Blüte der Königin der Nacht im Im Kakteengewächshaus meiner Frau blüht nicht nur die Königin der Nacht Jahr für Jahr, sondern Hunderte weitere Kakteen und Sukkulenten entfalten dort regelmäßig ihre Farben- und Formenpracht. |
Frank Petermann H o b b y
Wir saßen auf der Terrasse und genossen den Sonntagnachmittag. Mutter strickte an einem Paar dicker Handschuh für den Winter, der noch weit war und wie immer wusste keiner, wo sie die Wolle dafür aufgetrieben hatte. Wir fragten auch nicht mehr danach. Mein Bruder Georg las in einem Buch über organische Kristalle, seine Frau Manuela hatte das Silbernetz über den Kopf gelegt und gab sich Träumen hin. Ich blinzelte in die Sonne, die durch die Reflexion an den Scheiben des Gewächshauses im Garten noch verstärkt wurde. Dort unten war Vater verschwunden, nachdem er den letzten Schluck heißen Kaffee geschlürft hatte, von dort war er gekommen, als der Tisch längst gedeckt war. "Bert", rief er jetzt, und kurz tauchte sein graubärtiges Gesicht auf. "Komm doch mal her!'' Aus. Der Sonntagnachmittag war gestorben. Für die nächsten zwei Stunden würde ich eingespannt sein. Langsam erhob ich mich, ging in den Garten und dann die wenigen Stufen in das Gewächshaus hinunter. Tropische Trockenhitze schlug mir entgegen. Fünfzig Grad mindestens. „Ja, Vater?", fragte ich. ''Du musst mal beim Umtopfen helfen, dauert nicht lange.'' Ich nickte ergeben. Wie viele Stunden meines Lebens hatte ich hier verbringen müssen! Tausende Tonnen Erde hatte ich mischen, hunderte Kubikmeter Wasser schleppen dürfen. Stundenlang hatte ich mit Vater und Georg Pflanzen umtopfen müssen, und wir hatten uns so viele Stacheln in alle möglichen Körperteile gerammt, dass wir nach mancher Aktion selbst wie ein Kaktus ausgesehen hatten. Hier drin hatte Vater ein halbes Leben gelebt, wir unsere ganze Kindheit verbracht. Mein Bruder und ich hatten manches mal den Tag verwünscht, von dem Vater so stolz erzählte, den Tag, an dem er einen Kaktus mit nach Hause gebracht und auf das Fensterbrett gestellt hatte. Jetzt standen hier gut fünftausend Pflanzen, und regelmäßig landeten in unserem Garten Aerobusse mit Leuten aus aller Welt, die seine Sammlung sehen wollten. "Heb mal den Echinocactus grusonii an. Das schaff ich nicht mehr, und er braucht neue Erde." "Hast du Handschuh hier?" "Handschuhe", sagte er verächtlich. „Pack schon zu!'' Nach dem Echinocactus kamen dreißig Rathbunia alamoscensis, drei Riesenexemplare der Cleistocactus flavescens und noch einmal zehn, oder elf Lobivia rubescens an die Reihe. Dann war die Erde alle, es musste neue gemischt werden. Als ich, drei Stunden, nachdem ich es betreten hatte, das Gewächshaus verlassen durfte, hochrot im Gesicht, einem Tropenkollaps nahe, war die Sonne am Untergehen. Die Terrasse war abgeräumt und die Familie im Haus. Georg stand an der offenen Tür und grinste. "Heute hat es dich erwischt", sagte er. "Und das nächste mal dich. Ich habe das alles so satt." Ich machte die Bewegung, die zeigte, wie satt ich das alles hatte. "Wir können zu Besuch sein, wann wir wollen, Vater braucht uns. Dich oder mich oder, wie letzten Sonntag, uns alle zusammen. Georg, es muss etwas geschehen!" Ich zog mein verdrecktes und verschwitztes Hemd aus und warf es in den Verwerter. "Und was soll geschehen?" fragte Georg. "Sollen wir nicht mehr herkommen und Vater allein lassen. Er sagt jedes mal, dass er es allein nicht mehr schafft." ''Dann, muss er sich von Teilen seiner Sammlung trennen. Jedenfalls ist unzumutbar, was er von uns verlangt." "Vater... die Sammlung abbauen? Du weißt wie ich, dass allein in den letzten drei Wochen über 100 Pflanzen hinzugekommen sind. „Aber auf unsere Kosten!" rief ich. "Na, na, na", sagte Mutter, die gerade vorbeikam und die letzten Worte gehört hatte. Ihr folgte Berta, der Hausroboter den sie für das Abendessen einwies. "Kein Mensch schuftet heutzutage noch so wie wir!" rief ich ihr hinter. "Bert", sagte da Georg plötzlich, "ich glaube, ich hab's." „Was?", fragte ich. "Die Lösung, die allen gerecht wird." "Und die wäre?" Aber Georg schüttelte den Kopf. "Nein, das muss, ich erst noch durchdenken. komm nächste Woche mit deiner Frau zu uns. Ihr wird es dann bestimmt wieder gut gehen." Er schmunzelte. "Dann sag ich mehr. Sei aber nicht enttäuscht, wenn alles nur eine dumme Idee war." Er drehte sich um und ging ins Esszimmer. "Und jetzt kein Wort mehr darüber klar! Wir dürfen Vater nicht verärgern. Er hat genug Sorgen mit den Echinofossulocacteen, die nicht blühen wollen." Nach dem Abendessen brachen wir auf. "Ich komme am Dienstag", sagte ich zu Georg, als wir uns verabschiedeten. „Gut", sagte er. „Ich habe noch eine Flasche Ruhländer Jahrgang 09 im Keller. Wenn es so klappt, wie ich es mir vorstelle, dann füllen wir die voll Luft."
Die Zeit bis zum Dienstag Abend verging quälend langsam. Was für eine Idee mochte Georg da gehabt haben? Auch meine Frau, Viola, war ratlos, aber voller Hoffnung. Manchmal hielt sie, für meinen Geschmack viel zu viel von meinem Bruder. Als wir dann endlich wussten, was er vorhatte, war ich überwältigt. "Georg, wenn das klappt, kannst du unserer ewigen Dankbarkeit gewiss sein." Und Viola gab ihn sogar einen Kuss, dem ich wohlwollend zusah, trotz Manuelas bösem Blick in meine Richtung. "Aber wir müssen Mutter gewinnen", sagte Georg. "Ohne Mutter geht das alles nicht." "Wer übernimmt das?" fragte ich. "Du", sagte Manuela zu mir. ''Schließlich bist du der Kleine." Dann entwarfen wir den SchIachtplan im Einzelnen. Es wurde Mittwoch Morgen, bevor wir nach Hause aufbrachen. Georg hatte wie oft untertrieben. In seinem Keller musste nicht eine, sondern eine ganze Batterie Ruhländer Jahrgang 09 lagern. Wir hatten uns nicht sonderlich anstrengen müssen, sie zu dezimieren. Aber er gewährte mir weder Einblick in den Anfangs- noch in den Endbestand. Zwei Wochen brauchte ich, um Mutter auf unsere Seite zu ziehen. Tausend Ausflüchte und Einwände gab es zu entkräften, und wäre Viola nicht hart geblieben, hätte ich längst aufgeben gehabt. Dann kam die Phase, in der Vater unter massiven Druck gesetzt werden musste. Mutter bearbeitete ihn drei mal täglich zu den Malzeiten und abends im Bett vor dem Einschlafen, das heißt bei allen Gelegenheiten, zu denen sie ihn zu Gesicht bekam, denn das Gewächshaus betrat sie seit dreißig Jahren nicht mehr. Der Rest der Familie nutzte die Zeit an den Wochenenden, und sogar Viola bekam kein Unwohlsein und fuhr Sonntag für Sonntag mit hinaus. Georg und ich hatten zusammen fast sechzig Jahre, unsere Frauen sieben Jahre Verbitterung über schweißtreibende Arbeit in immer größer werdenden Kakteengewächshäusern in die Waagschale zu werfen , soviel, wie Mutter allein. Darüber ging der Frühsommer, der Spätsommer, der Herbst dahin. Die letzten Kakteen hatten frische Erde bekommenen, alle Pfröpflinge waren angewachsen, die Eichinofossulocacteen hatten doch noch geblüht, die Wassergaben wurden eingestellt und alle Samenkapseln waren abgesammelt und zum Trocknen ausgebreitet. Da endlich sagte Vater: "Gut" ihr habt mich überzeugt. Schon immer wollte ich meine Lieblinge mal dort besuchen, wo sie in der Natur und von allein wachsen. Mutter, wir fahren für eine Woche nach Lobivien." "Bolivien", berichtigte sie ihn sanft. "Eine Woche nur?" fragte Georg entsetzt und sah mich an. "Für deinen ersten Urlaub seit vierzig Jahren könntest du dir mehr Zeit lassen, Vater", sagte ich. "Wir hatten mit vier Wochen mindestens gerechnet'', murmelte Manuela. "Das ist doch nicht zu schaffen", sagte ich und schaute Georg fragend an. "Nein", sagte der und der Ausdruck des Entsetzens wich einer Mine der Enttäuschung. "'Was ist nicht zu schaffen?" fragte Vater lauernd, und das Misstrauen glitzerte in seinen Augen. Es war Mutter die die Situation rettete. "Was, meinst du, werden wir in einer Woche sehen können? Außerdem bittet dich dein Freund Gonzales aus Mexiko seit vielen Jahren, auch ihm mal seine Aufwartung zu machen und seine Sammlung zu besichtigen." "Wir werden sehen", sagte Vater und zog damit einen Schlussstrich. Viola setzte zu einer Erwiderung an, aber Vaters Handbewegung schloss ihr den Mund. "Ich muss nach der Temperatur sehen", sagte er, stand auf und stampfte über die Terrasse in das Gewächshaus. "Eine Woche ..." stöhnte Georg. "Laß mich nur machen," sagte Mutter. "Ich habe ja auch noch was zu sagen. Und dann dürft ihr nicht vergessen: In Bolivien und Mexiko wachsen Kakteen. Kakteen, versteht ihr. Seid froh, wenn wir Weihnachten wieder zu Hause sind." Mutter packte noch am gleichen Abend das Nötige ein, und am nächsten Tag bestiegen sie, Vater grimmig und entschlossen, Mutter glücklich, den Aerobus, der sie in die Hauptstadt bringen sollte, von wo aus sie in einem Aeroplan weiterreisen würden.
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Eine halbe
Stunde später – wir hatten immer noch befürchtet,
der Aerobus würde plötzlich wieder wenden - fuhren wir zum
Gartengrundstück zurück und begannen mit der Arbeit.
Georg und ich waren gut vorbereitet. Alle Materialien lagerten bereits in unseren Wohnungen und vieles brauchte nur noch montiert zu werden. Ich hatte zwei Roboter im Selbsthilfestützpunkt ausgeliehen und Georg hatte einen Kollegen zur Mitarbeit überreden können. Manuela und Viola hatten noch nie mit solcher Begeisterung Kakteen geschleppt und Erde geschaufelt. Wir alle wussten, es würde das letzte Mal sein. Jeder Stachel im Fleisch bereitete und trotz Widerhaken Vergnügen, denn jeder konnte der letzte sein. Jede Mark bezahlten wir in den Materiallagern mit der Vorfreude, damit unsere Freiheit zu erkaufen. Wir arbeiteten bis spät in die Nacht; und das Morgengrauen des nächsten Novembertages sah uns schon wieder durch den Garten springen. Georg war ein Könner. Es gab nicht die kleinste Panne und auch mein Netzplan lief wie am Schnürchen, ebenso wie Violas Computerprogramme und Manuelas Feinplanung. Wir waren ein Team, das jedes Forschungs- und Entwicklungslabor zu Ovationen veranlasst hätte. Drei Tage, bevor Mutters Videogramm eintraf und die unmittelbar bevorstehende Rückkehr ankündigte, waren wir fertig. Nicht nur mit unserer Arbeit, auch wir selbst waren am Ende. Wir saßen auf der geheizten Terrasse hinter den ausgefahrenen Infrascheiben und schauten in den winterlichen Garten hinaus. Unschuldig stand da das Gewächshaus, schneefrei wie jedes Jahr um diese Zeit. Uns allen war nicht wohl. Viola und Manuela holten Mutter und Vater ab. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie hier eintrafen. "Was wird er sagen?" fragte Georg. Ich hob die Schultern und versuchte das Kribbeln in der Magengegend unter Kontrolle zu bringen. Wir starrten weiter stumm vor uns hin. Hätte ich mich nie darauf eingelassen! Hätte ich doch nur weiter still und verbissen Sonntag für Sonntag die Kakteen versorgt. Nein, ich musste auf Georgs Idee eingehen. "Ruhländer-09-Idee", murmelte ich vor mich hin. "Was? " "Ach nichts. Wo sie nur bleiben?'' In diesem Moment glitt die Tür zum Haus zur Seite. Mutter und Vater standen da, braun gebrannt, was sich besonders abhob vom ungesunden Weiß der beiden Gesichter von Viola und Manuela, die hinter den beiden standen. Aber wahrscheinlich sahen auch Georg und ich nicht anders aus. "Da sind wir wieder". sagte Vater. "Ist mit meinen Kakteen alles in Ordnung?" Er schob die Tür zum Garten zur Seite , stapfte durch den Schnee, in den er die ersten Spuren setzte, nachdem es vorgestern geschneit hatte. Georg und ich gingen aneinanderstoßend hinterher. Jeder wollte dem anderen den Vortritt lassen. Vater schnappte nach Luft. „Was... ", brachte er hervor, dann blieb er mitten im Gang zwischen den Pflanzenreihen stehen. Im Gewächshaus war es angenehm warm, nicht wie sonst in dieser Jahreszeit, wo man sich bei fünf bis sechs Grad einen Schnupfen nach dem anderen holte. Die Pflanzentische waren vom Gang durch nahtlose Glasscheiben getrennt. Die Kakteen standen wie immer in Reih und Glied, sahen gesund, wenn auch ein wenig geschrumpft aus, was um diese Jahreszeit normal war. „Wie..." Vater versuchte eine neue Frage, kam
aber über das erste Wort nicht hinaus. „Komm erst mal mit und lass' dir erklären", sagte Georg und schob Vater vor sich her, zum Gewächshaus hinaus durch den Schnee, die Stufen zur Terrasse hinauf. "Setz dich, Vater", sagte ich behutsam und schob den Stuhl unter ihn. "Die Kinder wollten Dir eine Freude machen" sagte Mutter. "Du schaffst doch die Arbeit schon lange nicht mehr." "Du hast es gewusst?" fragte
Vater und das war der zweite vernünftige Satz, den er sprach, seit er
angekommen war. Georg und ich sahen uns an. Mutter übernahm die ganze Verantwortung, Mutter opferte sich als Blitzableiter. Mutter stellte sich wie in längst vergangenen Tagen schützend vor unsere Taten. "Pass auf, Vater", sagte Georg, der die Gunst des Augenblickes schon immer zu nutzen verstanden hatte. Er zog das fahrbare Schaltpult aus der Ecke der Terrasse und aktivierte es mit einem Knopfdruck. Der Bildschirm flimmerte auf und zeigte einen Abschnitt des Gewächshauses. "Hier siehst du die Brasilocacteen." „Weiß ich selbst", knurrte Vater. "Mit diesen Schaltern kannst du dir jede Pflanze von allen Seiten betrachten. " Georg ließ sich nicht beirren. "Hier", Er spielte an den Bedienungen. "Jetzt siehst du den Feuchtigkeitsgrad der Erde, pH-Wert, Temperatur, Luftfeuchtigkeit." „Der braucht einen größeren Topf!" "Jetzt?" fragte ich. "Mitten im Dezember?" "Jetzt, mitten im Dezember", antwortete Vater bissig. "Wie komme ich hinter die verflixten Scheiben?" "Gar nicht", erwiderte Georg. "Pass auf!" Er brachte einige Hebel in andere Stellungen, ein roter Pfeil wanderte über den Bildschirm und stellte sich auf den bezeichneten Kaktus ein. Dann drückte Georg einen Knopf. Ein abgepolsterter Greifer senkte sich über den Topf, hob ihn empor, rüttelte ihn vorsichtig , entnahm die Pflanze. Ein Schlauch schob sich an die Wurzel. Wir sahen zu, wie die Erde abgesaugt, der alte Topf entfernt, der neue gebracht, mit Erde gefüllt, die Pflanze eingesetzt, Erde nachgefüllt, die Pflanze im neuen Topf an den alten Platz gestellt wurde. "Das war es sagte Georg stolz und ein wenig atemlos, als hätte er gerade persönlich unter Aufsicht eines Prüfers umgetopft. "Auch pikieren kannst du von hier aus", sagte ich leise. "So, so, pikieren auch" sagte Vater. "Ja", sagte Viola. "Du brauchst dir keine Finger mehr schmutzig zu machen." Manuela ergänzte: "... und keine Stacheln mehr entfernen zu lassen." "Keine Stacheln mehr", sagte Vater. "Hier hast du die Bedienungsanleitung", sagte Georg. "Sicher werden in den nächsten Wochen viele Leute kommen, um das erste vollautomatische Gewächshaus zu besichtigen. Bert hat darüber einen Artikel in der Fachpresse geschrieben." "In der Fachpresse", sagte Vater. „Komm", sagte Mutter, "wir wollen uns erst mal frisch machen. Die Bedienungsanleitung kannst du später lesen. Ihr bleibt doch zum Essen?" "Nein", sagten Georg und ich wie aus einem Munde. "Wir haben noch etwas vor", setzte ich dann allein fort. "Und du hast davon gewusst?" hörten wir Vater fragen, als wir uns schon verabschiedet hatten und auf dem Weg zum Tor waren. Die nächsten Sonntage waren eine Erholung. Wir wurden nicht mehr abwechselnd in das Gewächshaus gerufen und Viola kam immer mit zu meinen Eltern. Vater saß den ganzen Tag mit uns zusammen, er stand nur manchmal auf, hockte sich vor das zentrale Steuerpult und kontrollierte Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Aber er war still, sagte noch weniger als früher, und wenn er doch mal im Gewächshaus verschwand, blieb er nie lange. Auch Mutter war still geworden, aber sie sprach mit uns nicht über ihre Sorgen. Das Frühjahr kam und ging. Es hatte tausend Blüten gebracht, und wir alle hatten uns am Bildschirm an ihnen erfreuen können, mehr als je zuvor, denn wir brauchten keine Lupe. Die Kameras lieferten jede gewünschte Vergrößerung. Wir vier waren zufrieden. Allerdings muss ich zugeben, dass mich in ruhigen Stunden zu hause oft ein Unbehagen befiel, das ich nicht rational begründen konnte. Vater hatte sich verändert. Mutter war nicht mehr die selbe. Ja, sie machten schon wieder Urlaubspläne, wollten noch einmal zu Gonzales, aber trotzdem stimmte etwas nicht. Wir hatten jedoch genügend eigene Probleme. So hatten wir nicht bemerkt, dass Vater immer häufiger an den Sonntagen sehr zeitig vom Tisch aufstand und ins Haus ging. Stutzig wären wir nur geworden, wenn er zu den Kakteen gelaufen wäre. Aber genau das tat er immer seltener. Auch das Schaltpult benutzte er kaum noch, fast immer war es auf "Vollautomatik" geschaltet. Mutter sagte nichts. Aber irgend etwas ging vor. An einem Sonntag im Mai folgte ich Vater, der aufgestanden und ins Haus gegangen war, kaum dass er den Kaffee ausgeschlürft hatte. Er stieg die Treppe hoch und ging ins Schlafzimmer. Zielgerichtet wandte er sich dem Fenster zu, zog sich einen Hocker heran. "Sieh nur", sagte er, als er mich bemerkte, "diese Notocacteen sind kaum zwei Jahre alt und die erste hat sich eine herrliche Blüte aufgesteckt. Aber die zwei müssten schon umgetopft werden. Und der Samen, den mir Gonzales mitgegeben hat, ist wunderbar gekommen. Ich glaube, ich muss pikieren." "Ich mische die Erde, Vater" sagte ich. "Darf ich beim Pikieren helfen?" "Wenn du möchtest?" Ich pfiff ein Lied, als ich die Treppe hinabsprang.
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