... und auf dem dritten Kreis ein Menschenpaar

Aron Livet zog das Flugzeug in eine weite Schleife. Jetzt spürte er wie die starke Thermik unter die Tragflächen griff, die grazile Maschine energisch nach oben drückte. In wenigen Sekunden hatte er achtzig, neunzig Meter gewonnen.

 

Als er sich zu seinem Kopiloten umdrehte, lächelte er glücklich. "Das bringt uns fast eine Stunde Flugzeit mehr!" rief er laut und übertönte das in die Kanzel dringende Pfeifen des Windes.

 

Hinter ihm saß, fest angeschnallt, Amena. "Aron", sagte sie. "Ich bin mitgeflogen, weil ich mit dir reden will. Ungestört."

 

"Das kannst du doch", sagte Aron über die Schulter. "Fang ruhig an mit deinem Vortrag über Psychologie. Ich höre dir zu."

 

"Nein, du hörst mir nicht zu. Es ist wie immer in der letzten Zeit. Ich möchte mit dir reden, und du bist ungemein beschäftigt, mit irgendeinem alten Buch, mit einem Integre-Baustein, mit deinen Fingern oder, wie eben jetzt, mit einer ungemein wichtigen Thermik. Und wenn du noch drei Stunden Flugzeit gewinnen würdest: Ich will nicht mehr. Ich habe es satt, mit einem Mann zusammenzuleben, der nur irgendwelche Aufwinde kennt. Seit vier Wochen hast du mir nicht ein Wort von eurem Biotron erzählt. - Halt! Was soll denn das?"

 

Amena war es, als hinge ihr Magen irgendwo unter der durchsichtigen Kanzel. Trotz der Gurte hielt sie sich krampfhaft am Schalensessel fest. Als sie den Kopf zur Seite wandte, sah sie ganz kurz die Gebäude des Flugplatzes, dann waren sie wieder spurlos verschwunden. Dafür erblickte Amena den azurblauen Himmel, danach die Stadt fern am Horizont, schließlich noch einmal den Flugplatz. Das Pfeifen des Windes war zu einem

 

unangenehmen Knattern geworden. Aron hatte das Segelflugzeug über die eine Tragfläche abkippen lassen. Steuerlos trudelte die leichte Maschine nun schneller und schneller zur Erde zurück.

 

Aron drehte sich um und lachte. "Schneller kann ich wirklich nicht runter."

 

Amena blickte noch einmal hinaus und sah, wie nahe die Flugplatzgebäude schon waren. Ruhig sagte sie: "Willst du nicht endlich stabilisieren?"

 

"Nein! Ich habe den Autopiloten eingeschaltet."

 

In diesem Augenblick begannen ihre Körper an den Gurten zu zerren, und gleich darauf gab es wieder ein Oben und ein Unten. Sie spürten die Beschleunigung des Notmotors, und fast gleichzeitig setzte das Flugzeug auf und glitt langsam aus.

 

Amena holte tief Luft und blies sie hörbar aus. "Das war knapp", sagte sie. "Ist dein Autopilot nicht in Ordnung?"

 

Aron schüttelte den Kopf. "Ich habe ihn so eingestellt, dass er die Maschine zwanzig Meter über dem Boden abfängt. War wohl zuviel für dich?"

 

' ' An deine Kunststücke habe ich mich gewöhnt. In letzter Zeit suchst du dir oftmals nur sehr unpassende Gelegenheiten für sie aus." Sie ließ eine kleine Pause entstehen und fügte dann hinzu: "Aron, ich muss mit dir reden! Es geht so nicht weiter. Wann willst du mir endlich sagen, was mit dem Biotron los ist?"

 

"Gar nicht", erwiderte er kurz und schob die Kanzel zurück. "Jedenfalls nicht heute und morgen." Dann sprang er mit einem Satz auf den griffigen Plastbelag des Flugplatzes. "Komm schon, steig aus", rief er ungeduldig. "Ich muss noch einmal ins Institut."

 

Amena sah ihn erstaunt an. "Auf einmal? Eben warst du froh über eine Stunde gewonnene Flugzeit!"

 

,' Ich hatte vergessen, dass Viktor auf mich wartet."

 

"Viktor, lass mich für dich einspringen!" rief Aron, noch an der Tür. Er war sich bewusst, wie seltsam das klingen mochte. Sie waren drei Biotronpiloten, und jeder hatte seinen exakten Zeitplan.

 

"Was ist denn in dich gefahren?" Viktor schüttelte den Kopf. "Es sind noch genau elf Minuten, dann muss der Kontakt aufgenommen sein. Was ist also los?"

 

"Eigentlich bin ich ja morgen erst... Aber Amena..., sie setzt mir zu ... Ich muss mich morgen um sie kümmern. Ich dachte, du..."

 

Viktor lachte laut. "Du hättest gleich sagen können, dass du tauschen willst. Weshalb bist du nicht eher gekommen? Los, beeile dich! Jetzt sind es noch zehn Minuten."

 

In Sekundenschnelle hatte Aron die Kleider abgestreift und aus seinem Schrank die Kombination gezogen. Bald schmiegte sich das hauchdünne Gewebe an seinen Körper. Viktor stand dabei und schüttelte den Kopf. "Du hättest zum Katastrophendienst gehen sollen. Dort braucht man solche schnellen Leute. - Die Perücke!" sagte er dann und zeigte auf Arons Kopf.

 

Aron packte seinen Schopf und nahm ihn ab wie einen Hut. Darunter kam sein Schädel zum Vorschein, spiegelglatt rasiert.

 

"Es wird Zeit, dass du reingehst", meinte Viktor. "Sie werden schon warten."

 

Ohne ein Dankeschön, ja ohne auch nur noch einen Blick an Viktor zu verschwenden, schritt Aron auf die zweite Tür des Raumes zu, die sich schnell und geräuschlos vor ihm öffnete, ihn einließ, um sich dann fast hastig zu schließen.

 "Aron?" fragte Obo Staudt, der Leiter der Kontaktaufnahme, erstaunt. "Der Dienstplan weist heute Viktor Tanjew aus. Was ist los?"

 Aron schaute zu dem quadratmetergroßen Bildschirm, der jetzt hell wurde und farbig und dreidimensional Obo Staudts Bild zeigte. "Wir haben kurzfristig getauscht", antwortete Aron. "Ich habe morgen etwas Dringendes vor."

 "Nun mach schon!" brummte Obo. "Wenn das wieder vorkommt, dann gebt die Änderung rechtzeitig bekannt, sonst ist nach drei Wochen der Teufel los." 

Aron ging zur Mitte des kreisrunden Raumes. Hier schwebte, festgehalten in einem Antigravfeld, eine flache Metallplatte, der Resonator des Biotrons. Aron setzte sich auf den Rand der Scheibe, die sanft zu schwingen begann. Es war ein eigenartiges Gefühl, als sein Körper schwerelos wurde, während seine Beine noch immer ihr volles Gewicht hatten. Er hatte den Eindruck, er würde langsam immer weiter in die Länge gezogen - ohne dass das unangenehm war. 

"Nun mach schon!" rief Obo jetzt ungeduldig. "Ihr seid alle gleich! Gestern kam Emery sogar fünf Minuten eher, nur um sich auf den Rand zu setzen und die Beine baumeln zu lassen. Muss es direkt selbst mal probieren."

 Aron hatte sich jetzt lang und ganz flach auf die Scheibe gelegt. Von irgendwoher erklang eine melodische Tonfolge, die einige Sekunden nachhallte. Eine angenehme Stimme begann einfühlsam zu sprechen, wurde dann monoton. "Sie liegen ruhig, ganz entspannt. Sie sehen einen tiefblauen Himmel, klar und ohne eine Wolke. Zwei weiße Tauben fliegen hoch über Ihnen. Sie denken nur an diesen blauen Himmel und an diese weißen Tauben. Ihre Glieder werden schwer und schwerer, Sie denken an nichts. Es wird Ihnen angenehm warm. Sie fühlen sich leicht, leicht, leicht..."

 Ein leises Summen tönte, und die Platte unter Aron senkte sich bis hinab zum Boden. Aron schwebte unbeweglich, langausgestreckt im Antigravfeld. Seinen Körper spürte er nicht mehr, er nahm jedoch überdeutlich wahr, was um ihn herum geschah. Aus den Lautsprechern klangen melodische Klimpertöne. An dem

 -leisen Luftzug merkte er, dass die Manipulatoren ihm jetzt den speziell seiner Kopfform angepassten Elektrodenkorb über den Kopf schoben. Von oben senkte sich -eine weitere metallene Scheibe herab und verharrte so, dass sich Aron in der Mitte der beiden Platten befand. Aus dem Boden erhob sich ein gläserner, die beiden Scheiben genau umspannender Mantel und schirmte die Umwelt völlig ab. Das graue Dämmerlicht schwand, bis völlige Finsternis herrschte. Nur über sich in der Deckplatte sah Aron ein fluoreszierendes Schimmern. In feinen, kaum wahrnehmbaren Linien hatte man dort die Sonne und die zehn Planetenbahnen eingraviert. Auf der dritten Bahn kreiste kein Planet, sondern ein stilisiertes Menschenpaar - links eine Frau, rechts ein Mann - Symbol irdischen Lebens.

 Gleich wird es geschehen, dachte Aron. Wenn es doch schneller ginge! Hier in der Biotronkammer dehnten sich die Sekunden zu Stunden. Nicht einmal am Schlag des Herzens konnte er die Zeit abschätzen, denn er hatte keinen Körper mehr. Nur seine Gedanken schwebten hier in der dunklen Kammer, drängten hinaus ins All!

 

Aron spürte ein Prickeln, angenehm wie Sekt auf der Zunge, dann einen leichten Schmerz. Endlich hatte er seinen Körper wieder! Um ihn herum sein ureigenstes Element, das Weltall, angefüllt mit Materie, Energie und Zeit. Aron glitt auf einem Bogen dahin, der Krümmung des Raums folgend. In rascher Folge setzte er seine Sensoren ein. Dann hatte er die Bestätigung: Der Fusionsmotor arbeitete ruhig. Die Sammler lieferten genügend intergalaktischen Wasserstoff, die Reserve war noch nicht angetastet. Das Wichtigste: Er war auf dem richtigen Weg.

 

Spielerisch erhöhte er ein wenig die Zufuhr des galaktischen Wasserstoffs. Sofort wuchs die Beschleunigung. Er reckte sich, fühlte sich wohl bei einer Temperatur von drei Grad Kelvin, die seinen Titankörper umgab.

 

Ich bin das Raumschiff! jubelte es in ihm. Ich bin das Raumschiff und bin zu Hause!

 

Da schob sich langsam ein Bild in sein Bewusstsein, zehn konzentrische Kreise um einen großen Punkt, auf dem dritten Kreis ein Menschenpaar. Augenblicklich drosselte Aron die Beschleunigung auf das Normalmaß, und ruhig zog das Raumschiff wieder seine Bahn. Die Vernunft hatte erneut gesiegt. Aron begann

seinen Körper abzufragen. Er arbeitete schnell und präzise, ließ Ströme in die kleinsten Ecken und Spalten kriechen, mit vielen Bit beladen zurückkehren, saugte das Speicherhirn leer, bis er alles wusste über die vergangenen dreiundzwanzig Stunden. Dann gab er sich noch einmal dem Rausch hin, durchs All zu gleiten.

 

Solch ein Gefühl mochte ein Fisch haben, der nach fast vergeblichen Überlebensversuchen im Uferschlamm endlich in kristallklares Wasser geworfen wird. Was konnte es Schöneres geben für das Raumschiff als die angenehme Temperatur des Kosmos, als dessen energiereiche Strahlung, als das den Augen angemessene Licht, das ihm erlaubte, Billiarden Kilometer weit zu blicken!

 

Weit abseits, fast an der Grenze seines Sehbereichs, bemerkte Aron einen Schatten. Er war auf ihn nur aufmerksam geworden, weil irgendein Stern des hell strahlenden Hintergrundes plötzlich verschwunden war. Jetzt gab es Arbeit! Durch die Speicherkristalle und biotronischen Schaltgruppen, durch das Cerebrum des Raumschiffes zuckten Stromstöße. Schon wenig später wusste Aron: Der dunkle Fleck war ein Irrläufer, ein Stern im letzten Stadium, fast so klein wie der Erdenmond, jedoch zweitausend Sonnenmassen schwer. Auf seinem Weg durchs All konnte er dem Raumschiff gefährlich werden.

 Aron schreckte aus seiner Euphorie, legte blitzschnell den Kurs des Irrläufers mit seinem eigenen übereinander, berechnete vier oder fünf Varianten und vollführte das Ausweichmanöver. Langsam wanderte der bedrohliche Stern aus seinem Gesichtsfeld. Doch dann sah Aron erschrocken, wie die zehn konzentrischen Kreise immer näher kamen.

 Man holte ihn zurück, unaufhaltbar. Was war die eine Stunde? Eine Milliarde Kilometer durch den Raum. Eigentlich ein ganzes Leben.

 Im Dämmerlicht der Biotronkammer sank der gläserne Zylindermantel in den Boden. Danach hob sich die Metallscheibe mit dem symbolischen Planetensystem. Die untere Platte näherte sich dem reglos schwebenden Körper, bis sie wieder Unterlage war. Künstliches Licht begann den Raum zu erhellen, strahlte zuerst mattblau, dann gelb, Überflutete schließlich sonnengleich die kreisrunde Kammer. Die Manipulatoren schoben sich heran, nahmen Aron den Elektrodenkorb vom Kopf, glitten zurück in eine Nische. Ganz sanft erklang Musik, wurde lauter, ohne aufdringlich zu sein: ein Willkommen auf der Erde für den Wanderer zwischen den Sternen.

 

Aron erwachte. Er blinzelte ein wenig und reckte sich dann, dass die Gelenke knackten. Er blieb noch liegen, ließ die Musik in sich eindringen, spürte die Resonanz der Metallscheibe unter seinem Körper.

 

"Nun mach schon!" hörte er dann den bekannten Ausspruch Obo Staudts. "Ich will heute noch nach Hause."

 

 Aron richtete sich auf, rutschte zum Rand der Platte und sprang zu Boden. Diesmal hatte er die Folgen nicht bedacht. Die Schwerkraft riss ihn von den Füßen. Erst vor zwei Tagen hatte er gemeinsam mit Emery über Viktor gelacht, dem das gleiche widerfahren war. Nun schaute er selbst in das breit grinsende Gesicht des Versuchsleiters, der scheinbar extra deswegen den Bildschirm eingeschaltet hatte. Das waren Obos kleine Freuden, denn ihn hatte man nicht als Biotronpiloten zugelassen.

"Nun mach schon", brummte Obo wieder, aber er lächelte noch immer. "Du wirst draußen erwartet."

Aron schaute erschrocken zum Bildschirm. "Wer wartet?"

"Ich weiß nicht. Die Kontrollautomatik hat es mir nur durchgegeben. Nun mach schon", fügte er dann wesentlich ungeduldiger hinzu. "Guck mich nicht so bestürzt an!"

Der Bildschirm wurde dunkel, dann erschien wieder einmal das Planetensymbol, und Aron ging zur Tür.

Vor dem großen Panoramafenster stand Amena und wandte dem eintretenden Aron den Rücken zu. Von hier hatte man einen Ausblick über die Stadt und die nähere Umgebung. Das Fenster war stark nach außen gewölbt, so dass man die Landschaft ohne Behinderung betrachten konnte.

 

"Ich habe mich mit Viktor unterhalten", sagte Amena, ohne sich umzudrehen. "Und soeben hat Professor Fraenkel mit mir geplaudert." Ihre Wortwahl stand in krassem Widerspruch zu dem, was sie sagen wollte, und Aron spürte das und verstand sie sogar. Er lehnte an der Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte. Sein Gesicht und sein haarloser Schädel hatten sich zartrosa gefärbt. Aron war froh, dass Amena ihn nicht anschaute. Er ging zu seinem Schrank, zog das Trikot vom Körper und begann sich langsam anzukleiden.

"Aron", sagte Amena nach langem Schweigen. "Professor Fraenkel bat mich, dir mitzuteilen, dass morgen das Biotronkomitee zusammentritt. Emery, Viktor und du, ihr seid dazu geladen. Es werden auch Psychologen dabei sein."

Aron verharrte mitten in der Bewegung. Jetzt war in seinem Gesicht keine Spur von Schamesröte mehr zu sehen. Halbbekleidet, wie er war, ging er auf Amena zu und blieb vor ihr stehen. Seine Stimme zitterte ein wenig, als er sagte: "Und ausgerechnet du sollst mir das mitteilen. Dich hat er darum gebeten! Ganz zufällig hat er dich hier getroffen, hab ich recht?" Seine Worte waren voller Hohn. "Warum musst du dich wieder einmischen?"

"Ich liebe dich, Aron. Trotzdem und gerade jetzt." Sie ging an ihm vorbei. In der sich öffnenden Tür blieb sie stehen. Es sollte gleichgültig klingen, als sie sagte: "Ich bin zu Hause."

Dann war Aron allein. Er schüttelte den Kopf über sich, über Amena, den Professor und das Biotron, sogar über das Raumschiff, und er murmelte: "Verflucht, verflucht, verflucht-" Dabei zog er sich fertig an.

Nur wenige Meter vom Institutsgebäude entfernt befand sich eine Station der Stadtschnellbahn. Alle zwei Minuten hielt hier ein Zug, öffnete seine Türen für zwanzig Sekunden und schoss dann durch den finsteren Tunnelschacht in Richtung Stadtzentrum davon. Auf dem Bahnsteig warteten nur wenige Menschen. Aron wurde auf eine Gruppe sehr junger Leute aufmerksam, die ihm entgegenstarrten, miteinander tuschelten und dann fröhlich lachten. Aron fühlte sich unsicher und fürchtete, wieder rot zu werden. Was hatte er Lächerliches an sich?

 

Ein Zug fuhr ein. Zischend kam er zum Stehen und huschte, ehe Aron sich besonnen hatte, wieder in den Tunnel. Aron stand allein in der Halle und wartete auf den nächsten Zug. Überdeutlich hatte er den kühlen Luftzug am Kopf gespürt. Er hatte doch tatsächlich vergessen, die Perücke aufzusetzen. Kein Wunder, dass sich die jungen Leute über ihn amüsierten. Es geht so mit mir nicht weiter, dachte Aron. Alle drei Tage bin ich für sechzig Minuten der Beherrscher des Weltalls, danach für einundsiebzig Stunden ein lächerlicher Trottel oder ein unleidlicher Egoist, je nach Situation. Und morgen... Es überlief ihn siedendheiß bei dem Gedanken an das Konsilium. Er nahm sich vor, Amena zu fragen, was der Professor von ihm wollte.

 

Als Aron in den nächsten Zug eingestiegen war, hörte er eine leise Stimme seinen Namen rufen. Hielt ihn wieder jemand zum besten? Er schaute sich suchend um und entdeckte in dem nur halbbesetzten Wagen Emerys zierliche Gestalt. Emery war aufgestanden und kam ihm entgegen. Um ihre Lippen spielte ein erstauntes Lächeln. Samtschwarzes Haar lag ihr bis auf die Schultern und bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrem zarten Gesicht.

 Aron, wo kommst du um diese Zeit her?" fragte sie.

 "Direkt vom Rande der Galaxis", sagte er mechanisch die altbekannte Floskel her.

 "Heute war doch Viktor dran", erwiderte Emery erstaunt. 

"Wir hatten getauscht. - Aber wohin fährst du um diese Zeit?"

Emery schaute ihm in die Augen, und fast flüsternd sagte sie. "Ich möchte sagen können, zum Rande der Galaxis. Aber ich fahre nur die dritte Runde mit der Stadtbahn. Stell dir vor, alle diese Leute hier haben ein Ziel, immer. Ich habe in zweiundsiebzig Stunden nur sechzig Minuten lang ein lohnendes Ziel." Sie lehnte sich an ihn, und tröstend umfasste er sie. "Weshalb trägst du keine Perücke?" fragte sie dann.

 "Ich habe sie vergessen. Weißt du vom morgigen Biotronkonsilium?"

 "Ja. Seitdem sitze ich in diesem Wagen." Emery schaute ihn bedrückt an. "Ich fürchte, man wird uns nicht mehr in den Raum lassen, dich und mich. Viktor regt sich nicht so auf wie wir, er ist der geeignete Biotronpilot. - Wo willst du jetzt hin?"


 Aron dachte an Amena, an ihre bohrenden Fragen. Sie würde seine Antworten nie verstehen. Hier war ein Mädchen, eine Frau, die seine Fragen und Sorgen verstand, die dasselbe Glück wie er erlebt hatte - und vielleicht nie mehr erleben würde.

 "Ich wollte zu dir, Emery", sagte er und schaute ihr in die Augen. Sie verstand ihn auch jetzt und antwortete mit einem Blick auf die elektronische Anzeige: "Da müssen wir die zweite Station aussteigen."

 "Ich weiß", sagte Aron.

 Die Konferenzteilnehmer hatten Platz genommen, und Professor Fraenkel begann zu sprechen. Aron hörte kaum zu. Er fühlte sich wie vor einem Tribunal, denn Emery, Viktor und ihm hatte man gesonderte Plätze zugewiesen, seitlich vom Präsidium. Sicherlich war das eine Ehrenloge, aber Aron sah sich auf der Anklagebank. Besonders nach dem Abend mit Emery, die links von ihm saß, fühlte er sich befangen.

 Unauffällig versuchte er sich im Saal umzusehen, was von seinem Platz aus fast unmöglich war. Dort saßen die Versuchsleiter, Obo Staudt, Vena Kramer und Jerek Iqbal, die Techniker Halit Ziya und Lars Gyllensten, viele Assistenten, die Aron nur vom Sehen kannte, Wissenschaftler des Instituts und einige Fremde, die wohl die Psychologen sein mochten. Als Aron unter ihnen Amena erkannte, wurde sein Blick starr. Amena, seine Amena, war auch hinzugezogen worden. Deshalb hatte sie gestern über dieses Konsil so gut Bescheid gewusst, vielleicht schon im Segelflugzeug. All seine Gewissensbisse waren mit einem Schlag hinweggefegt. Nur gut, dass er bei Emery einige Stunden des Vergessens gefunden hatte. Amena würde ihn heute verraten, würde ihm den Weg ins All für immer verbauen, weil sie Furcht hatte, ihn an das Raumschiff zu verlieren. Aber es gab nicht nur Amena! Neben ihm saß Emery, und es war noch nicht lange her, dass sie gemeinsam in ihrem Antigravbett die Umwelt und sogar das Raumschiff vergessen hatten.

 

Aron beschloss zuzuhören. Er war neugierig, seine eigene Psyche seziert zu sehen.

 

"... denn das Unternehmen Passant', das wichtigste seit Menschengedenken, erreicht in Kürze seinen Höhepunkt. In etwa zwei Wochen erfolgt die Annäherung an das außergalaktische Objekt Black alpha, das erste und bisher einzige Schwarze Loch, das die Wissenschaft nachweisen konnte. Ich werde jetzt nicht näher auf Gustav Naans Theorie aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert eingehen. Sie alle wissen, wie er mit Hilfe mathematischer Modelle, deren Eleganz uns noch heute in Erstaunen versetzt, nachzuweisen suchte, dass die damals nur hypothetischen Schwarzen Löcher sogenannte Tunnel zur Antiwelt darstellen. Sie wissen auch, dass sich unsere Wissenschaft heute mehr denn je zu dieser Theorie bekennt. Vor dreißig Jahren, nach der erfolgreichen Erprobung des Biotrons, wurde dann das Unternehmen Passant' gestartet, und ich brauche niemanden an den ersten Biotronpiloten Enrico Loy zu erinnern, dessen Name würdig neben dem Juri Gagarins steht."

Der Professor machte eine Pause und fuhr dann fort: "Aber gerade jetzt, gegen Ende des Unternehmens, häufen sich die Schwierigkeiten. Nicht mit dem Biotron, nicht mit dem Raumschiff. Das Biotron überbrückt die ungeheuren Entfernungen so leicht, wie wir es vorausgesagt haben. Die Menschen bereiten uns Kummer, die Biotronpiloten."

 

Durch den Saal lief ein Raunen, alle Blicke richteten sich auf die Frau und die beiden Männer, die dicht nebeneinander saßen. Aron bemühte sich, unbefangen vor sich hin zu blicken, aber es gelang ihm nur schlecht.

 

Professor Fraenkel sprach weiter: "Je mehr die Entfernung von der Erde wuchs, desto sichtbarer wurden gewisse Symptome. Die Gefahr wird immer größer, daß irreparable Schäden bei den Biotronpiloten auftreten. Wir müssen heute und hier entscheiden, ob das Projekt ,Passant' nach dreißigjähriger Arbeit abgebrochen wird oder ob wir es gefahrlos zu Ende bringen können."

 

Aron saß wie erstarrt. So schlimm stand es? Das Projekt fallen lassen? Dreißig Jahre Arbeit vergeblich? Das konnte man doch nicht zulassen! Gleichzeitig bemerkte er jedoch, dass er eigentlich nur Angst hatte, nie wieder durchs All jagen zu dürfen, nie wieder den Rausch der unbegrenzten Kraft zu erleben. Wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, jetzt zum erstenmal seit langem wieder an das Ziel Black alpha gedacht zu haben.

 Die Versuchsleiter meldeten sich zu Wort, berichteten von der Makellosigkeit der Technik bei den Kontaktaufnahmen, von der Zuverlässigkeit, mit der Piloten ihre Aufträge erfüllten, obwohl eben doch des öfteren die Gefahr des Ausbrechens bestehe. Man habe aber die Situation immer im Griff gehabt.

 Die Techniker legten Kurstabellen vor, Diagramme über den Energieverbrauch, Zeichnungen von besonders belasteten Teilen des Raumschiffes sowie exakte Analysen jeder Kontaktaufnahme des letzten Jahres.

 Der Psychologe des Instituts, Igor Jadew, sprach zur psychologischen Ausgangssituation der drei Biotronpiloten und ließ sich dann lang und breit über die Anfälligkeit von Eidetikern in Stressperioden aus.

 

Aron verstand nur die Hälfte. Das alles war doch nur wissenschaftliches Vorgeplänkel. Zur Sache war noch keiner gekommen.

 

"wo liegt nun ganz konkret die Gefahr für die Biotronpiloten?" Mit dieser rein rhetorischen Frage leitete Igor Jadew zum wichtigeren Teil seines Beitrages über. "Wir müssen befürchten, dass sich die Piloten während der Kontaktaufnahme so stark von ihrer Existenz lösen, die Bewusstseinsspaltung so intensiv und die Identifikation mit dem Raumschiff so absolut wird, dass wir sie nicht mehr zurückholen können. Denn Ihnen ist bekannt, dass die Rückschaltung, der Abbruch des Kontaktes, ebenfalls vom Willen der Biotronpiloten abhängt. Nur ihre trotz allem sehr starke Bindung zur Erde hat uns bis jetzt vor einem Fiasko bewahrt.--

 Der Meinungsstreit wogte hin und her, auch Viktor meldete sich zur Diskussion, doch Aron hatte erneut völlig abgeschaltet. Plötzlich aber strafften sich seine Muskeln, er richtete sich auf. Amena sprach, und was sie sagte, verblüffte ihn. Das hatte er zuallerletzt von ihr erwartet.

 Amena berichtete, wie genau sie Aron Livet beobachtet habe, seit sie von Professor Fraenkel damit beauftragt worden sei. Die Bedingungen für eine umfassende tiefenpsychologische Sondierung seien äußerst günstig gewesen. Ihrer Meinung nach lägen bei Aron Livet lediglich Symptome einer übergroßen nervlichen Belastung vor. 

Sie erzählte von den gewagten Segelflügen Arons, von seinen Korrekturen am Autopiloten, von der immer häufiger auftretenden Zerstreutheit. Schuld daran sei ihrer Ansicht nach der ständige Wechsel zwischen höchster nervlicher Beanspruchung und fast dreitägiger Untätigkeit unter ständiger Erwartungsspannung.

 Aus dem Saallautsprecher tönte ein Dreiklang, dann die Stimme des diensthabenden Versuchsleiters Eino Lee: "Zeit der Kontaktaufnahme, Aron Livet zur Kontaktaufnahme, Aron Livet zur Kontaktaufnahme!"

 Aron schaute Viktor an. Eino konnte vom Tausch am Vortag nichts wissen, davon stand nichts in seinem Dienstplan. Viktor wäre jetzt an der Reihe, aber Aron war, hörbar für alle, auf gerufen worden. 

Eino mochte den Saal über TV einsehen, denn seine Stimme erklang erneut: "Aron Livet zur Kontaktaufnahme, Kontakt in zwanzig Minuten fällig!"

 Aron schaute zu Professor Fraenkel, der ihm ungeduldig zunickte. Hatte er den Tausch vergessen? Unter den vorwurfsvollen Blicken der Wissenschaftler ging er hastig zum Ausgang. Er drehte sich noch einmal um und erhaschte das vertrauende Lächeln Amenas.

 Als Aron diesmal aus der Biotronkammer trat, wartete niemand auf ihn, und er war froh darüber. Der Kontakt war planmäßig verlaufen, aber Aron hatte nicht wie sonst Freude dabei empfunden. Ständig hatte er die zehn konzentrischen Kreise gesehen. Auf dem dritten Kreis schienen sich Amena und Emery an den Händen zu halten. Wahrscheinlich hatte er seine Aufgaben an diesem Tag nur schlecht erfüllt. Er war nicht einmal damit fertig geworden, alle Baugruppen abzufragen. Immerhin hatte er eine zunehmende Dichte der Energieteilchen festgestellt.

 Eino hatte ihn ohne ein Wort entlassen. Auch auf die Frage nach dem Ausgang der Beratung hatte Aron keine Antwort erhalten.

 Aron blickte in den Spiegel, bevor er den Gang betrat. Zerstreutheit wollte er sich nicht nachsagen lassen. Dabei hatte er manchmal vor der Tür zur Biotronkammer gestanden und nicht gewusst, ob der Kontakt vor oder hinter ihm lag.

 Auf dem Flur kam ihm Viktor Tanjew entgegen und fragte lächelnd; "War alles in Ordnung?"

 ,Ja. Entschuldige, Viktor, ich wollte nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen, deshalb habe ich mich erneut vorgedrängt...", begann Aron, wurde jedoch sofort von Viktor unterbrochen.

 "Ist schon gut. Du weißt, dass mich so ein Kontakt nicht so aufregt wie dich und Emery."

 "Ich bewundere deine Gelassenheit. - Was ist denn nun beschlossen worden? Wird das Unternehmen abgebrochen?"

 "Wo denkst du hin. Du hättest den ökonomischen Direktor hören sollen!"

 Aron atmete auf. "Sind wir nicht mehr gefährdet, weil die Ökonomie es will?" fragte er dann spöttisch.

 "0 doch", antwortete Viktor im gleichen Tonfall. "Allerdings wird die Gefahr um genau die Hälfte reduziert." 

"Wie meinst du das?"

 "Ab sofort wird nur noch alle achtundvierzig Stunden Kontakt aufgenommen. Du hast also zwischendurch sechs Tage frei. Vier davon wirst du dich zwar einer Spezialbehandlung unterziehen müssen, dafür soll dann aber jeder Kontakt zwei Stunden dauern. Du verlierst nichts und gewinnst alles."

 Aron schüttelte den Kopf. Er war sich nicht klar darüber, ob der Beschluss vorteilhaft war oder nicht.

 Viktor, der Arons ratloses Gesicht sah, lachte und sagte dann tröstend: "Und weißt du, wem wir diese Ehrenrettung in letzter Minute zu verdanken haben?" Er ließ eine kunstvolle Pause entstehen und schmetterte den Namen dann wie ein Fanfarensignal heraus: "Amena Pippin! - Nun mach, dass du nach Hause kommst!" fügte er hinzu. 

Die Energieteilchen wurden von Tag zu Tag zahlreicher und bildeten einen Sog. Trotz der mit Volllast laufenden Bremstriebwerke verringerte sich die Geschwindigkeit des Raumschiffes nicht. Die Teilchen lagen auf demselben Kurs und rissen den Boten der Erde mit sich fort. Jetzt erst zeigte es sich, wie recht die Wissenschaftler gehabt hatten, die vor einer bemannten Expedition zu Black alpha gewarnt hatten. Gustav Naans Theorie war bereits zur Hälfte in der Praxis bewiesen - Durch Schwarze Löcher findet der Energieaustausch zwischen entgegengesetzten Welten statt.

 Die Zielankunft stand unmittelbar bevor. Black alpha war zwar vom Raumschiff aus noch nicht zu sehen, wohl aber deutlich zu spüren.

 Amena lehnte sich zurück. Die Augen hielt sie noch geschlossen. Um ihre Mundwinkel hatten sich tiefe Furchen gegraben. Langsam setzte sie den Elektrodenhelm ab, dann schaute sie Aron an, der ihr gegenüber saß, und in ihren Augen war Furcht zu lesen. "Das erlebst du jetzt jeden Tag zweimal zwei Stunden", sagte sie.

 "Ja", antwortete Aron nur. Die letzten zwei Wochen waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Als sich die Lage zuspitzte, war die Arbeit im Raumschiff trotz der Proteste der Psychologen intensiviert worden. Amena hatte sich eben die geraffte Aufzeichnung von Arons neuestem Kontakt überspielt. Die Biotronpiloten erlebten den gnadenlosen Sog unmittelbar. Es war ihr Körper, der sich dem riesigen Magnetstrudel entgegenzustemmen versuchte und dabei die letzten Kraftreserven mobilisierte.

 "Was meint Professor Fraenkel, wie lange es noch dauern wird?" fragte Amena.

 Aron hob die Schultern und ließ sie erschöpft fallen. "Er weiß im Moment noch weniger als wir. Mit solchen Erscheinungen hatte niemand gerechnet. Trotzdem ist es schön da draußen. Begreifst du das?"

 "Ich versuche es jedenfalls. Ich glaube aber nicht, dass ich es jemals völlig verstehen werde."

 Aron blickte Amena an, und Mitleid überkam ihn. Dann musste er wieder anEmery denken, an den Abend vor jener denkwürdigen Beratung. Es war ein schöner Abend und eine herrliche Nacht gewesen, und er hatte es Amena nicht verschweigen dürfen.

 "Du denkst an Emery", sagte Amena, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.

 Aron nickte verlegen. Mit einer Psychologin zusammenzuleben brachte so seine Probleme mit sich.

 "Ich werde uns jetzt ein reichhaltiges Menü kommen lassen, und dann nehmen wir ein Erfrischungsbad. Einverstanden?"

 Aron hatte nichts dagegen. Er war es gewöhnt, dass sie diese Dinge für ihn plante.

 Amena war aufgestanden. Sie stellte sich hinter ihn, fasste mit beiden Händen unter sein Kinn und flüsterte ihm ins Ohr: "Nach dem Bad will ich dich haben. Vielleicht sogar noch vorher."

 "In vier Stunden muss ich im Institut sein", gab er zu bedenken. "Du hast recht", antwortete sie lachend. "Da müssen wir uns beeilen - mit dem Essen."

 Im Institutsgebäude war solcher Betrieb, dass sich einige Türen überhaupt nicht mehr schlossen, weil ständig irgend jemand hindurchging. Noch vor wenigen Tagen war man hier stundenlang keiner Menschenseele begegnet.

 Aron betrat den Vorraum zur Biotronkammer. Eine ganze Delegation erwartete ihn: Professor Fraenkel, Igor Jadew, Vena Kramer, ein Minister und seine Begleitung.

"Was ist denn hier los?" fragte Aron und reichte dem Professor die Hand.

 "Das ist Aron Livet, der Biotronpilot, der jetzt den Dienst übernimmt", sagte Professor Fraenkel , an den Minister gewandt. "Minister Mahalla", stellte er dann den großgewachsenen Fremden vor. "Aron", fuhr er fort, "wahrscheinlich wird es während Ihres Kontaktes soweit sein. Inzwischen sind alle TV-Stationen der Welt in Direktschaltung angeschlossen. Auch der Verwaltungsrat hat einen offiziellen Vertreter entsandt."

 "Ich beglückwünsche Sie zu dieser ehrenvollen Aufgabe, Aron Livet. Wir sind stolz auf Sie, auf Emery Ney und auf Viktor Tanjew..."

 Sicher wollte der Minister noch viel mehr sage!', aber Aron nutzte die kleine Pause, um zu murmeln: "Ich muss mich umziehen. Und wie ehrenvoll unsere Aufgabe ist, das werden Sie sicher zu einem kleinen Teil am TV-Schirm erleben."

 Er ging zu seinem Schrank, zog die Kombination heraus, nahm die Perücke ab und begann sich zu entkleiden. Professor Fraenkel erklärte dem Minister etwas, aber Aron versuchte nicht zuzuhören. Die Schiebetür glitt auf, und Emery kam aus der Biotronkammer. Lars Gyllensten stützte sie. Emery war noch blasser als sonst. Tief lagen ihre Augen in den Höhlen, von dunklen Rändern umgeben. Mit ihrem kahlrasierten Schädel sah sie jetzt, nach der fast zweistündigen Kontaktaufnahme, grauenerregend aus. Sie ging auf Aron zu und blieb vor ihm stehen.

 "Geh nicht, Aron!" flüsterte sie. "Es ist grässlich. Ich kann mich nicht mehr halten, ich werde immer schneller, rasend schnell in diesen entsetzlichen Strudel gezogen. Meine Außenhaut ist von Blitzen, von elektrischen Entladungen umgeben. Ich hab getan, was ich konnte. Das All ist nicht mehr schwarz. Das All ist von glänzendem Weiß. Nicht Black alpha heißt das Ziel, sondern Withe alpha."

 Igor Jadew fasste Emery sanft am Arm und führte sie gemeinsam mit dem Techniker hinaus. Professor Fraenkel begleitete den Minister und dessen Gefolge in den TV-Raum. Vena Kramer sagte noch: "Obo Staudt hat Dienst. Es wird schon schief gehen." Dann verließ auch sie den Vorraum.

 Aron war fertig und schaute auf die große Digitaluhr über dem Eingang zum Biotron. Nur noch wenige Minuten blieben ihm, dann würde er in einem Augenblick die riesige Entfernung bis zum Raumschiff überbrücken. Das Biotron ermöglichte die Steuerung des Raumschiffes über unvorstellbare Entfernungen. Aron Livet würde jetzt das Raumschiff nach dreißigjähriger Flugzeit zum Ziel bringen. Würde er die von Gustav Naan vorausgesagte Antiwelt finden?

 In der Biotronkammer war dann alles so alltäglich, weil viele hundertmal erlebt. Aron fühlte nicht das Erhebende, das Ge

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 mochten.

 Wie jedes mal setzte er sich erst vorsichtig auf den Rand der schwebenden Scheibe. Wie auf Kommando kam Obos Hinweis: "Nun mach schon! Wir haben heute noch weniger Zeit als sonst." Neu war lediglich, dass Obo weitersprach: "Emery hat ein ziemliches Chaos hinterlassen. Hoffentlich kriegst du das wieder hin."

 Aron gab keine Antwort. Was hätte er auch sagen sollen. Er legte sich flach auf die Metallplatte und wusste, dass Amena ihm zuschaute. Die Hypnoseautomatik hatte es dann allerdings nicht leicht mit ihm. Länger als gewöhnlich drang die Stimme auf ihn ein, bis die Apparaturen den optimalen Zustand seines Willens registrierten. Dann nahm Aron nichts mehr wahr als die zehn konzentrischen Kreise und auf dem dritten Kreis ein Menschenpaar. Schließlich kam der bekannte Schmerz, und Aron war im All.

Augenblicklich spürte er die Veränderungen seit dem letzten Kontakt. Der Begriff "Chaos" vermittelte nur ein blasses Bild der Vorgänge. Das Raumschiff tanzte auf einer Energiewoge. Das Weltall war von gleißendem Licht erfüllt. Das Raumschiff raste inmitten einer Sonne dahin. Das Weltall schien sich selbst zu vernichten. Das Raumschiff loderte als brennende Fackel im Malstrom der Energien. Weltall und Raumschiff waren eins geworden.

 All das nahm selbst das größte Teleskop der Erde nicht wahr. Und doch tobte dieser Malstrom, seit das All bestand.

 Aron versuchte nicht mehr, sich diesem Strom entgegenzustellen. Er musste überleben in diesen entfesselten Energien. Alle Kraftreserven verwendete er, um sich abzukapseln, sein Hirn und sein Herz zu schützen. Das All durfte die Titanhaut nicht durchstoßen; das wäre das Ende gewesen.

 Bei all seinen Handlungen, die f ast instinktiv auf Selbsterhaltung gerichtet waren, sah er unterschwellig das Symbol des Lebens, die zehn konzentrischen Kreise. Jederzeit konnte er zurück, und er war sich dessen bewusst.

 Aron wusste plötzlich, dass er sich mitten in Black alpha befand. Seltsame Dinge gingen in seinem Körper vor, und er konnte sie weder erklären noch beeinflussen. Der Zeitablauf schien durcheinander zu geraten. Er begann sich plötzlich selbst zu sehen. Wie auf einer Röntgenaufnahme erblickte er seine innere Struktur bis hin zu Atomen, sah Elektronen um Kerne kreisen, langsam, immer langsamer, bis sie erstarrten. Auch die rasenden Energien draußen waren eingefroren. Stagnation um ihn bis in die Elementarteilchen. Wo blieb die Bewegung, Eigenschaft der Materie, Gesetz des Weltalls?

 Endlich konnte er aufatmen. Die Welt setzte sich wieder in die Angeln. Seine Geräte zeigten das gewohnte Tosen der Energien an. Auch das Zeichen der Erde war da, er hatte kaum bemerkt, dass es eine Zeitlang fehlte. Aber der Kurs! Was war mit dem Kurs des Raumschiffes? Obwohl es der Energiestrom mitriss, lag vor ihm die Schwärze des Alls. Was war geschehen, dass das Raumschiff zurückflog? Wann war das geschehen?

 Hell schob sich in sein Bewusstsein das Symbol der zehn konzentrischen Ringe und auf dem dritten erblickte er das Menschenpaar. Aron freute sich, dass er zurückgerufen wurde, und er achtete nicht darauf, dass Mann und Frau auf dem dritten Kreis die Plätze getauscht hatten. Willig folgte er dem Befehl zur Rückkehr auf die Erde. 

Die Techniker und die Versuchsleiter stürzten mit entsetzten Gesichtern in die Biotronkammer. Das Geschehene widersprach jedem Naturgesetz. So etwas konnte es nicht geben, das war unmöglich.

 Als es hell geworden war, sahen sie mit eigenen Augen, was sie den unbestechlichen Geräten nicht hatten glauben wollen: Der Platz zwischen den beiden Resonatorplatten in dem gläsernen Zylinder war leer.