Das geheimnisvolle grüne Kästchen
Wenn Sebastian an die Mathearbeit dachte, die ihm morgen bevorstand, dann konnte ihm das grobe Heulen ankommen. Er war in der Lage, jeden beliebigen Bruch zu schienen und einen betroffenen Arm oder ein Bein stillzulegen. Das hatte er bei den jungen Sanitätern gelernt. Aber einen Bruch mit einem anderen zu multiplizieren und dann noch zu kürzen, das machte ihm Schwierigkeiten. Denn er war zwar medizinisch begabt, mathematisch aber weniger.
Sebastian pfiff vor dem Haus seines Freundes dreimal kurz, einmal lang. Oben öffnete sich ein Fenster. Aber nicht Lutz, sondern der Bubikopf der großen Schwester erschien.
„Lutz muss Mathe üben! Und für dich wäre es auch besser, wenn du mal ins Buch schauen würdest!"
Bums, war das Fenster wieder zu. Da hatte er den Salat. Nur gut, daß sie nicht seine Schwester war. Mädchen waren meist Streber. Die konnten den ganzen Tag über Buchern hocken und abends um acht zufrieden ins Bett gehen.
Sebastian beschloß, allein in die Wiesen zu marschieren.
Im gleichen Moment wurde er zum roten Kundschafter. Er hatte den Auftrag bekommen, unauffällig aus der Stadt zu gelangen und das Lager der Feinde aufzuklären. Sebastian drückte sich dicht an die Häuserwände und sah sich vorsichtig um. Die Feinde durften ihn nicht entdecken! Er mußte den Auftrag ausführen, und wenn es ihn das Leben kostete. Bei dem Gedanken lief es ihm kalt über den Rücken. Erstellte sich die Gesichter seiner Freunde vor. Noch besser wäre es vielleicht, wenn er nur verletzt würde. Herr Kliemann würde ihm einen großen Blumenstrauß überreichen und sagen: „Sebastian Schneider, du bist ein Held, und du brauchst die Mathematikarbeit nicht nachzuholen."
"Pass' doch auf, du Bengel!"
Das gehörte auf keinen Fan in seine Kundschafterrolle. Sebastian bückte sich und hob schnell die auf dem Fußweg verstreuten Äpfel auf.
„Entschuldigen Sie bitte", sagte er. „Das habe ich nicht gewollt."
Sebastian drehte sich um und wollte seinen Weg fortsetzen. Da stieß er mit dem Fuß gegen ein kleines grünes Kästchen. Es war nicht größer als eine Streichholzschachtel, aber Sebastian stellte mit Erstaunen fest, daß es mindestens aus Eisen sein mußte. Schnell ließ er es in seiner Hosentasche verschwinden und wetzte um die nächste Ecke. Erstmal weg von der Fundstelle. Ein Geheimnis schrie nach Enthüllung.
Er nahm den kleinen grünen Kasten aus der Tasche. Mensch war der schwer! Sebastian setzte seine Spezialistenmiene auf und hob langsam das Kästchen ans Ohr. Plötzlich weiteten sich seine Augen. Das Kästchen wurde warm. Nicht etwa heiß. Nein. Vielleicht so, wie zur Faschingszeit die Pfannkuchen, wenn sie nicht vom Vortage waren.
Da hörte Sebastian Schritte hinter sich. Blitzschnell ließ er das Kästchen wieder in die Hosentasche gleiten und studierte angestrengt die Namensschilder an einer Haustür. Er. wartete einen Moment und machte sich dann noch einmal auf den Weg zu Lutz. Der mußte das Geheimnis erfahren.
Auf das Pfeifsignal erschien erneut der schwarze Bubikopf. und Sebastian zog Leine, ohne auch nur einen Ton gesagt zu haben. Mußte er eben Geduld haben bis zum nächsten Tag
Was aber mochte in dem grünen Kästchen sein in dem es brummte wie in Vatis altem Kofferradio? Außerdem hinkte der Vergleich mit einer Streichholzschachtel, denn die könnte man aufschieben. An dem Kästchen war jedoch nicht der
kleinste Spalt zu entdecken. Glatt wie Glas, grün wie Glas und warm wie frische Pfannkuchen. Dazu kam das Gewicht und dieses Summen.
Sebastian schaute nach der Rathausuhr. Verflixt, halb sechs. Nun aber nach Hause! Nur gut dass in seinem Hausaufgabenheft nichts von der Arbeit stand, sonst hätte er sich vielleicht jetzt noch hinsetzen müssen. Vati kannte da keine Verwandten wie er immer sagte.
Zwei Stunden später lag Sebastian im Bett. Durch die verglaste Tür schien weißes Fernsehlicht herein und beleuchtete den kleinen grünen Kasten, den Sebastian auf seinen Nachttisch gestellt hatte. Was für ein wunderschönes Geheimnis! Lutz wurde Augen machen! Wenn nur diese Mathearbeit nicht wäre. Hätte er doch etwas dafür... Quatsch! Kundschafter brauchen keine Bruchrechnung.
Da ertönte ein Piepsen, unregelmäßig und mal kurz, mal lang, wie Morsezeichen. Es kam vom Nachttisch.
Sebastian öffnete noch einmal die Augen. Aus dem kleinen grünen Kästchen ragte genau in der Mitte der Deckfläche ein Stab, stricknadeldünn und -lang.
Ich träume ja schon, dachte er und drehte sich auf die andere Seite.
Lutz hatte für Sebastians Geheimnis keine Zeit. Herr Kliemann schien ein viel größeres zu hüten: die Aufgaben der Arbeit. Die Klasse erging sich in Vermutungen. Sebastian interessierte das nicht. In seiner Hosentasche ruhte zwischen Taschenmesser, Bindfaden und Reservekaugummi der kleine grüne Kasten.
Es klingelte, und pünktlich wie immer stand Herr Kliemann vor der Klasse. Meldung, Begrüßung, Datum und ein paar Hinweise, dann lag die Folie mit den Aufgaben auf dem Polylux und Sebastian schrieb links ins Heft: erstens. Er las die Aufgabe. Seinen Nachbarn Steffen hörte er stöhnen. Er selbst sah keine Schwierigkeiten. Drei Brüche waren zu multiplizieren - Kinderspiel. Alle auf einen Bruchstrich, kürzen, fertig. Zweite Aufgabe: die Zahlen eingekleidet in einen Text, sonst dasselbe. Weiter.
Sebastian wußte nicht, wie ihm geschah. Kaum hatte er die Aufgabe auch nur gesehen, schon wußte er den Weg, schon sah er die Lösung deutlich vor sich. Eigentlich dachte er gar nicht nach, sondern er schrieb aus dem Gedächtnis ab. Ganz am Rande nahm er wahr, daß das kleine grüne Kästchen in seiner Hosentasche wärmer geworden war. Ihm kam es auch vor als vibriere es leicht.
Viel eher als alle anderen war Sebastian fertig. Als die Arbeiten abgegeben waren und die Ergebnisse vorgelesen wurden, stellte Sebastian fest, daß er alle Aufgaben richtig gelöst hatte.
Das kleine grüne Kästchen in seiner Tasche hatte wieder seine normale Temperatur. Nur der Kaugummi hatte die Wärme nicht vertragen und sich mit dem Bindfaden zu einem elastischen klebrigen Filz verbunden.
Während der Hofpause hoffte Sebastian, Lutz für das Kästchen und sein Geheimnis begeistern zu können. Denkste! Lutz war noch immer bei der Arbeit. Herr Kliemann hütete jetzt das allergrößte Geheimnis: die Zensuren.
„Darüber mache ich mir gar keine Gedanken", meinte Sebastian ruhig. „Ich habe meine Eins sicher!" Woher er diese Sicherheit nahm, das wußte er nicht.
Lutz lachte nur und sagte: „Du spinnst !" Dann ließ er den Freund stehen und ging zu den anderen Jungen der Klasse. Ein kleiner grüner Kasten, der warm war und summte und nachts Antennen ausfuhr, interessierte ihn nicht. Sebastian war eben doch ein Spinner.
Zeichnungen: Fred Westphal
Herr Kliemann hatte die Arbeit schon am nächsten Tag in seiner Tasche.
Nun hatte Sebastian doch ein wenig Lampenfieber bekommen, und von seiner gestrigen Überheblichkeit war nichts mehr da. Vor allem mochte das daran liegen, daß der kleine grüne Kasten alle rätselhaften Eigenschaften verloren hatte. Er summte nicht mehr, er war auch nicht mehr warm, und leichter schien er auch geworden zu sein. Eigentlich hatte er ihn nur noch einstecken, weil er sich inzwischen an ihn gewöhnt hatte.
Herr Kliemann legte den Stapel vor sich hin auf den Schreibtisch, holte tief Luft nahm ein Heft und wog es in der Hand. Die Klasse hielt den Atem an. Wenn es Herr Kliemann so spannend machte, gab es was Besonderes.
Sebastian bekam von hinten einen Stoß.
„Das ist dein Heft!" zischte Lutz. „Von wegen Eins - eine dicke Fünf wirst du haben!"
Sebastian tat, als höre er nichts.
„Als ich gestern die Hefte korrigierte", begann Herr Kliemann, „erlebte ich eine große Überraschung. Ihr alle wißt, wir haben einen Schüler in der Klasse, der ist ein prima Kerl. Das aktivste Mitglied bei den jungen Sanitätern, unser bester Kundschafter beim Pioniermanöver, immer hilfsbereit: Das ist Sebastian Schneider. Wir alle wissen
aber auch, daß Sebastian seine Schwächen hat: Er träumt am hellichten Tag und hält nur wenig von der Mathematik. Kundschafter und Doktoren müssen nicht rechnen können, meinte er bisher."
Alle schauten zu Sebastian, der in seiner Bank immer kleiner geworden war und rot und nicht wußte wohin er schauen sollte.
Jetzt lächelte Herr Kliemann. „Aber in der gestrigen Arbeit, die wirklich nicht leicht gewesen ist, hat Sebastian gezeigt, daß und wie er rechnen kann. Vielleicht erklärst du uns, wie du das geschafft hast. Das könnte einigen anderen helfen."
„Das weiß ich auch nicht", flüsterte Sebastian. „Ich brachte eben auf einmal alles. Ich glaube, das kleine grüne Kästchen ist schuld. Es wurde..."
Die anderen Worte gingen im Gelächter der Klasse unter. Auch Herr Kliemann schmunzelte.
„Na klar!" rief Sebastian jetzt laut. „Ich habe es vorgestern gefunden! Hier ist es doch!"
Er wühlte in seinen Hosentaschen, brachte einige Nägel zum Vorschein, den gummiverklebten Bindfaden, das Taschenmesser. Dann war die Tasche leer. Und die Klasse lachte. Herr Kliemann schüttelte den Kopf. Die Tasche aber blieb leer.
Sebastian trottete an seinen Platz. Als er sein Heft aufschlug, glaubte er fast, eine Vier unter der Arbeit zu sehen. Aber da stand sie, groß und rot wie gedruckt. die Eins.
Sebastian verstand die Welt nicht mehr. Was war das nur für ein merkwürdiger grüner Kasten gewesen? Wo war er hin? Mit der Eins hatte er ihm jedenfalls was Schönes eingebrockt. Nun mußte er in der nächsten Arbeit seinen Ruf verteidigen, er mußte sich anstrengen und ernsthaft lernen. Sebastian wußte, daß es ab sofort keine fremde Hilfe mehr gab. Das grüne Kästchen war verschwunden.
Er bekam einen Stoß in den Rücken. „Gratuliere«, flüsterte Lutz. Dein Schwein möchte ich haben.
„Von wegen Schwein«, flüsterte Sebastian zurück. „Gepaukt habe ich!" Er glaubte schon fast selbst daran.
Der verflixte grüne Kasten. Wer ihn wohl gerade jetzt finden mochte?
Frank Petermann