautes Rufen aufgehalten wurde. Rasenflitz und vier andere Zwerge, keiner größer, keiner weniger lustig anzusehen, standen da und trugen Michaels Kleidungstücke und die Schuhe.
„Zieh dich an, Michael“, sagte Rasenflitz und die anderen nickten dazu. „In deiner Welt ist der Sommer noch weit.“
„Danke“, sagte Michael.
Er zog die Strümpfe, den Pullover, Hose und Schuhe als er aufblickte, merkte er, daß er längst allein vor der Tür des Gärtnerhauses saß. Er stand auf und betrat den dunklen Raum. Mit einem lauten Krach fiel die Tür hinter ihm ins Schloß.
Es war dunkel wie ganz am Anfang, und er stieß mit den Füßen gegen etwas Weiches. Er wußte gleich, daß das seine Jacke war, die er ausgezogen und fallen lassen hatte, als er den wunderschönen Garten sah. Er bückte sich und hob sie auf. Irgendwo mußten auch Mütze und Schal liegen, aber er konnte sie nicht sehen. Er tastete sich zu der Tür, die in seine Welt zurück führen mußte, dorthin, wo Vater und Mutter wohnten, wo seine Freunde lebten. Er fand die Tür und öffnete sie. Helles Licht fiel in den Raum. Michael bückte sich, hob einen Stein auf und legte ihn vor die Tür. Dann holte er seine Mütze und seinen Schal. Er vermied es, die Tür auch nur anzublicken, durch die er in den Zaubergarten gelangt war. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er wollte sie noch einmal sehen. Aber so sehr er sie auch jetzt suchte, er konnte die verwunschene Tür nicht mehr entdecken. In dem Raum, in dem er sich befand, gab es eine einzige Tür, die jetzt offen stand, vor der er seinen Roller liegen sah und die in den verwilderten Garten der alten Gärtnerei führte. Zwar war die Treppe da, ansonsten jedoch nichts als alte Ziegelwände, von denen der Putz bröckelte und die Tapete in Fetzen hing.
Michael setzte die Mütze auf und wickelte sich den Schal um den Hals. Dann trat er ins Freie. Er nahm seinen Roller und steckte das Bündel mit seinem Werkzeug und den Resten seines Simba in die Tasche am Lenker. Das Unterhemd war längst nicht mehr sauber. Das würde sicher Ärger mit Mam geben. Aber was war der Ärger mit Mam gegen den Kampf mit Margaritta! Plötzlich stutzte Michael. Irgendwie fühlte sich das Bündel seltsam an. Er legte den Roller noch einmal hin und wickelte das Bündel auf. Was er sah, konnte er kaum glauben: Unversehrt und wie neu lugte sein Simba heraus. Fast schien es Michael, als wollte er sagen: „He, Kumpel, da bin ich wieder.“, und er zwinkerte ihm lustig zu.
„Hurra!“ rief Michael. Er packte alles ein und rollerte los, weg vom alten Gärtnerhaus, in dem es wirklich nicht geheuer war, wie er jetzt wußte. Naja, er hatte die Taschenlampe verloren, aber sein Simba war wieder da.
Gerade da begannen die Glocken vom nahen Kirchturm zu läuten.
Mittagszeit. Er würde pünktlich zu Hause sein.
23. 3. 1996