Spaziergang mit dem Hund

 

Die Weinflasche war leer, der Abend zu Ende.

„Ich gehe mit dem Hund eine Runde“, sagte ich. „Wir brauchen beide noch ein wenig frische Luft.“

Ramona nickte. Ihr war es recht. „Gut“, antwortete sie. “Ich räume zusammen. Weit wirst du ja nicht gehen.“

„Nur eine Runde ums Viertel. Bin gleich wieder da.“

Ich zog die Jacke über und nahm die Leine vom Haken. Cressy begann wie toll an mir hochzuspringen. Sie freute sich nach Hundeart. Die Abendrunde war der krönende Abschluß eines Tages. Nichts konnte diesen Höhepunkt ersetzen, ob es stürmte, regnete oder schneite.

Heute war das Wetter schön.

Wir gingen hinaus. Bevor ich die Tür hinter mir schloß, warf ich noch einmal einen Blick zurück. Ramona ging mit der leeren Weinflasche und den Gläsern durch den Korridor. Sie lächelte mir zu und rief: „Ich warte auf dich!“

Um diese Zeit war niemand mehr auf unserer Straße zu sehen. Hier standen Villen und elegante Eigenheime. Hier war die Stille noch friedlich. Nicht daß wir ein Eigenheim oder gar eine Villa besaßen, dazu hatte es nie gereicht. Aber wir wohnten in unserer hübschen eigenen Wohnung, groß genug und gut eingerichtet. Wir konnten in unseren vier Wänden jeden empfangen, ohne uns schämen zu müssen. Dabei warf mein Job soviel ab, daß Ramona ihre Zeit tags für sich und abends für mich verwenden konnte. Wir gingen oft ins Theater oder ins Kino, fuhren am Wochenende übers Land oder bewirteten Freunde. Es fehlte uns eigentlich nichts, denn wir waren auch immer klug genug gewesen, keine Wünsche groß werden zu lassen, die für uns nicht erfüllbar waren. Wahrscheinlich aus diesem Grunde hatten wir auch auf Kinder verzichtet. Für so ein Kind wäre es sicher schlimm gewesen, in einer Mietwohnung groß werden oder Urlaub auf Mallorca machen zu müssen. Nein, wir waren uns in unserer Vernünftigkeit immer einig gewesen. Ein Hund wie Cressy füllte da manche Lücke aus, ehe sie uns sehr bewußt werden konnte.

Ich weiß nicht, weshalb ich gerade heute auf diese Gedanken kam, aber es war schon gut, daß man ab und zu über sich selber nachdachte.

Ich ging die erste Querstraße nach rechts und begegnete dem Fräulein von gegenüber mit ihrem Cocker. Wie immer strebten die Hunde mit aller Kraft zueinander. Aber heute Abend hatten wir beide keine Lust auf ein Techtelmechtel. Ich sagte freundlich: „Guten Abend!“ und zog Cressy gegen ihren kraftvollen Protest weiter.

Ich hatte etwa die Hälfte meiner Runde hinter mir, als mir das sonderbare Verhalten meines Hundes auffiel. Sonst zog er mit großer Kraft an der Leine, drückte sich selbst die Luft ab und keuchte wie eine Dampflok. Jetzt hing die Leine schlaff herunter, der Hund drückte er sich eng an mein Bein. Er winselte sogar ein wenig, ganz leise zwar, aber für mich in der abendlichen Stille unüberhörbar. Plötzlich strecke er den Kopf vor, hob die Schnauze in die Höhe und begann schaurig zu heulen, laut und langanhaltend. O wie mir das peinlich war!

„Still, Cressy!“ zischte ich und gab ihr mit dem losen Ende der Leine einen Schlag über die Schnauze. Schon ging in der Villa gegenüber ein Fenster auf. „Ruhe auf der Straße!“ rief eine Stimme wütend, dann wurde das Fenster zugeworfen.

Cressy hörte mit dem Heulen auf, wollte nun aber nicht mehr weitergehen, sondern zog zurück, dorthin, wo wir hergekommen waren. Das Fräulein und der Cocker, dachte ich und sagte laut: „Nichts da! Komm weiter! Wir wollen nach Hause!“ Die ersten Schritte hatte ich ganz schön an der Leine zu ziehen, dann lief der Hund wieder vernünftig. Er machte sein Geschäft, dessen Ergebnis ich mit Hilfe der mitgeführten Utensilien beseitigte. Wenig später standen wir vor unserem Haus.

 

Es war nirgends Licht zu sehen. Schraders über uns gingen viel zeitiger schlafen als wir, aber Ramona hatte versprochen zu warten. Nun, sie tat es sicher im Schlafzimmer, und dessen Fenster ging nach hinten zum Garten hinaus.

Ich nahm den Schlüssel aus der Jackentasche und schob ihn ins Schloß der Haustür. Das heißt, ich hatte die Absicht es zu tun. Der Schlüssel ließ sich nicht ins Schloß schieben. Der Schlüssel paßte nicht.

Ich ging zur Straßenlampe und betrachtete den Schlüssel genau. Es war zweifellos mein Hausschlüssel. Am Bund hingen der Hausschlüssel, der Wohnungsschlüssel, der Garagenschlüssel und das Messingschild mit meinem Vornamen: Frank. Ich ging zurück und probierte erneut. Ich hatte den gleichen Erfolg: Der Schlüssel ließ sich nicht in das Schloß schieben, es war nicht der Schlüssel zu dem Schluß meiner Haustür.

Ich ging zur Garage, nahm den Garagenschlüssel und schob ihn in das Schloß. Ich frohlockte. Wenigstens das ging. Aber schließen ließ sich das Schloß auch nicht.

Ich ging auf die andere Straßenseite und sah zum Haus. Unzweifelhaft erkannte ich die Hausnummer 7. Es war das Haus, in dem wir wohnten, daran gab es keinen Zweifel. Was war jedoch mit meinen Schlüsseln passiert?

„Müssen wir eben klingeln“, sagte ich laut zu Cressy. Der Hund legte den Kopf schief und sah mich an, traurig, wie mir schien. Ich ging zur Tür zurück und drückte auf den Klingelknopf.

Es blieb eine ganze Weile still. Dann sah ich durch das Glas der Tür einen Lichtschimmer. Aha, dachte ich, jetzt hat sie das Licht im Korridor angemacht.

„Ja bitte“, hörte ich eine Stimme aus dem Lautsprecher der Wechselsprechanlage. Die Stimme war weiblich. Aber -

„Ich bin es, Frank“, sagte ich, und fühlte, daß mich ein kalter Schauer überlief. Cressy ließ ein leises Knurren hören.

„Wer ist Frank?“ fragte die Stimme aus dem Lautsprecher. Aber es war nicht Ramonas Stimme. Unverkennbar war das nicht Ramonas Stimme. Diese Stimme hatte ich mit Sicherheit niemals im Leben gehört.

„Ich wohne hier“, gelang es mir zu sagen. „Ich bin Frank Schütt.“ Dann, mit dem Aufbegehren des Verzweifelten: „Hör’ mit dem Quatsch auf und laß mich rein, Ramona. Ich muß morgen zeitig raus!“

Dann sagte plötzlich eine männliche Stimme sehr scharf und sehr bestimmt: „Verschwinden Sie endlich, sonst rufe ich die Polizei an. Wir kennen keinen Frank Schütt.“

Der Schimmer des Lichtes, den ich gesehen hatte, verlosch. Es wurde wieder dunkel und sehr still. Und mir wurde kalt.

Ich beugte mich zu den beiden Namensschildern herab, die beleuchtet waren und die Namen der Bewohner des Hauses gut lesen ließen. Ich wunderte mich kaum noch, als ich zwei Namen las, die ich nie vorher gehört hatte. Ich jedenfalls wohnte nicht hier.

Ich setzte mich auf die Stufe vor die Haustür meines Hauses und drückte den Hund an mich. Cressy hob den Kopf und begann wieder ihr schauriges Geheul. Irgendwann hatte ich gelesen, daß dieses Heulen Einsamkeit ausdrückt. Ich hätte mit ihm heulen mögen.

Vielleicht hatte ich mich in der Straße geirrt? Aber ich wußte sofort, daß diese simple Lösung nicht zutraf. Ich befand mich in der richtigen Straße vor dem richtigen Haus.

„Komm“, sagte ich zu meinem Hund. „Gehen wir die Runde noch einmal.“

Der Hund freute sich nicht. Er wollte nicht noch einmal laufen. Was ich ahnte, wußte er: Es war umsonst. Von nun an war alles umsonst.

 Ostersonntag, 7. 4. 96